Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
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,h-ves Daseins. Heiter und fröhlich können sie genießen, nur ein Verbot ihres Schöpfers fetzt ihren Begierden einen Damm. Än dem freien Gehorsam gegen die göttliche Forderung sollen sie zum Bewußtsein des Sittlich-Guten gelangen. b) Da naht ihnen die Schlange, das Sinnbild der bösen Lust; sie weckt den Zweifel und dieser wirkt mit verheerender Gewalt. Der Zweifel ist ein Falk mit scharfen Klauen, Des Glaubens weiße Taube sieht er kaum. So beizt er nieder durch den luft'gen Raum, Die Krallen in ihr zitternd Fleisch zu hauen . . . Und langsam blutet hin das Gottvertrauen. Weibel.) c) Aus dem Zweifel wächst die Auflehnung gegen Gott: die Sünde. Nicht der Genuß an sich (falsche Asketik, Tolstoi, Essäer, Urchristentum!) ist Sünde, sondern nur der verbotene Genuß. (Speisegesetze wollen zur Enthaltsamkeit und Beherrschung der Triebe wie zur Weihe des Lebens erziehen. Ex. 22, 30, Deut. 14, 21). d) Die Neigung zur unerlaubten Lust weiß sich zu verkleiden; die Schlange weiß mit List das Schlechte zu beschönigen i falsche Aufklärung, Emanzipation des Fleisches, freie Liebe, die Lehre vom Uebermenschen!): Ihr werdet wie Gott sein und wissen das Gute und Böse (Hinweis auf die Schülerszene im „Faust"!). Wohl soll der Mensch nach Erkenntnis streben. Doch er soll in daS Land der Wahrheit nicht eingehen durch die Pforte der Sünde: Befreie deinen Geist, Das ist dein höchster Hort, Doch wenn du ihn befreist, Denk' an des Meisters Wort. Dies Wort: Verderblich ist. Was deinen Geist befreit Und nicht zu gleicher Frist Selbstherrschaft dir verleiht. (Rückert.) (Hier wären, wenn 'öte Schüler in ihrer Allgemeinbildung dein entsprechen, zur Vertiefung des Gedankens „Faust" und die (ungarische) „Tragödie des Menschen" sowie Byrons „Kain" heranzuziehen.) e) Die Folge der Sünde, ihr Sold ist Leid. Aus Paradiesesseligkeit werden die Menschen getrieben. Durch die S ü n d e wird ihnen die Ruhe des Gemüts geraubt. Dieser Garten Eden, das gute Gewissen mit seinem Gottesfrieden, verschließt sich auch heute noch vor dem Sünder, und nur die Buße vermag Cherub mit dem flammenden Schwerte zu entwaffnen , und den Eingang zu ermöglichen in das „verlorene Paradies"! (Hinweis auf Miltons Epos!). Apologetische Handreichung. A. Unsere Geschichte scheint das Leid aus der Sünde zu erklären. Auf die Frage nach dom Ursprung des Unglücks in der Welt hat sie die Antwort: das Böse, die Sünde. Nun überzeugt uns aber ein Blick ins Leben, daß nicht alles Leid eine Folge der Sünde ist. Wie verträgt sich nun aber'das unverschuldete Leid des Frommen und das Glück des Frevlers mit der Gerechtigkeit Gottes? (Theodicee, Hinweis auf Leibniz!) a) Unsere Geschicke in Glück und Unglück sind göttliche Erziehungsmittel. Der himmlische Pädagoge weiß am besten, welche Mittel er zu unserem wahren Heile, zur Erreichung unseres sittlichen Daseinszweckes anwenden soll. (Deut. 8 lesen!) b) In dem Gefühl der Gottesnähe liegt, wie auch immer unser Dasein sich gestaltet, unser wahres Glück: „Wenn ich dich nur habe im Himmel, neben dir verlange ich nichts auf Erden, in der Gottesferne liegt das einzige Unglück. (Ps. 73 lesen!) e) Die Unstimmigkeit zwischen Verdienst und Geschick weist ans eine Welt jenseits des Grabes. Die Gemeinschaft mit Gott, die wir hienieden gewinnen, gibt der Seele Dauer und verbürgt ihre Unsterblichkeit, ihr Fortloben als geistiges Wesen in einer Welt, wo das Gute als seelischer Genuß den Lohn, das Böse als seelischer Schmerz seine Strafe findet. 