Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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» 520 - Kirche sollte viel zu nobel sein, um noch von Leuten Geld zu verlangen, die mit ihr gebrochen haben. (Abg. Adolf! H o f fm ann: Die Kirche hat einen guten Magen!) Das aus dem freiesten Wahlrecht hervorgegangene Parlament muß unter allen Umständen bis Gewissenssreiheit schützen. (Beifall bei den Soz.) Abg. Fasbender (Zentr.): Wir stimmen dem demokratischen Antrag auf Zu rückver Weisung an die RechtskomMission zu. Für die ganze Denkart der Sozialdemokraten ist es bezeichnend, daß sie sofort nach der Revolution die Verordnung zur Erleichterung des Kirchenaustrittes erließ, um so den Massenaustritt zu fördern. Die Sozialdemokratie hat sich immer mehr z u r R e'{i g ionsseindscha s t . e ntwickel t. (Widerspruch und Zurufe bei den Soz. -- Präs. Lein er t: Herr Abg. Steinb r i n k. Sie dürfen einem Abgeordneten nicht zu rufen, er wolle wohl Witze reißen!) Religion und Kirche lassen sich aber nicht trennen. Wir können es nicht billigen, daß durch eine einfache Erklärung beim Gerichtschreiber der Austritt aus der Kirchengemein schalst erfolgen soll. Darum bitten wir um Annahme des demokratischen Antrages. (Beifall im Zentrum.) Abg. I). Reinhard (Teutschnat.): Wir werden dem demokratischen Antrag auf Zurückverweisung des Gesetzes an den Ausschuß zustimmen. Zn Deutschland bestand schon früher die. Gewissensfreiheit: wer aus der Kirche austreten wollte, konnte austreten. (Lachen links.) Der Staat sollte die Kirche in ihrem Bestreben, die Sittlichkeit zu heben, mit allen Mitteln unterstützen. (Bravo! rechts.) Abg. Dr. Rosen fe l d (U. Soz.): Die Freiheit des Kirchena-ustritts stand unter dem alten System nur aus dem Papier. Ich lMte den Beamten sehen mögen, der es gewagt hätte, aus der Landeskirche auszutreten. (Sehr richtig! links. Lachen rechts und im Zentrum.) Die Demokraten, die doch sonst auch immer für die Gewissensfreiheit einzutreten vorgeben, fallen jetzt wie die Wetterfahnen um, da es sich um die Entscheidung handelt. Wir wünschen die Verordnung noch heute zu verabschieden und werden daher den demokratischen Antrag ablehnen. (Beifall bei den U. Soz.) Abg. Dr. Leidig (Teutschnat.): Meine Partei wird dem Anträge der Demokratischen P artei zu stimmen. Die Verordnung, ist von einer gänzlichen Verkennung der Stellung der Kirche zum Volksleben ausgegangen. Tie Kirche können nur doch nicht mit irgendeinem Koglerverein vergleichen, sondern nur mit der anderen großen Gemeinschaft, in die der Mensch hineinwächst, mit beni Staate. Unter allen Umständen muß der Betroffene die Möglichkeit zur reiflichen Ueberlegung des Austrittsfrage haben. Auch bei dem Austritt ans einer Gewerkschaft geben Sie (nach links) dem Betreffenden doch auch Zeit zu reiflicher Ueberlegung, nur mit etwas handgreiflicheren Mitteln. (Heiterkeit.) Abg. Rade (Dem.): Wir müssen uns dagegen wehren, daß es jetzt so dargestellt wird, als ob die Demokraten dem Gesetz im Reichsausschuß glatt zu gestimmt hätten. Es ist doch bekannt, daß sich im Ausschuß ein ernsthafter Kamps abgespielt hat. Der formale Grund, aus dem die Vertreter meiner Fraktion im Aus,- schuß schließlich den) Gesetz zugestimmt haben, ist, daß sie glaubten, eine solches Gesetz müßte ohne Aenderung angenommen oder abgelehnt werden. Ihnen (nach links) ist es ja auch nicht darauf angekommen, das Geld zu. sparen, sondern nur, die Kirche zu ärgern. Mau darf nicht sagen, daß Religion und Kirche nichts miteinander zu tun haben. Ihre eigenen Wählermassen werden Sie zur Aenderung Ihres 'Standpunktes zwingen. (Lebhafter Beifall.) Abg. A d o l s H o 's s in a n n (U. Soz.): Tie Kirchen st euer ist die e i n z i g e gerechte S t e u e r, denn wer einer Kirchengemeinschaft angehört, muß auch die Beiträge zahlen. Aber wenn er ausgetreten ist, sollte die Kirche sich schämen, von ihm noch Gelder anzunehmen. Wenn Sie die'Sittlichkeit heben wollen, dann sorgen Sie zunächst dafür, daß .unsere 10- bis 14jährigen Kinder nicht die Bibel, das unsittlichste Buch, das es gibt (Rufe: Pfui!), zu lesen brauchen. Wenn der Austritt beim Pfarrer angemeldet werden muß, werden wir uns auch damit absinden und dafür sorgen, daß