Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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•511 bafj ■ itnji're wrrÄiche P>v>li-tik er ft bann beginn eil wird, wenn Dl-e Juden die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung bilden werden. Mit .anderen Worten: wir müssen z,u. allererst in den nächsten Jahren in Palästina 600 000 Juden ansiedeln. Dies ist eine riesige ökonomische A^lsigade. Laut Berechnung der maßgebendsten Fachleute benötigen wir für die nächsten Jahre mindestens 2O Millionen Pfund, um eine planmäßige Jmmiigratvon in Palästina' leiten können, d. h. mn raschestens eine jüdische Mehrheit in diesem Lande zu schassen, eine Mehrheit, die in ihrer ökonomischen «und kulturellen Schöpferkraft stark sein soll, stark nicht mit Prätentionen, sondern mit realer Kraft. Dies ist die nächste Aufgabe des Zi-oni-snurs, die nicht leicht durchführbar ist. Um diese Frage Zu lösen, vedarf es der Anstrengung.aller Kräfte unseres Volkes-, der materiellen und geistigen. Man darf sich nicht mit Politik oder mit fruchtloser Kritik beschästigen. Man muß alle Volkskräste sammeln und sie planmäßig organisieren. Das' Volk muß alle Schwierigkeiten der vor uns stehenden Aiusgaben kennen und muß verstehen, daß von seiner eigenen Energie, Organisierung und Opferwilligkeit die Erreichung unseres Ideals, d. h. seine Rettung abhangt. Wir stehen jetzt vor einer ganz unerwarteten Schwierigkeit. Die ökonomrschen Kräfte des .ganzen östlichen Judentums, das am meisten am Zionismus interessiert ist, sind de facto jetzt und noch für mehrere Jahre Paralysiert. Zum größten Teil sind die Ostjuden, besonders die Südostrußlands, ausgeplündert «und ruiniert, und das Judentum des Ostens besitzt jetzt Papiergeld, das aus dem internationalen Markte beinahe gar keinen Wert hat. Außerdem kann es überhaupt nicht organisiert werden wegen -des vollständigen Zerfalls von Rußland. Dem westeuropäischen und .amerikanischen Judenrum obliegt jetzt die Pflicht, die leeren Plätze einzuaehmen, die durch den Zerfall von Osteuropa geschaffen worden sind, um dem Zionismus die Mittet zu geben, die zur Organisierung des Anfangs, der Maffenemigration nötig sind. Ich wiederhole: in der jetzigen Zeit ist vor Zionismus keine politische, sondern eine ökonomische Frage." ' Die Ausführungen des Dr. P a s m a n i k verdienen die größte Beachtung. Btv ftltmeilter der Mllrnlchskt des Judentums'). Dr. Leopold Zunz, geb. 10. August 1794 in Detmold, gest. 18. März 1886 in Berlin. Bon Leon Schein Haus lMemel). I. ie jüdische Kulturgeschichte in ihrer Fortentwicklung bietet vielfach die weitere Ausgestaltung jenes haggadischen Gedankens — an den Schriftvers Genesis 9, 27 angelchnt —: „Die Schönheit Jefets sei in den Zellen Sems." Wo nur Juden mit fremden Literaturen in Berührung kamen, hat es Männer gegeben, die den Geist ihres Stammes mit den Vorzügen der anderen auf das glänzendste in Einklang zu bringen verstanden. Das Zusammentreffen jüdischer mit griechischer Kultur (Philo in Alexandrien) gab einen Hellen Widerschein bei Gabrrol, dem denkenden Juden, und Saadja. dem jüdischen Denker, welche wohl Plato und Aristoteles folgten und um die Palme griechischer Sprachvollendung wetteiferten, aber in dem Gottesbegriff wichen sie ab von jener griechischen Weisheit, die „keine Früchte, nur Blüten treibt", und nahmen den .) Es bedarf zwar keines besonderen Grundes, wenn eine jüdische Wochenschrift nach langer Zeit wieder einmal den ersten Gelehrten des Judentums ihren Lesern vergegenwärtigt. Indessen, ist hierfür heute ein besonderer Anlaß vorhanden. Am 7. November sind es 100 Jahre, daß der „Verein für .Kultur und Wissenschaft des Judentums" gegründet worden ist, dessen alleiniger Glanzpunkt, der Name Zunz. der Nachwelt