Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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519 hätten. Sogar die „KreuMitung" krebst in ihrer Nummer vom 2. November d. I. mit der Lüge, daß 80 v. H. der Juden in der deutschen Negierung sitzen. Wie will das Junkerblatt die Richtigkeit dieser Behauptung, die einen der berüchtigsten Vertreter des Radauantisemitismus, den bekannten „Organisator" Marten, zum Urheber hat, dartun? Von den Mitgliedern der deutschen Reichsregierung ist ein einziges jüdischer Abstammung: unter denjenigen der preußischen Staatsregierung ist einzig und allein der Ministerpräsident Hirsch Jude. Dasselbe ist auch in Sachsen der Fall; der dortige Ministerpräsident, Dr. Gradnauer, ist aber ein solcher von Gnaden der Rechten; er wurde in der Kammer mit einer Mehrheit von drei Stimmen gewählt und hätte niemals sein Amt erhalten, wenn nicht die Deutschnationalen in ihrer Mehrheit 'für ihneingetreten wären. Und wenn auch seit der Revolution eine Reihe von Staatsämtern in die Hände von solchen- Jiuid-en gelangt ist, «die sich besonders dafür eigneten, während man früher die Juden systematisch von allen solchen Aemtern ausgeschlossen hat, so wird es der „Kreuzzeitung" doch sehr schwer fallen nachzuweisen, daß der Prozentsatz der in öffentlichen Stellungen befindlichen Juden auch nur im entferntesten an die von ihr angegebene Zahl heranreicht. Es ist ja ost genug schon dargetan worden, wie es kam, daß die Juden nach dem Ausbruch der Revolution in einem Verhältnis, das weit über ihr Verhältnis zur Zahl der übrigen Bevölkerung hinausgeht, in leitende und führende Stellungen berufen wurden. Wenn man sie früher grundsätzlich zurückgesetzt und in die Opposition gedrängt hat, so kamen sie selbstverständlich bei der Neuordnung der Dinge in einem erheblichen Umfange als Führer in Betracht. Es ist gewiß auch von jüdischer Seite auf das höchste bedauert worden, daß bei dem merkwürdigen Verlauf, den die Revolution in Bayern genommen hat, die Eisner, Landauer, Mühsam, Toller usw. eine so große Rolle spielen konnten. Wer aber hat diese Leute zu Führern gemacht? Nicht Juden, sondern Christen find es gewesen. Daß die hier erwähnten Juden sich als besonders geschickte, kluge, einsichtige und weitsichtige Politiker erwiesen hätten, wird niemand beim besten Willen behau-pLenkönnen; die Schuld an ihrem Fiasko trifft aber nicht ihre einstigen Glaubensgenossen -- die Betreffenden hatten sich schon läng st vom Judentum losgesagt—, sondern vielmehr die nichtjüdischen Kreise, die sie in die verantwortlichen Stellungen gewählt hatten, vielleicht weil sie ihnen als Juden eine besondere Eignung dafür zugetraut hatten. Hat doch sogar ein Bismarck einmal erklärt, daß er die Juden in hohem Grade zur Führung politischer Geschäfte für befähigt halte. Die deutschnationalen Mitglieder der sächsischen Kammer befanden sich also keineswegs in schlechter Gesellschaft, wenn sie, offenbar von ähnlichen Erwägungen ausgehend, einem Juden zur Ministerpräsidentschaft verhalfen. Und wenn das Volk verschiedentlich bei dem Ausbruch der Revolution Männern, die aus jüdischen Kreisen hervorgegangen sind, Führerrollen anvertraut hat, so hat es genau dasselbe getan wie einst die Konservativen, die dem Juden Stahl eine so wichtige und tonangebende Stellung in ihrer Partei zugewiesen haben, daß noch heute die von ihm aufgestellten Grundsätze für sie maßgebend sind. Welcher Unterschied besteht also zwischen dem Falle Stahl und dem Falle Preuß? Doch nur der, daß der eine sich hat taufen lassen, der andere nicht, sowie, daß der eine sein Talent in den Dienst der konservativen Sache gestellt hat, während der andere sich und seine politischen Gaben in der selbstlosesten Weise den Parteien gewidmet hat, die nach dem durch biic reaktionäre Mißwirtschaft herbeigeführten Zusammenbruch unseres -armen Vaterlandes die Neuordnung unseres Staatswesens übernommen haben. Im übrigen ist der aus jüdischen Kreisen stammende konservative Politiker Stahl, der ursprünglich Schlesinger hieß, als ein klassischer Zeuge dafür anzuführen, daß man gerade von konservativer Seite den Juden nicht xn?T>er Behauptung kommen darf, die Revolution sei der Stern Judas; denn Stahl hat die Revolution direkt als ein „diabolisches Prinzip" bezeichnet, währendsein konservativer Gesinnungsgenosse H. v. Ttreitschke, dem man nicht die geringsten Beziehungen zum Judentum nachsagen kann, in seinen Vorlesungen über Politik erklärt hat, in der