Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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523 Lum Jubiläum der Synagogengemeinde?u Lockrnwaidr. Von I. Freudenthal (Luckenwalde). 4 m Sabbat B'reschith beging unsere Gemeinde den Xi- 50jährigen Gedenktag ihres Bestehens. Ueber die würdige gottesdienstliche Feier anläßlich dieses Ereignisses ist in dieser Zeitung schon berichtet worden. AIS Jubiläumsschrift ist die im Aufträge des Vorstandes von mir verfaßte „Chronik der Synago gengemeinde und deren Vorgeschichte" erschienen, die nicht nur in der Gemeinde und bei unseren Mitbürgern der anderen Konfessionen freudig willkommen geheißen wurde, sondern auch außerhalb Luckenwaldes eine günstige Aufnahme gefunden hat. Gern komme ich dem Wunsche der verehrten Redaktion nach, im Rahmen eines Zeitungsartikels einiges aus dieser Chronik mitzuteilen. um damit auch gleichzeitig einem größeren jüdischen Publikum, dessen Interesse ich voraussetzen darf, Kenntnis von der Geschichte, der Entwicklung und dem Wirken unserer Gemeinde zu geben. Die Geschichte der Gemeinde beginnt mit dem Jahre 1735. Wohl hatte schon früher hie und da einmal vorübergehend ein Jude hier gewohnt, aber der dauernde, nur durch eine Ausweisung auf kurze Zeit unterbrochene Aufenthalt einiger Schutzjudenfamilien begann in dem genannten Jahre. Hart und grausam griffen in das Leben dieser Familien die den Geist mittelalterlicher Gesetzgebung atmenden Verordnungen Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen ein. Die vielfachen hohen Abgaben, wie „Schutz-, Calender-, Recruten- und tno ntis-pietatis-Gelder", machten ihnen das Leben recht sauer. Die „Dispensation" bei Heiraten, die Silbevabgabe und Porzellanentnahme trugen das Weitere dazu bei, ihren kärglichen Verdienst noch mehr zu schmälern und sie zu einem kümmerlichen Dasein zu verurteilen. Auch Judeneid und Leibzoll waren nicht die geeigneten Mittel, sie zu „guten Untertanen" im Sinne Friedrichs des Großen zu erziehen. Zu all diesem Elend gesellte sich noch die Ausweisung der Juden aus dem Herzogtum Magdeburg, dem Saale- und Mansfeildischen Kreise, von welcher Maßregel auch die hiesigen MdL' Die Luckenwalder Synagoge — Außenansicht. Juden im Jahre 1754 betroffen wurden, fo daß von 1754 bis 1762 keine Juden in Luckenwalde wohnten. Erst nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges (1763) erteilte Friedrich der Große 'einer Schutzjudenfamilie wieder ein Privilegium „auf Luckenwalde", und nun wurde der Aufenthalt der Juden in der hiesigen Stadt ein wirklich dauernder. Als das Edikt vom 11. März 1812 dem Elend des Schutzjudentums ein Ende machte, konnten hierorts drei Familien mit zwölf Seelen die Segnungen der Emanzipation genießen. Bei der nächstwichtigen Etappe in der Geschichte der Juden Preußens, dem Erlasse des Gesetzes von 1847 „die Verhältnisse _der Juden betreffend", zählte man im Kreise Jüterbog - Luckenwalde "acht jüdische Familien mit 45 Seelen. Das erwähnte Gesetz ließ ihnen die Wahl, sich zu einer selbständigen Gemeinde zu organisieren oder sich einer bestehenden anzuschließen. Sie taten das letztere, und cs entstand der Synagogenbezivk Beelitz - Treuenbrietzen - Luckenwalde. Eine Freude hatte man in dieser Bezirksgemeinde hier nicht. Obwohl Beelitz, das schon im 13. Jahrhundert Juden in seinen Mauern beherbergte, nur zwei bis drei Meilen von Luckenwalde entfernt liegt, konnten die hiesigen Gemeindemitglieder wegen der umständlichen Bahnverbindung an dem dortigen Gemeindeleben nicht teilnehmen. Und so wurde — nachdem auch die hiesige Mitgliederanzahl innerhalb zweier Jahrzehnte auf 25 angewachfen war - der Wunsch nach einer selbständigen Gemeinde immer stärker, die auch im Jahre 1869 begründet wurde. Während heute Beelitz- Treuenbrietzen nur noch das Schattendasein einer Gemeinde fristen, hat sich die hiesige Gemeinde in diesem Zeitraum zur schönsten Blüte entfaltet. Sie ist zurzeit mit ihren 44 steuerpflichtigen Mitgliedern eine von den größten der leider immer kleiner werdenden Provinzgemeinden. Sie besitzt alle Institutionen, die das Charakteristikum einer jüdischen Gemeinde bilden. Der Friedhof ist schon im Jahre 1815 angelegt worden. Er erfuhr in den letzten Jahrzehnten eine bedeutende Erweiterung und ist in seiner jetzigen Gestalt ein würdiger Ruheplatz für unsere Entschlafenen. Die Synagoge äst noch jüngeren Datums. Sie ist int Jahre 1897 auf dem von dem verstorbenen Fabrikbesitzer Moritz Herrmann der Gemeinde geschenkten Bauplatz errichtet