Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229436--75318-3287819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
524 worden. Ihre äußere Formen sind dem romanischen Baustil, anqelehnt. Der große Betsaal mit seiner k-assettenartigen Holzdecke und seiner bis zwei Meter hohen Holztäfelung der Wände macht auf den Besucher einen warmen, stimmungsvollen Eindruck. Der Gottesdienst wird nach dem Ritus der Neuen Synagoge in Berlin äbgehalten. Auch der Religionsunterricht wird aufs beste gepflegt. Die Religionsschule, die unter Aufsicht einer von den Repräsentanten gewählten Schulkommisston steht, wird von allen schulpflichtigen Kindern der Gemeinde — augenblicklich 30 — besucht. Da diese fast alle auch Schüler bzw. Schülerinnen der höheren Schulen sind, wird der Religionsunterricht auch daselbst erteilt, und die Jugend genießt ihn bis zur Schulentlassung. Wovon uns die Chronik ferner noch -erzählt und was heutzutage ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, ist das friedliche, ja harmonische Zusammenleben und Z u sammen w irken u n serer Gemeindemitglieder mit den Mitbürgern der anderen Konfessionen. Es ist hier allgemein bekannt und wird auch anerkannt, daß das Emporblühen der hiesigen Industrie und somit auch der Wohlstand der Stadt aufs engste verknüpft ist mit der Arbeit ihrer jüdischen Bürger. Seit dem Jahre 1853 ist die einst von Friedrich dem Großen begründete „GeraischeZeugfabrique" als Firma Tannebaum, Pariser & Co. im Besitz der Familie Pariser, die sie zu einer großen, modernen Tuchfabrik gestalteten; sie ist der Grundpfeiler der Luckenwälder Tuchindustrie geworden, und in ihr finden zirka 500 schäftigung. Ganz neue Wege wurden der hiesigen Industrie gewiesen durch den verstorbenen Kommerzienrat Carl Goldschmidt, der im Jahre 1875 die Wollhutfabrikation hier einführte, und durch den Fabrikanten Julius Hirsch, der 1890 die erste Bronzewarenfabrik hier errichtete. Auf dem von diesen Männern vorbereiteten Boden bauten andere weiter, so daß heute Luckenwalde auf diesen Industriegebieten einen bedeutenden Ruf in der Welt genießt. Auch in der Stadtverwaltung entfalteten mehrere unserer Gemeindemitglieder als Stadträte und Stadtverordnete eine produktive Tätigkeit, und noch heute ist unser Repräsen¬ I ’fe.-: Die Luckenwalder Synagoge — Innenansicht des Beetsaales. Arbeiter und Angestellte Betantenvorsteher und ehemaliger Stadtvcrordnetenvorsteher Gustav Bauchwitz als Stadtverordneter ein eifriger Mitarbeiter im, Stadtparlament. Dieses Wirken und Schaffen für das Emporblühen der Stadt findet seine harmonische Ergänzung in den vielfachen Wohlsahrtseinrichtungen, wie Volksküche und Säuglingsheim, und in arideren sozialen Bestrebungen, die von einzelnen Gemeiudemitgliedern ins Leben gerufen wurden. Kapitalstiftungen von insgesamt mehr als einer halben Million Mark sind im Laufe der letzten Jahre von einzelnen jüdischen Familien der Stadtgemeinde zugeführt worden. Sie finden zum Auf- und Ausbau sozialer Einrichtungen Verwendung oder kommen den Hinterbliebenen der im KriogeGefallenen zugute. Weil dieses gemeinnützige Wirken unserer Gemeindemitglieder eine nicht wegzuleugnende Tatsache ist und auch von christlicher Seite allgemein anerkannt wird, ist der hiesige Ort kein Boden für den heute . anderwärts so üppig emporsprießenden Antisemitismus. Vorsteher der Gemeinde ist der Fabrikbesitzer S. Herrmann. Unter seiner Führung konnte sie die geschilderte Entwicklung nehmen und ein blühendes Gemeinwesen werden, das dem jüdischen Namen alle Ehre macht. Wenn die Gemeinde in ihrer Gesamtheit auch einer religiösliberalen Auffassung huldigt und nicht jeden alten Gebrauch zum Dogma erhebt, so wird doch das Hauptprinzip deS Judentums, durch die Religion der Menschheit zu dienen, in ihrer i ' Mitte verwirklicht. Das ist praktisches Judentum! Denn wer der Menschheit dient, dient Gott. Der flltmeilter drr WMenlchakt des Judentums. Dr. Leopold Zunz, geb. 10. August 1794 in Detmold, gest. 18. März 1886 in Berlin. Von Leon Schein haus (Memel). H. ^|trt Jahre 1819 hatte Leopold Zunz seine philosophischen V Studien in Berilin „aufs rühmlichste" (beendet und am 2. Jattuirtr 1821 wurde er von der philosophischen Fakultät Halle