Revolution an sich „kein Prinzip> weder -ein-gutes, noch ein böses", zu erblicken. — Wie kindlich, ja geradezu kindisch erscheint demgegenüber die von deutschnationaler Seite immer und immer wieder vorgebrachte Behauptung, daß lediglich die Revolutiondas gegenwärtige Unglück unseres Vaterlandes verschuldet habe. Man kann alten Weibern beiderlei Geschlechts und jeglichen Lebensalters, deren es leider noch genug in Deutschland gib-t, sehr leicht Vorreden, wieviel besser es doch unter dem alten Regime gewesen sei; bei solchen Vergleichen muß natürlich das Urteil sehr zugunsten des alter Regimes ausfallen. — Das Buch des Großadmirals v. Tirpitz sowie die Aussagen des Grafen Bernstorff und des ehemaligen Reichskanzlers v. Bethmann Hollweg enthalten doch wahrlich Material genug, um jedem einigermaßen urteilsfähigen Deutschen den Beweis zu erbringen, daß nicht die Revolution an unserem Unglück schuld ist, daß nicht die Juden die Revolution herbeigeführt haben, sondern daß der verblendete, rückständige Geist des Junkertums und des Militarismus, dem man trotz der großen Entwickelung und Blüte Deutschlands in materieller Hinsicht leider allzu lange die Herrschaft in unserem Vaterlande belassen hat, dieses an den Rand des Abgrundes gebracht hat. In den „Denkwürdigkeit-en" des Generäladj«utanten- Friedrich Wilhelms IV., Leopold v. Gerlach (2 [1892], 24) liest man folgende Aeußerung aus dem Jahre 1852: „Aufgabe eines Staates ist, die herrschenden Teile seiner Einwohner zuvermehren -und den unterworfenen Teil zu vermindern: Germanisieren .gegen die Polen, Prictestantisieren gegen die Römer." Wenn -man sich diese Aeußerung wieder ins Gedächtnis zurückruft, so -wird man zu seinem Schrecken gewahr, daß die Grundsätze, die in diesem lapidaren Satze zum Ausdruck gelaugt sind-, in Preußen-Deuitschland trotz -aller Verdrehungs- und Derschleierungskünste der preußisch-deutschen- Verwaltungstechniker maßgebend .gewesen sind bis zum Ausbruch der. Revolution. Sie gewähren uns den Schlüssel zu der Behandlung der elsaß-lothringischen Frage, der Polenfrage, der Judensrage u-sw. Man erkennt jetzt mit -aller Deutlichkeit, daß das Festhalten an einem derartigen System notwendigerweise zur Katastrophe führen «mußte, die unser Vaterlandheute vor einem Jahre -ereilt hat. Und m-a>g -man sich jetzt auf deutschnationaler Seite noch sosehr bemühen, d-ie Schuld an unserer Niederlage im Weltkriege und an dem Ausbruch der Revolution anderen zuzufchi-eben und gar die Juden zu Sündenböcken zu stempeln, das Endurteil der Geschichte -wird doch d-ahin lauten müssen, daß lediglich -das Festhalten an dem starren, unduldsamen -und rückschrittlichen junkerlich-bureaukratisch-milit-aristischen System die Schuld an dem Niederbruche Deutschlands trägt. * Die in der Sitzung der Landesversammlung vom 4. November stattgefundene Beratung des Gesetzes über die Erleichterung «des Austrittes -aus der Kirche und den jüdischen Synagogengemeinden führte zu einer längeren Debatte, über deren Verlauf die Tagespresse folgendes mitteilt: Abg. Rade (Dem.): Meine Fraktion hat ihren ursprünglichen Antrag zu diesem Gesetzentwurf geändert und beschränkt sich jetzt daraus, die R ü ck verw-e i s u n-g des Entwurfs an den Rechts^ aus-schuß zu beantragen, «der beauftragt «werden soll, einen neuen Entwurf vo-rzul-egen. Es -liegt uns daran, bei dieser Gelegenheit ein Musterbeispiel zu -geben für die Art, wie auf dem Boden der Trennung von- Staat und Kirche eine derartige Materie -geregelt werden -muß. Abg. Bub-ert (Soz.): Den demokratischen Antrag lehnenwir ab. Wir sind über feine Einbringung um so mehr erstaunt, als die Demokraten im Rechtsausschuß mit uns zusammen dem Gesetz zugesti'mmt haben-. Die Verordnung der Volksbeaustragten, «die durch den Gesetzentwurf bestätigt wird, war eine Notwendigkeit, denn ein Hauptziel der Revolution war die Durchsetzung der staatsbürgerlichen Freiheit und Gewissensfreiheit. Die Kirchende hör den haben sich aber züm großen Teil um die Verordnung gar n i cht gekümmert, und noch jetzt wird von Kirchenbehörden der Standpunkt vertreten, daß die Verordnung nicht rechtsgültig sei. Es ist ein Skandal, wenn eine Behörde heute noch erklärt, ohne' Rücksicht auf die Verordnung der Volksbeau-ftragten erheben wir die Kirchensteuer auch von den Ausgetretenen. (Hört, hört!) Ich. frage die Regierung, w-a-s sie «gegen solche U-ebergrifse zu tun gedenkt. Die Revolution hat «chr «eigenes« Recht geschaffen. (L.achen rechts.) Die