Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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heute unübertroffen, unvergänglich ilnd werden niemals der V ergessenheit anhei msallen. Die Ausbildung Zunzens ging methodisch vor sich, und bald konnte sein Hauptlehrer S. M. Ehrerrberg in einem Verzeichnis der Zöglinge an I. H. Samson sagen: „L. Z., ein in allen Fächern des Wissens sich auszeichnender Kopf oder vielmehr ein ®ettie." Oktober 1811 absolvierte er die hohe Schule in Wolfenbüttel und gleich darauf ist Berlin hauptsächlich seine Heimat geworden. Nach einigen kleinen Vorarbeiten erblickt 1818 seine erste Arbeit mit dem bescheidenden Titel „Etwas über die rabbinische Literatur" das Licht der Welt. Als einfacher Berliner Student, im 24. Lebensjahre stehend, verkündete hier Zunz mit so viel entschlossenem Mute und frühwachem Geiste, wie ein weit schallender Heroldsruf, die Erweckung der jüdischen Wissenschaft. Ein wüstes unbebautes Land war diese Wissenschaft seit Jahrhunderten geworden, und Zunz verrät bereits in seinem Erstling alle Eigenschaften, die ihn dereinst zum „König" dieses Gebietes und berufensten Pfleger dieser Disziplin weihen werden. Was war das nun für eine Wissenschaft? In diesem kleinen Schristchen gibt Zunz eine erschöpfende Antwort: „Als allmählich die Schatten der Barbarei von der verfinsterten Erde wichen und das Licht die überall verbreiteten Juden nud) überall treffen mn-szte, knüpfte eine neue fremde Bildung sich an die Ueberbleibsel der alten hebräischen an und Näpfe und Jahrhunderte verarbeiteten beide zu derjenigen Literatur um. die wir die r a tb i n ische nennen." Dieser rabbinischen oder vielmehr, wie er selbst den Titel vorschlägt, neuhebräischen jüdischen Literatur und Wissenschaft gilt fortan seine Liebe, seine Arbeit, sein Lebenswerk. Wie ein blütenbeschneites Bäumchen erscheint uns die kleine Schrift: hier treibt und sproßt es auf allen Seiten, alles ist Anregung, ist Leben, ist Blüte, nirgends Vollendetes, Reife und Frucht. Mit vollen Händen gleichsam werden Pläne nusgestreut, tausend Wege in den noch unbetretenen Wald jüdischer Wissenschaft werden gewiesen, gar manches Samenkorn von damals hat mächtige Pflanzungen geschaffen, viele Pläne hat der Urheber selber vollführen können, aber nach einem Jahrhundert findet man nod) manchen Wink und Plan in dem Schristchen, der noch der Benutzung und Vollendung harrt'h. Ist die allgemein verbreitete Ansicht, Zunz habe die Wissenschaft des Judentums begründet, nickst ganz buchstäblich zu nehmen, denn diese Wissenschaft ist alt und hat eine ruhmreiche Geschick)te, so war er dock)'der Wiederhersteller derselben, wie einst jene Talmndlehrer, welche „der Gesetzeskrone ihren alten Glanz wiedergebracht haben". Wie die Juden, so war and) ihre Literatur verkannt und unbekannt, „über beide ist man mit befangener Hitze hergesallen und hat sie entweder zu niedrig oder zu hoch tariert". In dieser seiner ersten Studie fragt fick) der junge Gelehrte: „Wie geht es zu, daß allein unsere Wissenschaft danieder liegt?" Er beklagt die Gleichgültigkeit, die zur Verachtung führt: „Aber verwerflicher als jene Gleichgültigkeit, empörender als diese Verachtung ist die Parteilichkeit, mit der man häust-g an dieses Studium ging, nicht aus Liebe, sondern aus Haß. Alles, was auch nur oberflächlich wie diu Zeugnis gegen die Juden und das Judentum aussah, war eilt willkommener Fund: aus den Winkeln klaub teil Gelehrte halbverstandene Floskeln zusammen, mm ihre ewigen Gegner an den Pranger zu stellen, und bis vor hundert Jahren etwa gibt es kein Beispiel, daß ein Doktor das schöne und Gute aus der Hebräer Schriften gesammelt hätte, um die Juden auch von der liebenswürdigen Seite darzustellen." „Mehr Schädliches, Ungerechtes