verblieben ist. Die in Deutschland in den letzten dreißig Jahren entstandenen jüdischen Literaturvereine sehen in jenem Kulturverein vor hundert Jahren ihren rechtmäßigen Vorläufer. eigenen altisraelitischen Stand-Punkt ein; Dann wiederum der Kontakt mit der arabischen Bildung führte die Juden zur wissenschaftlichen Größe und poetischen Höhe, als deren größten GeistesheDen Maimonides und Jehuda Halevi die Diaspora erleuchteten. Im weiteren Verlaus des Geschichtsganges erblicken wir später im 18. Jahrhundert Moses Mendelssohn, welcher das Alte mit dem Neuen, das Jüdische mit dem Klassischen wieder zufammenbringen wollte, und wenn auch diese Versöhnung den nachfolgenden Generationen manchmal abhanden gekommen ist oder bisweilen verderblich wurde, wirkte der Mendelssohns che Geist doch so mächtig und nachhaltig; daß im 19. Jahrh ändert durch Leopol d Zunz die Vereinigung modernen Geistes und deutscher Forschung mit jüdischer Wissenschaft dahin erfolgte, daß uns eine Wissenschaft des I u d e n t u m s in d e u t s ch e r Sprache geschaffen wurde, so reichhaltig und weitschauend, wie sie außer im Hebräischen — Bibel- und Ta lmud sprachen in fast keiner Sprache der Weltgeschichte existiert. Moses Mendelssohn, der große und geistreiche Reorganisator der Juden in seiner Vollkommenheit, beklagte selbst schmerzlich feine unbedeutende Kenntnis der Geschichte: „Ich habe bisher die Geschichte mehr für die Wissenschaft des Bürgers als des Menschen gehalten und geglaubt, ein Mensch, der kein Vaterland hat, könne sich von der Geschichte keinen Nutzen versprechen. Ich merke aber, daß die Geschichte der lmrgerlichen Verfassung mit der Geschichte der Menschheit ineinander fließt, und daß es unanständig ist, in jener ganz unwissend zu sein." Wie der weithistorische Einblick in die Gänge des Geschichtslebens war ihm auch die jüdische Geschichte fern, und in seinem allumfassenden Geist konnte er nicht die Geschichte der Juden in allen Zonen und Zeiten aufnehmen und ihre Beziehungen zum Kulturleben der anderen Völker in Betracht ziehen. Der Einfluß seines Schaffens war daher groß und mächtig ans die Inden, geringer aber aufs Judentum"). Diese fühlbare Lücke der Geschichtskenntnis füllte Leopold Zunz restlos aus. Dank der Umwandlung, welche durch Mendelssohn innerhalb des deutschen Getto vor sich ging, konnte Zunz in frühester Jugend neben dem talmudischen Unterricht zu deutscher Bildung gelangen und alle Segnungen Mendelssohnscher Aufklärung genießen, er war der erste jüdische Gymnasiast in Deutschland. In seiner bei der Feier von Mendelssohns hundertjährigem Geburtstag am 10. September 1829 zu Berlin gehaltenen Rede sagte Zunz: „Sind wir ja, die wir hier versammelt sind, selber Mendelssohns geistige Habe; wir gehören ihm an, wie der Schüler dem Lehrer, der ihm den rechten Weg gewiesen." Etwa 814 Jahre nach dem Ableben Moses Mendelssohns ist Leopold Zunz (10. August 1794) in Detmold (Westfalen) geboren. Er war armer Eltern Kind, früh verwaist, und bewahrheitete sich wieder der Talmudspruch: „Achtet wohl auf die Armenkinder, denn von ihnen geht die Lehre aus." Zwei arme Waisen, ungefähr gleichaltrig, waren es, die in der Lehranstalt Samsonsche Freischule in Wolfenbüttel Ausnahme fanden. Isaak'Marcus Jost (geb. in Bernburg 1793) wurde später der erste jüdische Historiker und Zunz der Begründer der Wissenschaft des Judentums. Während die mehrbändige „Geschichte der Israeliten" von Jost von dem nachmaligen Geschichtsschreiber der Juden Grätz weit überholt wurde, blieben die monumentalen Werke Zunzens bis auf Aehnlich (nach „Hamngid" 1880, Nr. 14) schrieb Dr. Jcllinek in der Neuzeit. Vgl. auch meinen hebräischen Aussatz über Zunz tf-ßD xSö (Ein Korb voll Schrifttum) im „Haiuagid" >890, Nr. 22 und 23.