Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 515 Zu Hause aß man dann Walderdbeeren mit Sahne und war guter Dinge. Frau Eisenhardt sprach von den Juden in Krakau und entwarf recht anschauliche Schilderungen! von i ihrem häuslichen und gesellschaftlichen Leben; sie lobte ihren ausgeprägten Familiensinn, ihre Patriarchalischen Sitten, ihre unerschütterliche Glau'benstreue, sie tadelte dagegen die Art,! wie sie die Jugend erziehen. In Krakau, sagte sie, ist jedes; bessere jüdische Mädchen eine höhere Tochter, die ein Lyzeum! besucht, Klavier spielt. Französisch spricht, Tanzen lernt, i Nietzsche und Przybyszewski liest und in Theater-, Kunst- und; Literaturfragen ihrem Mann stellt; die Söhne hingegen dürften! nicht studieren, nichts lernen, nichts wissen, denn das, glaubt man, führe zur Aufgeklärtheit und zu guter Letzt zur Preisgabe! der heiligen Sitten und Gebräuche.! Benjamin erklärte, daß man anderswo in frommen jü-; dischen Kreisen den gleichen Anschauungen huldige, die Töchter; alle Freiheiten genießen lasse, den Sohn dagegen gar keine.; Sara-Lea bemerkte dazu, sie sehe in dieser Doppelmethode > der Jugenderziehung den Beweis, daß man; die Denkfähigkeit! der Frau etwas gering anschlage. Man gebe der Frau alle Freiheiten, weil man nicht befürchtet, daß sie selbständig davon Gebrauch machen werde; man sei überzeugt, daß die Frau, j gleichviel ob sie gebildet ist oder nicht, stets nach der Pfeife ihres Mannes tanzen würde. Deshalb sei man auch nur bedacht, die Gläubigkeit und Gesetzestreue des Mannes vor jeder Gefahr zu bewahren. Die Bemerkung Sara-Leas gab Frau Eisenhardt Anlaß, die Krakauer Erziehungsmethode in Grund und Boden zu verurteilen. Mit großem Geschick und vielem Temperament geißelte sie die Torheit der Eltern und wies auf die bösen Folgen hin, die diese Erziehungsmetlhode zeitige. Benjamin pflichtete ihr bei und nannte diese Erziehungsmethode eine Kraft, die Gutes will und Böses schafft — welche schöne Variante den Beifall der Frau Eisenhardt heraussorderte. Nur Sara-Lea versuchte, dieser Erziehungsmethode auch eine gute Seite abzugewinnen. Eine solche schlechte Erziehungsmethode, meinte sie, schlaffe notwendig den Boden, ans dem die Willensstärken und Selbständigen gedeihen. Sie wies nach, daß gerade aus jenen Kreisen, die mit allen Machtmitteln ihre Söhne vor der Berührung mit dem Zeitgeiste behüten, Männer hervorgehen, die aus eigener Machtvollkommenheit die Bahn für sich frei machen und sich durch eine Art Selbsterziehung, durch Fleiß, Energie und selbständiges Handeln eine Position im modernen Leben verschaffen. So wogte das Gespräch lange hin und her, und es wäre sicherlich noch länger fortgesponnen worden, wenn sich nicht Frau Eisenhardt zufällig an ihre Zeitung erinnert hätte. Frau Eisenhardt war nämlich bei einer Nachbarin, einer wohlbekannten Dame aus der Stadt, auf das „Wiener Journal" snbabonniert, und sie wollte rasch einen Sprung machen und sich die Zeitung holen. Und sie machte diesen Sprung, die gute Tante aus Krakau, und — das Gespräch nahm jäh eine Wendung. Zunächst trat, wie immer in solchen Fällen, eine kurze Pause ein. Dann rückte Benjamin seinen Stuhl näher an den Sara-Leas heran, ergriff ihre Hand und sah ihr tief ins Auge. „Die Bahn für sich frei machen, sagtest du; ja, ja, Sara- Lea, das gilt's." „Freilich, das gilt's", erwiderte Sara-Lea. Nach einer Weile fuhr Benjamin sortr „Wie lange bleibt ihr noch hier auf dem Lande, .Sara- Lea?" „Noch zwei Wochen." „In dieser Zeit wird sich's entscheiden." Sara-Lea sah