Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-07 · Heft 45 (7.11.1919) · p. Seite 514

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 45 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229435--75303-3287803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

514 beim Blute deines Nächsten. Lev. 19, 16. Tu füllst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, sogar Len Fremdbürtigen, der nicht deines Volkes ist. Lev. 19, 18 und 34. Der Stärkere muß für den Schwächeren sorgen. Wenn dein Bruder verarmt, mußt du ihm aufhelfen durch Geschenk und Darlehn ohne Zinsem Lev. 25, 35, 36. Bei der Ernte sollst du des Armen Gedenken. Lev. 23, 22. Wenn du Pfand nehmen willst, vergiß die Liebe nicht. Ex. 22, 25, und Handmühle und Kleid der Witwe darfst du nicht pfänden. (Hier ließe sich Deut. 15, 1 bis 18 ansühren und an Schmitta, Jobel, Sklavenschutzgesetze der Gedanke der Verantwortung für den Schwächeren ausführen. Auch folgendes wäre hervorznheben: Deut. 21 lesen wir: Wenn auf freiem Felde ein Mensch erschlagen' gefunden wird, man kennt den Täter nicht, dann bringen die Aeltesten der nächstgelegenen Stadt ein Sühneopfer und bekennen (21,7): Unsere Hände haben nicht das Blut vergossen, und unsere Augen haben cs nicht gesehen, d. h. wir haben alles getan, um ein Verbrechen zu verhüten.) b) Wir Menschen müssen bestrebt sein, unser eigenes Leben so zu gestalten, daß wir unseren Brüdern dienen, und so auf die Ordnung der Verhältnisse einwirken, daß Unrecht möglichst verhütet werde. In diesem Sinne wollen die Gesetze unserer Thora den Gegensatz zwischen arm und reich überbrücken. Der Reiche muß seinen Besitz als Lohn an sehen und ihn im Sinne Gottes für den Armen verwenden. Ter Arme muß die Grenzen deS Besitzes achten und sich in den göttlichen Willen geduldig fügen, nach welchem die Menschen einen verschiedenen Anteil an den Erdengütern haben! würde doch der Kulturfortschritt aufhören, wenn die Ungleichheit des Besitzes schwände. Freilich darf aber unser Streben auch nicht erlahmen, die Ansammlung zu großer Reichtümer zu verhindern und das Bettelelend zu bekämpfen. Hier liegt die Grundabsicht der Thoravorschrift über Erlaß- und Jobeljahr. Lev. 25, 11. Im Sinne und Geiste unserer Propheten, dieser Anwälte der Armen, werden wir den Reichen die Pflichten einschürsen, die mit dem Besitze verknüpft sind. So muß dem Abhängigen gegenüber sein Recht auf Arbeit und auf entsprechenden Lohn, der Anspruch auf Ruhe und auf Führung eine* menschenwürdigen Daseins (Wohnungsnot!) anerkannt werden. Dienst am Nächsten, Hingabe und Aufopferung für sein Wohl, das heißt Hüter seines Bruders sein. Kranken- und Siechenpflege. Auch in moralischer Beziehung: im Kampfe gegen Trunksucht und Unzucht, in der Fürsorge für Gesunkene und Entartete. Wie tragisch, daß Nietzsche, der eine Moral der Selbstsucht predigte und der rücksichtslos sein Ich auslebender Uebermenschen mit seiner unvergleichlichen Sprachgeivalt verherrlichte, in seinem schweren Siechtum ganz ans die selbstlose Liebe der Seinen angewiesen war! -i. S ü n d f l u t. Hier erinnern wir auf der Oberstufe daran, daß auch andere Völker die Erinnerung au eine große Wasserkatastrophe gewahrt haben. Sie bieten uns darüber Mythen, die bar sind jedes sittlichen Gehaltes. Anders die Thora. Sie, die die Schöpfung nicht als Kosmogenie, sondern als sittlich belehrende Naturpredigt darstellt, schildert auch die Zerstörung als Offenbarung der göttlichen Macht und als einen Triumph der sittlichen Ordnung. Die ganze Schöpfung verdient den Untergang, wenn nicht