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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-14 · Heft 46 (14.11.1919) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 46 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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521 Station in der Republik Oesterreich fehlen die unerläßlichen. Grundlagen dbv sprachlichen Gemeinschaft lind der geschlossenen territorialen Siedelstüg. Die Zustimmung und Förderung aber, die die jüdischnätivnüle Bewegung von seiten der antisemitischen Parteien findet, läßt uns deutlich ihre. Gefahr für die öffentliche Rechtsstellung der Staatsbürger jüdischen Glaubens erkennen. An Stelle der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung soll ein fragwürdiger Minoritätsschutztreten. ' Das wäre der erste Schritt zu einer Sondergesetzgebung, deren Begrenzung nicht in unserem, sondern im Willen der Mehrheit läge. Wir werden deshalb alle Bestrebungen für die Anerkennung einer jüdischen Nation in Oesterreich — mögen sie von antisemitischer oder jüdischnationaler-Seite oder gar von beiden zusammen ausgehen — auch fernerhin mit allen zulässigen Mitteln bekämpfen. * Beffeimng de* Lage der Jwderr in Ostgnlizien? Wir erhalten aus Ostgalizien folgendes Stimmungsbild: Von Zeit zu Zeit wird -man noch an die früheren Zeiten der furchtbaren Verfolgungen erinnert: so hat man in Monasteszifka während der Neu-jahrsfeiertage die Juden aus der Synagoge wie eine Herde zu bm Zwangsarbeiten hinausgetrieben und -die Soldaten haben sie mißhandelt. In Kolomea ist die jüdische Sprache verboten worden und der dortige Gemeindevorsteher bestraft Juden für -die geringf-ügigsten Sachen mit harten Arreststrafen. Man gibt den Juden keine Pässe und stört auch den jüdischen Handel. Eine große Anzahl Juden wird noch in Internierungslagern geplagt. Indessen wird es jeden. Tag besser, weil alle diese Geschehnisse nicht mehr wie früher die Regel, die gewöhnliche Tagesordnung unseres Lebens bilden, sondern sie kommen sporadisch und vereinzelt vor. Sie stellen nicht die Regel dar, weil die heutigen Vertreter der polnischen Regierung offenbar zu verstehen beginnen, daß; mit den Juden Pogromen und dem ewigen Judenhaß sie die Judensrage in Polen nicht lösen, noch Ruhe und Ordnung, welcher bas Land jetzt so sehr bedarf, einsühren werden. Namentlich bemüht sich der heutige Fi-nauzminister Bt.lins.ki, eine Verständigung mit der jüdischen Bevölkerung >herbeizusühr-en, weil er sich bewußt ist, daß ohne die Hilfeder Juden in Polen, -alle seine Finanzprojekte durchsallen werden und ohne die Sympathien der ausländischen Juden er niemals imstande sein wird, die Finanzen des jungen Staates auf eine gesunde Grundlage zu stellen. Es ist allerdings eine große Frage, ob -ckuch feine Ministerlollegen seine Politik betreffend die Juden unterstützen werden oder nicht, und wohl die nächsten Tage werden darüber eine Entscheidung bringen. Mit den A-ssimitanten rechnet mau heutzutage nicht mehr in Ostgalizien. Man -ist 'beinahe sicher, daß die Partei Löwenstein- W-afser -ganz aus dem politischen Leben ausscheiden wird. Kulturell und ökononrisch ist der Zustand des ostgalizischen Judentums ein gar trauriger. Der Handel hat mit den großen Tr-ansportschwierigkeiten zu kämpfen. Es ist schwer, Ware ins Land hineinzubekommen, und die Behörden unterstützen natürlich nur den ch r istlich-Polnischen Handel. Ter Schwerpunkt des Handels ist schon heute von Wien nach Warschau -verlegt worden-. Schuhe taust man in Radom und nicht mehr in Böhmen, Papier in Czenstocha-u und nicht in Wien.. Galanteriewaren wirdman bald aus Warschaubeziehen müssen, weil zurzeit es fast unmöglich ist, Ware aus Wien hereinzubekommen. . Der jüdische. Handels stand organisiert sich: die. Mehlhändler haben eine starke Fachorganisatiirn gegründet, die Engroshändler sind im . Begriff,. eine -große Einka-ussgesellschast in Lemberg zu gründen. Sehr traurig ist die Lage des jüdischen Handwerkers. Er hat keine Materialien, keine Maschinen -und kein« Kapital. Nur auf amerikanische Hilfe wartet man jetzt bei uns, weil ohne diese Hilfe die jüdische - Arbeit im Lande sich nie wird wieder aufrichten können. Auf dem Gebiet unseres kulturellen Lebensherrscht seit den letzten Kämpfen immer noch ein Stillstand; nur in Lemberg entfaltet die hebräische 'Schule eine rege Tätigkeit und die dortige