ihn mit leuchtenden Augen an. „Wie meinst du denn das?" „In dieser Zeit wird fich's entscheiden, ob ich aus eigener Machtvollkommenheit die Bahn für mich frei machen muß, oder —" Sie fiel ihm ins Wort: „Oder —~ auf dieses Oder sind kaum irgendwelche Hoffnungen zu seben!" „Warum, Sara-Lea? Mir will es noch immer nicht einleuchten. Was hat dein Vater denn gegen mich? Ich will morgen meinen Onkel zu ihm schicken; ich hoffe noch immer, daß er sich unserem Glücke nicht in den Weg stellen wird. Ja. was in aller Welt hat dein Vater an mir auszusetzen?" „Du bist ihm nicht fromm genug." „Fromm? — Allerdings .. Aber in all den Jahren Hab' ich nichts getan, womit ich gegen die herkömmlichen Sitten und Gebräuche verstoßen hätte. In all den Jahren hat dein Vater nichts von mir gesehen, was er in seinem Sinne schlecht nennen könnte." Er lachte voller Vetzweiflung. „Sollten mein Bild und das Liebeslied ein Ehehindernis sein?" „Liebe vor der Hochzeit ist meinem Vater Ehehindernis genug," sagte darauf Sara-Lea. Liebe vor der Hochzeit! — Das war ein Blitz, der Benjamin die ganze Situation erhellte. Hatte Benjamin denn das nicht gewußt? Freilich wußte er es; aber er wußte es so, wie man vom Gewohnheitsmäßigen weiß, er wußte es, ohne dessen Gesetzmäßigkeit und tieferen Sinn zu kennen. Jetzt sah er klar: In den chasfidischen Kreisen spart der junge Mann sein in Glutflammen lohendes Herz für die ihm angetraute Ehegenossin auf; nach der Hochzeit darf er das Weib, das nunmehr nach den Gesetzen Mosis und Israels fein Weib ist, mit allen Gluten seines feurigen unverbrauchten Herzens lieben. Aber wehe ihm, wenn er das Weib zu lieben wagt, bevor er den Ring ihm an den Finger gesteckt, oder bevor er und sie — zum mindesten — die Verlobungsakte unterschrieben. Ein solcher junger Mann wird unfehlbar unter die Leichtfertigen und Liederlichen gesetzt und zählt nicht mehr in der Gemeinde der Frommen. Ja, Liebe vor der Hochzeit — und sei es heiligste, unschuldvollste Liebe — ist Ehehindernis genug. Eine bläuliche Flamme zuckte in Benjamins Augen auf. Ein Zittern lief ihm den Rücken hinunter und setzte sich von unten herauf in alle Glieder fort. Sein Körper bäumte sich, und die Brust, straff gespannt, wie die Sehne über einem Bogen, drohte zu bersten. Das Blut schwoll ihm in den Adern und wälzte Welle auf Welle in sein aufgewühltes Herz. Er stand auf, um Atem zu holen, und es war ihm, als müßte er in seinen eigenen Glutwellen ersticken. Die große Leidenschaft war über ihn gekommen; sie kam zur selben Zeit, als er erkannte, daß ihm nicht, wie den anderen jungen Männern seines Standes, das Weib ohne Mühe und Kampf zufallen würde, daß er nicht ans dem üblichen Wege, durch Vermittlung und Unterhandlung, zu seiner Sara-Lea kommen würde; zugleich mit dieser Erkenntnis erwachte in ihm die Leidenschaft, die alle L.ebenSgeister entfesselt . . . Wie ein Schmachtender stand er vor Sara-Lea, sein Atem ging heiß, seine Augen brannten, und seine Unterlippe bewegte sich zitternd, während er sprach. „Sara-Lea," sagte er mit samtweicher Stimme, „zwei Wochen, sagtest du, zwei. Wochen wollt ihr noch hier bleiben. Vierzehn Tage sind eine lange Zeit, da kann sich so manches noch ändern, so manches anders, besser werden, ja, verstehst du, Sara-Lea, ich meine, am Ende geht alles noch gut, wunschgemäß, ordnungsgemäß, ohne Ach und Krach . . Benjamin hielt inne. Sara-Lea saß still, ein wenig den Kopf gesenkt, und spielte mit dem goldenen Kettchen, das sie am Arm irrig. Ihr Schweigen verwirrte ihn. (Fortsetzung folgt.)