Recht und Treue in ihr herrschen. Die Natur steht so im letzten Ende im Bunde mit dem sittlichen Weltzwecke. So fanden auch später die Propheten in den Katastrophen des Völkerlebens die Bestätigung und die Betätigung des göttlichen Machtbereichs. Nun sieht man allerdings bei solchen Kalamitäten den Guten wie den Bösen umkommen. Wie hat das Erdbeben zu Lissabon die religiösen Zweifel des Knaben Goethe wachgerufen! Es drängt sich hier wieder das Problem der Theodieee auf. Wir werden sagen müssen, daß wir im. einzelnen die göttliche Weltordnung, die wir verehren, nicht begreifen, und fühlen uns gerade -aus der Erfahrung, daß auch der Edle von Leid und Not hienieden betroffen wird, gedrängt, an eine Welt des Geistes und der Ewigkeit zu glauben. Indem hier e i n e Menschenfamilie gerettet wird, wird noch einmal die Einheit des Menschengeschlechts gepredigt, und die Völkertasel (Gen. 10) zeigt, wie alle Böller eine große zusammengehörige Familie bilden. Dieser Universalismus blieb Herzpnnkt des Judentums auch dann, als es zu seiner Selbsterhaltung von der Umwelt sich abschließen mußte. Der Lehrer wird gut tun, hier die Stellen, welche diesen Grundzug unserer Religion ausprägen, etwa in folgender Auswahl zu bieten: -Gen. 12,2, Er. 19,56, Lev. 19,18,34. l. Reg. 8, 42/43, II. Reg. 6,15. Jes. 2 ff., 11 fs., 56. Ps. 15. Ich würde es auch für sehr angebracht halten, hier gleich zu zeigen, daß auch der Talmud bei feiner strengen Gesetzlichkeit den Zug ins Universale nicht verleugnet. Beispiele in Lewys Parabeln, und Legenden aus dem Talmud oder für den quellenkundigen Lehrer Sabb. 86 b, Chagg. 54 a, Sanh. 105 a, Sauh. 39 b. Lrnjamilis Liebeslied. (18. Nom an von L a m u e I M e t s e l s. ie suchten den Ausgang und waren froh, ihn nicht zu finden. Siegingen enger aneinandergeschmiegt, daßeiner des anderen Atem fühlen konnte. Und ihr Atem Hing schwer und tief wie der Atem des dürstenden Waldes. Es war, als zöge einer den andern und als folgte er ihm zugleich. Es durchrieselte sie ein Wonneschaner, in dem zwei ungleichartige Gefühle, das der Furcht und das der Sicherheit, einander kreuzten und in eins verschmolzen. Auf ihren gemeinsamen Wanderungen auf dem Schloßberg hatten sie nie diesen Schauer empfunden; dort war die Nähe der Stadt zu fühlbar, als daß sie das Alleinsein mit allen seinen, Heimlichkeiten und Unheimlichkeiten hätten genießen können. Hier waren sie in einen Zauberkreis eingesponnen, eingeschlossen, abgeschlossen, -vom Dickicht von der Welt gesondert, hier waren sie allein mit der Natur und mit sich selbst. Sie gingen aus verschlungenen Stegen, sie bahnten sich durch dichte Laubmassen einen Weg, sie stolperten über manche bloßgelegte Baumwurzel -- alles taten sie gemeinsam und zu gleicher Zeit. Denn sie gingen ineinandergehättgt und fühlten erst jetzt so recht, daß sie zueinander gehörten, und kosteten die Wonnen der Freiheit gerade darin, daß sie sich gegenseitig der Bewegungsfreiheit beraubten? Die Wanderung dauerte lange, das Schweigen hielt an, und sie waren sich gar nicht bewußt, daß sie wandernd schwiegen und schweigend wanderten. Da zeigte sich eine Waldlichtung und ein breiter Pfad, der geradeaus in weite Ferne zu laufen schien. „Wir gehen diesen geraden Weg, da gehen wir nicht fehl", sagte Sara-Lea. „Wir gehen den Weg der Gerechten, da kommen wir am ehesten ans Ziel", scherzte darauf Benjamin. Als sie aus dem Walde waren, kam ihnen Frau Eisenhardt entgegen. „Ich Hab' euch -gesucht, Kinder", sagte sie, und ihre Augen lachten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.