Jugend organisiert einen starken Verein „Zeire-Jehuda". In den - Provinzstädten dagegen ist alles wie abgestorben, und erst in den allerletzten Tagen macht sich das Bestreben bomerkbar, die kulturelle Tätigkeit in- Vereinen, Schulen nsw. wieder zu beginnen. All das ist aber von der politischen Entwicklung -in nächster Zeit abhängig. Wenn die Negierung -in der Tat — wie sie es versprochen hat — die untergeordneten Behörden zwingen wird, die Juden endlich einmal als gleichberechtigte L-andesb-ürger zu betrachten, dann wird bei uns bald ein gar neues und fri-sches Leben beginnen'. Die äußeren Schwierigkeiten zu bekämpfen ist uns nicht leicht. Man ist machtlos, wenn ein polnischer Militärkommandant oder Gemeindevorsteher die Juden -in seinem Städtchen nicht loben lassen will. Wird dieser Mißstand abgestellt werden — und er wird nach und nach abgestellt —, dann werden die 600 000 ostgalizischen Juden beweisen, wieviel innere Kraft und Energie in ihnen steckt und was sie noch leistenkönnen! * Zuv Frage der Sonntagsruhe in Polen. Der Streit -um die Sonntagsruhe geht bekanntlich i-n Polen seit zwei Jahren, ist -aber noch immer nicht entschieden. Tie deutsche Okkupationsverwialtung gewährte den Juden die Sabbatruh-e, -erlaubte ihnen -aber -gleichzeitig, Sonntags einige Stunden die Geschäfte zn öffnen, wovon auch die Polen Gebrauchmachen durften. Wie heute die Dinge stehen, zeigt die folgende Meldung: Ter Ausschuß der Zionisten hat in der Angelegenheit der Sonntagsruhe das Mini-steriulM: des Innern ausgesucht, aber -es wurde ihm daselbst erklärt, daß die lio-k-alen Selbstverwaltun-gsorgane dazu berechtigt sind, Vorschriften über die Geschäftszeit zu -erlassen. Eine Delegation des Zentralverbandes der jüdischen Handwerker begab sich in derselben Angelegenheit zum Landtagsmarschall. Dieser antwortete, daß er persönlich ein Anhänger der einheitlichen Sonntagsruhe sei, die auch in Deutschland verpflichte. Er fügte noch hinzu-, er hätte sich darüber mit dem Senator Acorgenthan unterhalten. -Auch dieser habe zugegeben, -daß der Tag der Sonntagsruhe einheitlich sein müsse. Hierauf hat sich die jüdische Abordnung an die Vertreter der Polnisch-sozialdemokratischen Partei im Landtage gewandt. ■ * . Vom politischen Leben der Juden in der Ukraine. Die ukrainische Zeitung „Schijach" teilt mit, daß am 25. Oktober in Kamenez-Podolsk bei dem Präsidenten des ukrainischen Ministerkabinetts Mazeppa eine wichtige politische Unterredung stattgefunden hat, an der fast 150 Vertreter aller ukrainischen und jüdischen Parteien teilgenommen haben. Das Ziel der Versammlung war die Vereinigung aller Parteien zur Herstellung einer einheitlichen demokratischen Front gegen die Feinde der ukrainischen S-elbständigteit. In seiner Rede hat der Ministerpräsident unter anderem hervorgehoben: Alle Vertreter des demokratischen Blocks der jüdischen Nation haben die Selbständigkeit der Ukraine aus 'ihre Fahne geschrieben und sich aus diese Weise mit uns verbunden und unsere Kräfte vermehrt. Ich glaube aber, daß nicht nur die jüdische, sondern auch die ganze russische Demokratie diese Losung annehmen und damit unsere Position kräftigen wird. Der Schluß der Rede des Ministerpräsidenten galt nochmals der Betonung der einheitlichen demokratischen Front und lautete wörtlich: „Mögen alle Zwistigkeiten zwischen den heute vereinigten Parteien aufhören, mögen alle sich als sichere Bundesgenossen fühlen." Dieser Versammlung ist in der gleichen Stadt (jetzt bekanntlich Sitz der ukrainischen Regierung) eine Konferenz der jüdischen. Partei „Der Bund" vorangegangeu. Als Redner traten der Minister für jüdische Angelegenheiten, Krasny, aber auch Vertreter der christlichen (insbesondere sozial-revolutionären) ukrainischen Parteien auf. Auch hier wurde in einer von der jüdischen- Konferenz initunterzeichnettm Resolution die Selbständigkeit der Ukraine gefordert. Alle diese Resolutionen erklären sich offenbar durch den gegenwärtigen Kampf gegen D-enikin, den Feind der ukrainischen Selbständigkeit und -der Juden. Aus Londoner Pogrom berichten geht aber hervor, daß auchviele Ukrainer die Juden als Feinde betrachten; in dieser Beziehung herrscht Eintracht zwischen Denikin und Petljura. Die ukrainische Regierung macht sich also gegenüber den Juden einer flagranten Inkonsequenz schuldig. ' Kk- 6. O. *

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