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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-07 · Heft 45 (7.11.1919) · p. Seite 507

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 45 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 507 (sequence 3)
Language
German
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507 - pmächsi bei seiner eigenen Partei beginnen. Man bedenke doch, -daß einem weiblichen Mitgliede seiner Partei in der NationalversamMlung, dem Fräulein B e h m, erst jüngst von einem Organe des Riadcruantisemitismus der Vorwurf gemacht worden ist, daß'sie seit 'sechs Jahren mit einer Jüdin zusammenwohnt. Eine Kollegin Don Fräulein Behm, Frstulein v. Gierte, hat sogar die unglaubliche Taktlosigkeit besessen, sich eine aus jüdischen Kreisen stammende Mutter bei- . zulegen. Der Moabiter Pfarrer wird ferner gewiß auf das höchste darüber entrüstet sein, daß ein so hervorragender Theologe seiner Konfession wie Schleier ma ch er einst die innigsten seelischen Beziehungen mit der geistvollen Jüdin Henriette Herz unterhalten hat. Was soll man aber dazu sagen, daß sich der Pfarrer Rump selbst unter den Bann des von ihm so lebhaft bekämpften jüdischen Geistes begeben hat? Er hat nämlich seine Romane und die meisten seiner übrigen Schriften unter 'dem Pseudonym Nathanael I ü n g, e r veröffentlicht. Wie wäre erx denn sonst auf die Wahl des jüdischen Vornamens seines Pseudonyms verfallen? Nach dem Ev. Joh. 1, 46 ist Nathanael, der. unter einem Feigenbaum stehend, Jesus erblickt, der Urheber des geflügelten Wortes: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?" Er bekehrt sich aber sofort zu Jesus und gilt seitdem sogar als Ideal eines J Ä n g e r s Christi, denn dieser sagt von ihm: „Siehe, ein echter Israelit er, in welchem kein Falsch ist." (Ev. Joh. 1, 47.) Jedem, der seinen Denkapparat in Ordnung hält, wird es angesichts dieser Schriftstelle nur schwer einleuchten, weshalb gerade ein antisemitischer Geistlicher den Namen Nathanael Jünger zu seinem schriftstellerischen Pseudonym gewählt hat. Die antisemitische Logik ist freilich eine ganz andere als die gewöhnliche. Jedenfalls har Herr Pfarrer Joh. Rump, der so energisch den jüdischen Geist bekämpft, keinen Hauch dieses Geistes verspürt, denn der echt jüdische Geist ist ein Geist der Nächstenliebe und der Toleranz, nicht aber der Geist des Nächstenhasses und der Derfolgungssucht. * 'Ansprache des Badischen Oberrats der Israeliten an die Angehörigen der Badischen Landessynagoge. Israeliten des Landes Baden! Liebe Brüder und Schwestern! Wiederuni fühlen wir uns gedrungen, in dieser unheilvollen und bedrohlichen Zeit ausklärende, ermunternde und ermahnende Worte an euch zu richten, die von Herzen kommen und, wie wir hoffen, in euren Herzen eine gute Stätte finden werden. Das deutsche Volk, mit dem wir in Leid und Freud uns unlöslich verbunden fühlen, ist in tiefes Unglück geraten. Aber nicht diejenigen, von denen es sich aus Bequemlichkeit oder überlieferter Unterwürsigleit am Gängelbande führen ließ, die dem Deutschen Reiche unter den großen Weltmächten keine Freunde zu erwerben wußten und im Wahne der Unbesiegbarkeit der deutschen Streitkräfte befangen waren, sollen die Schuld daran tragen, sondern auf die Juden sucht man sie zu wälzen — aus die Inden, von denen keiner in der Reichs- oder einer Landesregierung saß, keiner auch nur zum untersten Grad des politischen Beamtentums oder der Militärhierarchie zugelassen war. Auf dein Landtage 1893/94 nannte der nationalliberale Führer Fieser den Antisemitismus, der bei allen öffentlichen Nebeln nur nach den Inden fragt, einen Schandfleck für das 19. Jahrhundert. Der Antisemitsmus wird es sertigbringen, auf diese Weise in unserem Deutschland auch ein Schandfleck für das 20. Jahrhundert zu werden. Zeitungen, die durchaus nicht als antisemitisch gelten wollen, leisten den Pogromhetzern Borspauudienste, indem sie von den fanatischen Münchner Weltbeglückern und Wirrköpfen Levien, Levine-Nissen und Axelrod, den „Fremdstäunnigen", sagen, es 'bestehe der dringende Verdacht, daß diese drei aus Rassegegensätzlichkeit die Mitglieder der Thnle-Gesellschaft, der Antisemitismus nachgesagt wurde, in die Mordhölle stießen. In idem Geiselmordprozeß wurde zwar eidlich betunket, daß di«' 'Thule-Gesellschaft ein antisemitisches Wochenblatt herausgab und daß in ihren Räumen antisemitische Flugblätter angehäuft waren; aber nicht der Schatten eines Beweises, nicht das geringste Anzeichen