und Schiefes ist wohl nicht in die Welt hineingeschricben worden als über die jüdische Religion, 'h Gesammelte Schriften von David Kaufmann I, 336 und 36o. und die Kunst, gehässig zu machen, ist hier auf ihren Gipfel gebracht. Man unterschied nicht Sitten von Liturgie, und diese nicht von religiösen Grundsätzen: und so wurden mit einem verdammli-chen zehn unschuldige Dinge verschrien. Eine aus den. Quellen bearbeitete Geschichte des Synagogenri t u s wäre gerade ein wünschenswertes, obschon schwieriges Unternehmen." „Neben dem fremden ging ein einheimischer Fanatismus einher. Wo auch der gute Wille mar, fehlte oft die klassische Bildung, so wie umgekehrt viele Gelehrte sündigten, weil sie sich nicht in dem hebräischen Geist heimisch zu machen und mit dem Autor fühlten zu lernen mussten." Mit kühnem Blick hat der Jüngling schon in dieser ersten kleinen Schrift das ganze Gebiet der jüdischen Wissenschaft überschaut und die Grenzlinien ihrer Entwicklung mit erstaunlicher Uebersicht vorgezeichnet. Wir zitieren noch eine Aeußerung, wo der angehende große Gelehrte kurz und bündig erklärt: „Wir erklären ein Herfallen imd Kopfschütteln über die höchst ruhmvollen und brauchbaren Arbeiten von Vorfahren und Zeitgenoffen für das Merkmal einer vornehmen Ignoranz und gelinde genommen für Unverstand. Nur Lücken anzumerken sind wir gekommen, ein Studium wieder zu erwecken strebend das, obschon init ziemlich verfehlter Richtung, ehemals mehr als jetzt geblüht, wo es von jedermann sich selber überlassen wird." Während in dem gründlichen und umfangreichen, spezifisch attjüdischen Wissen Zunz sich mit den Größten unter seinen Glaubensgenossen messen konnte, hatte er doch vor ihnen den wesentlichen Vorzug, daß seine Bildung durchaus auf dem. allgemeinen wissenschaftlichen Boden der Zeit basierte und eine gediegene Darstellungsweise ihm eigen war. Er übertraf selbst Rapoport und Luzzato „im zusammen'schauenden Blick", und es wurde ihm -bereitwillig der allererste Rang -als der trefflichste Kenner jüdischer Geschichte und Literatur zuerkannt. Alle staunenswerten Forschungen, die kulturgeschichtlichen Ergebnisse Zunzens waren von der Liebe zu seinem Stamme geleitet. Er selbst sagt in einem Briefe (1845): „Alles Interesse, an Geschichte und geschichtlichen Personen wurzelt in der Liebe zu einem Gedanken, in der Bewunderung von Taten; in jener, in der Liebe, finden wir uns wieder als Glieder eines derselben Idee zugetanen Ganzen: diese aber, die gepriesenen Taten, ziehen uns zu einer fremden Persönlichkeit als zu einer höheren hin. In beide teilen sich die Bestandteile der Geschichte: die Gestaltungen nnd die Individuen, und zwar so, daß beiden beide Empfindungen Zugute kommen." (Zunz' Gesammelte-Schriften H, 184.) Lur ftpotogrtih im Krligimisuittrrricht. Bvn BezirtSrabbiner Dr. Max B c c r in n n n (Heillwonn). (Schluß.) 2. Der S ü n densal l. ns der Unterstufe haben die Kinder die Geschichte von der bösen Schlange, die Len Menschen zum Ungehorsam gegen Gott verleitete, ganz naiv hingenommen, und als Ertrag des Lehrgesprächs regte sich im Innern die bange Ahnung von der unheilvollen Gewalt der Sünde. Sie sahen hiev, wie der Sünde die Strafe folgt, und haben auch schon gemerkt, wie sich bei Adam und Eva das böse Gewissen regte. Dem reiferen Verständnis auf der Oberstufe hat die grandiose Lehrdichtung vom Sündensall weitere und tiefere Ausblicke nnd Einblicke in das Wesen. Werden und Wirken des Bösen zu eröffnen! und an dieser Erzählung die Naturgeschichte der Sünde darMbieten. Ich hebe in wenigen Sätzen diejenigen Punkte hervor, denen sich die Betrachtung zuwenden soll: a.) Im Paradiesesglück lern der Mensch und sein Weid und ke n n en die Sünde nicht. Im Unschuldsstande freuten, sie sich