8. Die Geschichte vom Sündensall zeigt uns Religion und Sittlichkeit innig verbunden, ja sie baut die Sittlichkeit auf der Religion. Da heutzutage dieser Zusammenhang bestritten wird, wollen wir uns über das Verhältnis der Religion und Moral klar werden: a) Man hat gesagt, die Religion hat nicht nur die Sittlichkeit nicht gefördert oder gar geschaffen, sondern biete insofern eine sittliche Gefahr, als sie den Aberglauben züchte. Aber tut das nicht auch der Unglaube? 1>) Man weist auf die Unduldsamkeit, die in Inquisitions- Prozessen und Religionskriegen das Palladium des Glaubens mit Blut besudelt hat. Hat aber die Religion nicht auch die edle Hingabe der Blutzeugen, die todesmutige Begeisterung der Märtyrer geweckt? o) Man hat die Religion als Feindin des Fortschrittes dargestellt und übersehen, was ihr Kunst und Wissenschaft verdanken. cl) Man hat behauptet, sie schwäche für die Aufgaben des Erdenlebens durch die von ihr geweckte Schwärmerei für den Himmel. Haben nicht aber gerade die Frömmsten (Propheten!) am kräftigsten gegen das irdische Elend in so vielerlei Gestalt (soziale und hygienische Gesetzgebung der Thora) gekämpft? e) Sie soll, so wurde geltend gemacht, die lautere Sittlichkeit verderben, indem sie Lohnsucht und Furcht vor Strafe als unreine Beweggründe wachrufe. Muß man aber nicht anderseits zugeben, daß nur durch den Glauben an eine höhere Gerechtigkeit sich Her Wjiderspruch zwischen Tugend und Geschick ausgleichen läßt? k) Ebensowenig schläfert der Vorsehungsglanbe unsere Wachsamkeit ein. Im Gegenteil schützt uns das Gottvertrauen vor Erschlaffung. Die Religion kann, aber ihrerseits noch mit Recht um Berücksichtigung folgender Instanzen bitten, die ihr Verhältnis zur Moral erst recht deutlich machen: a) Der sittliche Wille, die sittliche Ordnung setzt einen sittlichen Ordner voraus, sie weist uns auf Gott, die Zentralsonne der Religion; b) der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit zwingt uns zur Annahme einer Versöhnung in einer höheren Welt. Diese ist aber ohne Gott nicht denkbar; c) verdankt die Moral der Religion die kräftigsten Impulse. Man denke nur, wie die Propheten das Sittlichkeitsbewußtsein gefördert haben. Wir können das Ergebnis unserer Betrachtung in zwei Dichterworte zusammenfassen: Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht. Doch weh dem Glauben, dem die Sittlichkeit gebricht. (Rückert.) Drum edle Seele entreiß dich dem Wahn Und den himmlischen Glauben bewahre! (Schiller.) 3. Kain und Abel. Diese Geschichte soll unseren reisen Schülern nicht nur die verheerende Wirkung des Neides zeigen, der die Bruderliebe aus dem Herzen tilgt und zum Morde führt; sie veranschaulicht ihnen auch nicht nur, wie Gott nur an dem Opfer und Gebet Gefallen hat, das reiner Gesinnung entstammt, und darum die Gabe Kains verschmäht. Jetzt wird der Schwerpunkt auf des Kains Wort gelegt, das uns in die Tiefe seines sittlichen Falles hineinblicken läßt: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" a) Nur wer die Liebe gegen seine Mitmenschen betätigt, ist vor Gott willkommen. Kain ist aber der Selbstsüchtige, der sich um seinen Bruder nicht kümmert. Ein jeder ist für den anderen verantwortlich. Du bist der Hüter deines Bruders, muß sich jeder sagen. Du darfst nicht sprechen: „Sehe jeder, wie er's treibe, sehe jeder, wo er bleibe." Du darfst nicht stillestehen