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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-14 · Heft 46 (14.11.1919) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 46 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
Seite 525 (sequence 9)
Language
German
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525 -- zum Doktor Promoviert. Aber -langst vor diesem äußeren Abschlüsse seiner akademischen Lausbahn mar sowohl in seinem engeren Freundeskreise als weithin in der Oefsentlichkeit sein Name und sein Ansehen fest begründet, und in dem neugegründeten „Verein fürKult u r und W i s s e n s ch a s t des Iude n tu m s" wurde Zunz der eigentliche Mittelpunkt. Von ernstem, idealenr Streben erfüllt, traten am 7. November 1819 drei junge geistvolle Männer zusammen — Eduard Gans, Moses Moser und Leopold Zunz — und gründeten diesen Verein, dem sich bald weitere Gleichgesinnte, welche auf der Höhe der Zeitbildung standen und für Wissenschaft, Freiheit und Idealismus schwärmten, anschlossen. Sie stellten sich zum Ziel, die Judendurcheinen von innen heraus sich entwickelnden Bisdungsgang mit dem Zeitalter und den Staaten, in denen sie leben', in Harmonie zu setzen. Die erste Ordens'bedingung der Gründer war, treu bei 'dem Judentum auszuharren, den Verlockungen der Kirche tapfer zu widerstehen und so dem jungen Geschlecht ein leuchtendes Vorbild von Standhaftigkeit und Selbständigkeit zu geben. Aber der Verein vergriff sich in den Mitteln und die Praktische Ausübung der idealen Zwecke versagte gänzlich. Einerseits hatte Hegel, der tiefe Denker, aber auch der Hof- und Kirchenphilosoph, die jüdische Jugend in das Labyrinthseines Formelwesens eingeführt und sie halb wirre und irre gemacht, anderseits die Zerfahrenheit unter den damaligen deutschen Inden und der stockkirchliche Sinn des Preußischen Hofes ließen in Berlin eine „Gesellschaft zur Beförderung der Bekehrung unter den Juden" entstehen, welche am 9. Februar 1822 die königliche Bestätigung erhielt. Die Pläne des Vereins waren von der Reaktion erdrückt und die Zeit war ihrem Ideal noch nicht reif; nach vier bis fünf Jahren blieb von dem Verein nur die schmerzliche Erinnerung, der arge Verdruß über die schönen Ideale, die zerrannen. Die meisten Mitglieder, trotz des stillen Eides, wurden nacheinander fahnenflüchtig, und in dieser widerwärtigen Lage des allgemeinen Abfalls blieb Leopold Zunz der einzige, der treu ausharrte;, ohne Wanken und Schwanken zeigte er bewundernswerte Charaktergröße. Er zweifelte zwar auch, aber verzweifelte nicht, und schrieb im Sommer 1824 an einen Freund, Immanuel Wohlwill, in seiner unbarmherzigen Wahrheitsliebe jene aus bitterster Ironie hervorgegangenen Worte: „Das Judentum, das wir rekonstruieren wollten, ist zerrissen. Noch manche Sonnenwende wird über dieses Geschlecht hinwegrollen und es finden wie heute: zerrissen, überfließend' in die christliche Notroligion, ohne Halt und Prinzip »iw." „Das war Täuschung." Was allein' aus diesem Mab ul (Sintflut) unvergänglich austaucht, das ist die Wissenschaft des Judentums, denn sie lebt, auch wenn jahrhundertelang sich lein Finger für sie regte. Ich gestehe, daß nächst der Ergebung in das Gericht Gottes die Beschäftig>u>ng mit dieser Wissenschaft mein Trost und Halt ist. Aus mich selbst sollen senc Stürme und Erfahrungen keinen Einfluß haben, der mich mit mir selbst in Zwiespalt bringen könnte. Ich habe getan, was ich zu tun für meine Pflicht hielt. Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich zu predigen aufgehört, doch nicht um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden. . . Nichts bleibt den Mitgliedern, ccks treu sich selber in ihren beschränkten Kreisen zu wirken und Gott das Weitere zu überlassen." Heinrich Heine, der ebenfalls jenem geistreichen Kreise des Kulturvereins -angehörte, -dem aber, wie den anderen Mitgliedern, jene Ch-arakter-größe fehlte, schrieb noch in seinen letzten Jahren, da er die Bilanz seines Lebens zog, von seinem Freunde Leopold Zunz, daß er „in einer schwankenden Uebergangsperiode immer die unerschütterliche Unwandelbarkeit offenbarte und trotz seinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit, dennoch treu blieb dem festgegebenen