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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-07 · Heft 45 (7.11.1919) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 45 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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509 -u J- I /ku X-'f ';• i r*H W8 .> :'7 rechnelt, der in Zeiten revolutionären Ueberschwangs daran erinnert, daß Revolutionen Zwar Verfassungen von heute auf morgen ändern können, aber Verfassungen den Massen der Bevölkerung 'ganz gewiß nicht von heute auf morgen eine neue Sittlichkeit und neue Kuliurideale geben. Die Massen wollen in einer langsamen Erziehungsarbeit herangebildet werden, und eine Verfassung ist schon gut, wenn sie eine solche nützliche Erziehungsarbeit ermöglicht, und wenn sie sie nicht verhindert. Es ist an dieser Stelle unmöglich, die Verheerungen Zu schildern, die die Pogromwelle in der Ukraine angerichtet hat/ Aus den mir zugestellten Akten ergibt sich, daß rund 40 000 Menschen, sage 4 0000 Menschen Lei diesen P o g r o m e n g e t ö t e t worden sind. Die Zahl der Verwundeten und zu Krüppeln Gemachten beträgt gegen 100 00 0, und die Zahl der geschändeten Srmicn beziffert man auf fast 10 0 0 0. Die Zahl der Orte, an denen Pogrome stattsanden, beträgt mehr als 100. Aus mehr als 60 Ortschaften liegen eingehendere Berichte bereits vor. Ter Schaden an Hab und Gut lvird auf über 100 Millionen Rubel angegeben, möglicherweise kann es sich auch um ein paar hundert Millionen handeln. Ich begnüge mich, einige wenige Einzelheiten anzuführen. In dem Städtchen Trostjanetz in Po-dolien sind jüdische Männe r überhaupt. nicht am Leben geblieben. Man hat sie - in runder Summe 500 — etile g e lötet. Es gibt dort heute 900. Witwen und Waisen. In Owrutsch haben im ganzen 'dreimal Pogrome skattgesunden. In Felschtin in Podblien fand zunächst ein Pogrom statt/ Nach dem Pogrom wurde die gesamte Ortschaft, die aus Holzhäu^rn besteht, angesteckt und völlig niedergebrannt. In Elisabechgrad tut Gouver Renten t Eher s on hat man 80 000 Juden ausgeraubt. In Tschertässh im Gouvernement Kiew sind rund 1500 Menschen getötet worden. In Wassilkow fand gleichfalls ein Pogrom statt, und ich will zum Schluß mir eine einzige Zeugenaussage der verheirateten Bronja Kotzupei hierhersetzen: „Wir versteckten uns alle, die wir uns retten konnten, in der Ktosettgrube. Als ich hcrauskvoch, fand ich in einem Zimmer den erschlagenen Vater, im zweiten Zimmer Schwester und Tante erschlagen; in den Flügel hatte man hineingestopft die toten Brüder und meinen Mann. Das Hans war ausgeplündert." Der Dreißigjährige Krieg hat in Deutschland solche Tragödien lieraufgesührt. Die Vorgänge beweisen, daß in der russischen Bevölkerung noch Instinkte leben, wie sie auch in Deutschland, freilich vor dreihundert Jahren, herrschend gewesen sind. Die jiddischen Kriegswaiserr. „The Jewish Times" erfahren aus sicherer Quelle, daß die englische Regierung am Lose der vielen tausend jüdischen Kriegswaiseu, Entwurf zu der in der Ausführung begriffenen Gedenktafel für die Svnagoge in Gleiwitz 2'on Jacob Pleßner. die ohne Aufsicht und Stütze in Polen und Rußland gebliebelt sind und dort kein Heim finden können, reges Interesse nimmt. Die englische Negierung plant deshalb, in England spezielle Waisenanstalten zu schaffen, wohin ntcut so viel Waisen als möglich, aus den -erwähnten Ländern zur Erziehung bringen soll. Die englische Negierung wird auch den in England lebenden Juden die Erlaubnis geben, ihre verwandten Waisen aus Osteuropa privatim nach England zrt bringen. Die Regierung wird jedoch verlangen', daß die in England lebenden Verwandten-, die Waisen aus- Polen und Rußland hinbringelt, sich verpflichten, die Kinder angemessen zu erhalten, sie -gut zu erziehen usw., worüber sie der Negierung gegenüber verantwortlich sein -werden. Auch in Amerika hat das People Relief Eommiltee eine Aktion zur Neberführung vieler tausender jüdischer Kriegswaisen nach Amerika unternommen, di-e setzt in das Stadium der Verwirklichung zu treten scheint. Der Präsidelit der amerikanischen Federation vf Labour, Lamuel Gompers, hat sich der Sache angenourmen und führt die U n te rhand l un gen mit beut. Staatsdepartement. Er richtete in dieser Angelegenheit ein aussüh rli ches Begrüudungsschreiben an Staatssekretär Lansing, und es ist zu hoffen, daß' diese Aktion bald zu günstigen Resultaten führen lvird. Ein Interview mit dem rumänischen König über die Judenfrage. Die amerikanische Zeitung „Die jüdische Wett" bringt ein Interview. welches der * amerika nis che Jo urnalist Leo Wolfsohn vor einiger Zeit mit dom rumänischen König gehabt hat. „Eine und eine Viertelstunde wurde während dieses Interviews nusschljeßlich über die Ittdenfrage in Rumänien gesprochen Der Journalist hat den König, auf die traurige Lage der rumänischen Juden, auf die vielen Verschleppungen, auf alle die Versprechungen wegen Gleichb-erechtigtlng, die niemals gehalten worden sind, -aufmerksam gemacht. Er hat daraus hingewiesen, daß das heutige Gesetzesprojekt, welches angeblich den Juden gleiche Rechte gibt, ungenügend ist, denn es schließt alle Juden aus, die nicht in Rumänien geboren sind, so daß z. B. der Rabbiner Dr. Beck, welcher über vierzig Jahre in Bukarest in dieser Eigenschaft fungiert, keine Naturalisation erlangen würde. Es wurden fernerhin die ungerechten Urteile der rumänischen -Militärgerichte gegenüber jüdischen Soldaten erwähnt, die für dieselben Vergehen wie ihre rumänischen Kameraden ungleich schwerer bestraft worden sind, usw. Der König hat auf alle diese Fragelt geantwortet, zum Teil Versprechungen genmcht. Der Journalist erhielt aber keine Erlaubnis, das Interview zu veröffentlichen, sondern -empfing erst nach einigen Wochen eine schriftliche Antwort, in der es unter anderem heißt: „Das Versprechen, den Jllden vollständige Politische Rechte zu gewähren, welches ich während des Krieges dem jüdischen Koluitee in

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