konnte von ihren als Zeugen vernommenen Mitgliedern für einen jüdischen Racheakt angeführt werden. Befand sich doch.auch ein Jude unter den erschossenen Geiseln. Niemand weiß, ob jene unseligen Kommunisten überhaupt noch Juden waren. Wenn ja, so haben sie jedenfalls auf ihre Glaubensgemeinschaft nicht die geringste Rücksicht genommen. Bor allem aber hatten sie keine Juden hinter sich, sondern nichtjüdische Massen waren es, die sie emporhoben und ihnen Heer-esfolge leisteten. Es soll ihnen nicht zugute gehalten werden, daß sie selbst keinen Menschen getötet haben; aber ohne die nichtjüdischen Verbrecher und Handlanger würden die Geiseln heute noch leben. Nach denselben Zeitungen kennzeichne sich die kommunistische Verbrechersippe, die in Berlin genau wie in München, Dresden, Ober- ' schlesien, Düsseldorf hause, durch ihren Internationalismus. Dieser liegt ja nach antisemitischer Sprechweise allen Juden im Blute. In demselben Atemzuge jedoch machen sich diese Zeitungen über das italienisch-nationalistische Fiume-Abenteuer des angeblichen Juden d'Annunzio lustig, das sie aber gern' als Heldentat wie die des Garibaldi rühmen möchten, wenn nur der Held nicht „ein irgendwo aus östlichen Gefilden stammender" ehemaliger „Rap poport" wäre — eine armselige Lüge, die -irgendein obskures Antisemitenblatt aufgebracht hat. Also der Jude mag feuriger Patriot oder w-eltumarmender Internationalist sein, vor einem nicht unerheblichen Teil der deutschen Journalistik findet er keine Gnade. Wenn dergleichen in der sonst aus Anstand haltenden Presse ge- - schierst, könnt ihr euch denken, was die ungeheuerlich ins Kraut schießenden unverblümten Antisemitenorgane und gar die Heuschreckenschwärme der antisemitischen Flugblätter zur Volksvergiftung beitragen. Geht es so weiter, dann werden die Folgen nicht Ausbleiben. Die Judenhasser sindgefährliche Feinde des Gemeinwohls. Sie wähnen, daß Judenpogrome unserem armen Deutschland Helsen können. Die Pogrome waren die traurigen Hilss- und Ablenkungs-Mittel des verflossenen russischen Despotismus und haben nicht wenig dazu beigetragen, das russische Land und Volk dahin zu führen, wo es heute steht. Soll Deutschland auf die Stufe von Polen, Rumänien und Tfchechoslawien -herabsinken, wo die Entente zmn Schutz der jüdischen und anderen Minoritäten einschreiten muß? Wir deutsche Juden würden solchen Schutz als -ein Schandmal für unser deutsches Vaterland empfinden. - Was werden die 'deutschvölkischen Judenfeinde, wenn ihre kühnsten Hoffnungen in Erfüllung gehen sollten, erreicht haben? Deutschland wird so jndenrein und so glücklich werben wie das einst so mächtige Spanien nach den Judenaustreibungen am Ende des 15. Jahrhunderts. Wie damals, werden wieder Holland und England, aber jetzt außerdem Amerika, Asien, Afrika, Australien den der Heimat beraubten Juden eine -Freistatt gewähren, und die Zusluchtsländer werden es nicht zu bereuen haben, denn die Juden sind ein dankbares Volk und seine geistigen und seelischen Gaben werden sich dort in der Luft der Freiheit und vollen Gleichberechtigung noch ganz anders auswirken. Mag es uns also bmd) die Judenhasser in dem einen Lande noch so schlecht ergehen, um den Bestand des Judentums als Ganzes dürfen wir unbesorgt feilt. Seine heutige Verbreitung über die ganze Erde ist ein sicheres Bollwerk gegenüber dem wütendsten Judenhaß. Konnten im Altertum die Babylonier und Assyrier, die Griechen und Römer — Weltmächte, die längst verschwunden sind, während das kleine jüdische Volk noch -immer lebenskräftig ist — es auf die Dauer nicht unterdrücken, so wird dies dem in -V:r ganzen heutigen Kulturwelt verachteten deutschen Antisemitismus, diesem traurigen Ueberbleibsel aus dem Mittelälter, erst recht nicht gelingen. Das sei euer Trost in allen Widerwärtigkeiten und Fährlichkeiten, die die nächste Zeit etwa bringen mag. Eine Hauptforderung aber in dieser Zeit ist -innere. Einigkeit! Ihr dürft euch gegenwärtig den Luxus von Parteikämpfen innerhalb unserer Glaubensgemeinschaf t nicht gestatten. Tie verschiedenen Richtungen im Judentum müssen sich gegenseitig verstehen und achten lernen. Sie müssen sich stets vor Augen halten, daß ihr Ziel, ein gemeinsames ist: die Erhaltung der Judenheit als Träger des Bekenntnisses zu dern einig-einzigen Gott und zur unbegrenzten, keinen Unterschied der Rasse, der Nation und der Religion kennenden Menscheuliebe. Auch in einzelnen wichtigen Bestrebungen können sie

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