die Pfarrer eine recht reichliche Beschäftigung bekommen. Abg. I). Reinhard (Teutschnat.): Wenn die Bibel von geschlechtlichen Dingen redet, redet sie davon, indem sie Sünde Sünde nennt. Sie nennt die Dinge, beim rechten Namen -und läßt immer wieder auf die Sünde , die Strafe folgen. Wir lassen . &W? Kinder die Bibel erst lesen, wenn, sie das nötige.Verständnis dafür haben. Bei der A b st i m m u n g über den demokratischen Antrag .aus Rückverweisung bleibt das Bureau zweifel!haf.t. Es mutz Aus? zählung erfolgen. Bei der Auszählung bleiben die Abgeordneten von rechts -bis zu den Demokraten draußen. Es werden nur 104 Stimmen abgegeben. Das Haus ist also beschlußunfähig. * Amtlicher Antisemitismus. Ein ehemaliger Kriegsgefangener, schreibt die „Welt am Montag", übermittelt uns ein Schreiben, das er Herrn Noske zugestellt hat. In diesem Schreiben heißt es: „Aus zweijähriger Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, . passierte ich das Durchgangslager Dänholm bei Stralsund. Am 8. Oktober, dem letzten Tage unseres dortigen Aufenthalts, wurde abends von einem Leutnant, ich glaube, er hieß Schüler, in Gegenwart eines Majors, anscheinend des Lagerkommandanten, ein Vortrag zwecks politischer Unterweisung vor uns Kriegsgefangenen gehalten. Den Inhalt des Vortrages gebe ich nur sinngemäß wieder, da mir der Text nicht mehr geläufig ist. Gelegentlich der Schilderung der Növeinber-Borgänge erging, sich der Vortragende in scharfen Ausfällen gegen die Juden, die er als die eigentlichen Urheber der Revolution bezeichnet, und denen er die Schuld an dem unglücklichen Allsgange des Krieges und den katastrophalen Zuständen Zuschrieb. Er suchte zu beweisen, daß die Jllden überhaupt während des ganzen Krieges in der Heimat oder in der Etappe in Schreibstuben gesessen hätten, während sie an der Front nicht zu gebrauchen gewesen wären. Er erging sich in zahlreichen Schmähungen niedrigster Art und in gehässigen Bemerkungen über ihr Aussehen etwa in folgenden Worten: „Woran erkennt man diese Leute? Nur an ihren krummen Nasen und ihren krummen Füßen." Der jüdische Briefschreiber, der selbst schon verwundet gewesen ist und, wie er schreibt, als gebrochener Mann aus dem Kriege zurückkehrt, äußert sich mit Recht darüber empört, das antisemitische Gift, von dem er im Ausland nichts gespürt hat, im Inland genau so vorzufinden wie zu den schönsten Zeiten Ahlwardts und Pücklers. Und noch dazu in den Kreisen der Reichswehr! * Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" erläßt folgende Erklärung: Die Forderung nach Anerkennung einer jüdischen Nation in der Republik Oesterreich war bisher lediglich Gegenstand von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der österreichischen Judenschaft. Durch die Anträge des christlichsozialen Abgeordneten Dr. Gimpl und' des jüdischnationalen Abgeordneten Stricker, bei der bevorstehenden Volkszählung das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität zuzulassen, ist diese Frage nunmehr auch zur, parlamentarischen Diskussion gefüllt worden. Die weitergehenden Absichten, von denen sich die Christlichsozialen bei dieser Unterstützung der jüdischnationalen Bestrebungen leiten lassen, gehen aus dem zweiten Antrag Gimpl, die Juden von der Wehrmacht anszuschließen, und aus dem in einer Versammlung formulierten Programm des Abgeordneten Kunschak, die Juden in einen nationalen Zwangskataster zu verweisen und sie zu den öffentlichen Aemtern sowie zu Schulen nur im Verhältnis ihrer Volkszahl Zuzulassen, hervor. Die Anerkennung einer jüdischen Nation in Oesterreich wäre hiernach nur die Voraussetzung für die Aufhebung der staatsgrundsätzlich statuierten Gleichberechtigung und der Beginn einer Ausnahmegesetzgebung für die Juden. Demgegenüber betonen wir «in Uebereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens neuerdings unseren in der Presse und in Versammlungen wiederholt kundgegebenen Standpunkt, daß das einigende Band für die Judenheit nur die in unserer Religion enthaltenen ethischen Grundsätze sind und daß es jedem Juden freistehen müsse, sich zu jener Nationalität zu bekennen, der er sich durch Heimat, Sprache und Erziehung zugehörig fühlt. Für die Konstituierung einer jüdischen