Worte, der großmütigen Grille seiner Seele. Mann der Rede und der Tat, hat er geschasst und gewirkt, wo andere träumten und nutzlos hinfanken". Zunz war eben ein Talent Und ein Charakter zugleich, und zri einer Zeit, wo seine Umgebung auch noch nicht einmal das Wort in seinem einfachen Urfinn verstanden hätte, sprach er es kühn aus, dieses Wort, "das sein Leitstern fürs Leben wurde: die Wissenschaft des Judentums')! Die einzige ersprießliche Tat, die jener Berliner Kulturverein geschaffen, sie ist von Zunz ausgegangen, war nämliäi die „Zeitschrift für die Wissenschaft >des Judentums". Und ob auch nur drei Hefte (in einem Bande) — 1823 — von dieser Zeitschrift erschienen sind, befanden sich doch darin drei ausgereiste Früchte von Zunz: „Ueber die in den hebräisch-jüdischen Schriften vorkommenden hispanischen Ortsnamen", die bahnbrechende Lebensbeschreibung „Sälonw ben Jsak gen. Rasch!" und die selbst heute noch richtunggebenden „Grundlinien zu einer künftigen Statistik der Juden". „Und wenn der Kulturverein, der so hochstrebend begann und so kläglich endete, auch nur dieses eine erwirkt hätte, die Liebe zur Wissenschaft des Judentums zu erwecken, so ist sein Träumen und Treiben doch nicht vergeblich gewesen. In der Geschichte geht kein Körnchen zugrunde."") Zunz zählte auch zu den ersten und besten Meistern der deutschen Predigt um Jüdentüm, aber eine großzügige umfangreiche Tätigkeit bljeb ihm merkwürdigerweise vorenthalten, als wäre es geradezu Bestimmung, daß der Gelehrte ausschließlich und unabhängig durch seine epochemachenden Werke wirken soll. Schon im Juni 1819, als er von einem Gemeindevorsteher in Hamburg aufgefordert wurde, sich um die Pvedigerstelle des Hamburger Tempels zu bewerben, zeigt der junge Zunz einen seltenen Charakterzug, er tritt freiwillig zurück aus Freundschaft für einen anderen Bewerber, den er sogar warm empfiehlt. Den ersten Versuch mit einer schriftlichen Bewerbung machte Zunz erst 1820, als die Synagogengemeinde Königsberg i. Pr. -zur Reorganisation ihrer Schule einen gebildeten Religionslehrer anstellen wollte, und Baruch Lindau, einer der letzten Measfim, die Aufmerksamkeit auf den jungen Zunz lenkte. Das Schreiben, das Zunz auf dessen Veranlassung am 17. März nach Königsberg richtete, enthielt die sehr bemerkenswerte Anschauung des jugendlichen kenntnisreichen Bewerbers: „Die Religion-, >vie sie unterrichtet werden sollte, ist die Grundlage alles Unterrichts — alles veredelnden Denkens und Handelns — die Mutter der Seelengröße und die Führerin über das Grab hinweg. Bis jetzt ist sie unter den Inden von zwei Feinden gemiß-h-andelt worden: s) vom Aberglauben, der uns die Frönnnler, die Müßiggänger, die Unwissenden erzog, d) von der Vernünftele!, die uns die Heuchler, Egoisten, Abtrünnigen und Irreligiösen bildete. Ter lautere Unterricht in Religion, gibt dcü Kindern nichts trocken Historisches, nichts unsinnig Wunderbares, nichts christlich Feindseliges — wie überall die Schullehrer dieses Glaubens den Knaben den Judenhaß mit der Muttermilch einimpfen—, er besteht nicht in elender Auswendiglernerei von Sprüchen oder in wissenschaftlicher Begründung mystischen Aberglaubens, sondern er sucht das Gemüt des Kindes durch eindringliche Worte und noch cindringcndcrcs Beispiel für Religion zu erwärmen, ihnen eine Stütze zu geben sür die Stürme des Lebens, die sanften Tugenden der Liebe in ihr Herz zu pflanzen und sie des Glückes teilhastig zu machen, das der Verehrer der göttlichen Vorsehung genießt."") Dieses ideale Programm bildet -die Erweckung des religiösen und geschichtlichen Gefühls, wie sie Jehuda Halevi im Kusari vorzeichnet. Nichtsdestoweniger erhielt Zunz diese Stell« nicht, und die „Stadt der reinen Vernunft" ist der Ehre verlustig geworden, den angehenden größten jüdischen Forscher ein« Zeittang in ihren Mauern besessen zu haben. Wie später die Verdienste Zunzens um die Begründung der Wissenschaft des Judentums und um die Verjüngung des reli- ') Karpeles, „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1894, Nr. 33. ■"') Grätz „Geschichte der Juden", Bd. 11, S. 447. ") Maybanm, „Ans dein Leben von Leopold Zunz" (Berlin 1894).

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