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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-07 · Heft 45 (7.11.1919) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 45 (7.11.1919)
Date
1919-11-07
Page
Seite 506 (sequence 2)
Language
German
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506 als diese, wie die Geschichte beweist, die für jedermann offen Liegt, daß die Juden sich auch in der Freimaurerei mühsam ihre Stellung erobern mußten. Daß die Nächstenliebe als Grundgesetz der Freimaurerei schon im Alten Testament vorkommt, ist zu bekannt, als daß ich es noch zu beweisen brauche. In Deutschland erreichte die Judenfrage ihren Höhepunkt im sogenannten Settegast-Streit. „Die gesamte Freimaurerei", sagte Settegast, „wird von dem idealen Gedanken getragen, im Wege einer weltbürgerlichen Vereinigung die Herrschaft der Sittlichkeit und Humanität auf Erden zu verbreiten, ohne von den für diesen Zweck arbeitenden Bundesbrüdern ein positiv religiöses Bekenntnis zu verlangen." Das ist freiiit a u reri s ch. Es war wesentlich die Grobe Landesloge von Deutschland, welche der Aufnahme der Inden ein non p088m rnus entgegensetzte. Genau so wie das Hereinbringen von Politik in die Logen, widerspricht der Ausschluß der Juden jeder Auffassung echter Freimaurerei. Nicht der Umstand ist maßgebend, daß einzelne Juden vorzügliche Freimaurer gewesen sind, was nicht bestritten werden soll, sondern das ist wesentlich, ob das Judentum als geschlossene Macht auf das Freimaurertum wirkte. Dieser Beweis läßt sich schon deshalb nicht führen, weil das Judentum gar keine geschlossene Macht ist. Weder in religiöser, noch in politischer, noch in internationaler Beziehung läßt sich Nachweisen, daß das Judentllm als solches auf die Freimaurerei Einfluß hatte. Die internationale Freimaurerei ist ebenso ein Phantom wie das internationale Judentum und die internationale Sozialdemokratie, deren Vorfrucht die Freimaurerei sein soll. Das sind alles Tendenzbehauptungen ohne Beweis. Wo sitzt das internationale, vom Judentum beherrschte freimaurerische Zentrum? Die klerikalen Gegner hätten es längst aufgespürt. Als ein Beweis der Verjudung der Freimaurerei wird schließlich angeführt, daß das Ritual der Freimaurerei jüdisch sei. Da diese Frage in den „Nornen" angeschnitten ist, so muß ich antworten. Tie christlichen Logen bauen sich selbstverständlich rituell auf dein Judentum auf, denn das Judentum ist entlvicklungsgeschichtlich der Vorgänger des Christentums. Ehristus ist aus dem Judentum hervorgegangen. Die Ansicht von H. St. Ehamberlain besteht nicht zu Recht, und ich setze ihr die Ansicht des Theologen W e i ß entgegen. Die Duellen, auf die sich die „Nornen" stützen, sind alt und trübe. Gerade K. Ehr. Fr. Krauses der Freimaurerphilosoph, auf den die „Nornen" bauen, war der eifrigste Verfechter der Menschheitsidee. Das geht aus seinen Schriften ebenso klar hervor wie aus der alten Enzyklopädie von 1816. Keineswegs wird Krause, wie die „Nornen" behaupten, totgeschwiegen. Ich habe 1917 seine' Biographie neu verfaßt. Die wahre Ontologie der Freimaurerei rührt von Lessing her, und an seiner Parität der Bekenntnisse hält jeder Gebildete heute noch fest. Nirgends läßt sich also Nachweisen, daß von einem Ueberwuchern jüdischen Geistes die Rede sein kann. Um diesen Beweis handelt es sich hier. Die deutsche Freimaurerei hält am Gottesstandpuukt fest. Sie ist nicht atheistisch, und 'das verbindet sie mit dem Judentum, das das Verdienst hat, den Monotheismus erfaßt zu haben. Die Kabbala, der Talmud und der Schulchan Aruch spielen keine Rolle in der Freimaurerei. Ter berühmte Kadoschgrad ist ein christlicher Templergrad und bedeutet die Abwehr des Aberglaubens. Und so ließen sich die Behauptungen der „Nornen" in jedem Punkte widerlegen. Der Bne-Brith-Bund hat trotz aller Aehnlichkeit der Tendenz mit der deutschen Freimaurerei offiziell nichts zu tun. Seine idealen Grundsätze sind aber die gleichen wie die der echten Freimaurerei. Echte Freimaurerei ist unpolitisch, national und religiös. Politik gehört nicht in die Logen. Wenn ich recht unterrichtet bin, so war die Gründung des deutschen Bne-Brith-Zweiges eine Reaktion auf den Antisemitismus eines Teils der altpreußischen Logen. Die „Nornen" stellen die Behauptung auf, daß die Freimaurerei kein Recht habe, sich auch nur mit einem Schimmer von Christentum zu umgeben. Die Geschichte der Freimaurerei beweist das Gegenteil. In Deutschland ist auch heute noch eine starke Strömung vorhanden, die Christlichkeit' der Freimaurerei zu behaupten. Freimaurerisch ist das nicht, und mit demselben Rechte wäre es nicht freimaurerisch, wenn das Judentum den Einfluß hätte, den ihm böswillige Gegner zuschieben, um die Freimaurerei 'herabzusetzen. Die „Nornen" führen auch nicht eine neue Quelle an, sondern berufen sich auf obskure Schriften, die zum Teil wertlos sind. Die Behauptung der „Nornen", daß die „christliche Preußische Freimaurerei Talmudjudentum" sei, 'ist der Gipfelpunkt einer Verwirrung, die an das Pathologische grenzt. Objektiv habe ich die Verhältniffe auseinandevgesetzt, die bewerfen, was in Rede steht: daß von einer Verjudung der Freimaurerei, besonders der deutschen, keine Rede fein kann. Lir Wochr. B e r l i n , 3. November. den Priestern der „christlichen Liebe", die in Wirklichkeit statt der Nächstenliebe den Nächstenhaß predigen, ist in den letzten Monaten ein Berliner evangelischer Geistlicher getreten: der Pfarrer Lic. Joh. R u m p, der sich bereits in mehreren in der Reichshauptstadt abgehaltenen Versammlungen als antisemitischer Redner hervorgetan hat. Dieser sprach am 17. Oktober in einer deutschnationalen Hetzversammlung, die jüngst der „Treubund" in Berlin in Verbindung mit einem deutschnationalen Konzert und unter rednerischer Mitwirkung des Grafen Westarp veranstaltet hatte. Nach Zeitungsberichten ließ sich der Pfarrer in dieser Versammlung u. a. folgendermaßen vernehmen: „Wer waren die Verräter, die das zu zuwege gebracht haben?" (Nämlich, daß Germania ein armes Weib geworden sei.) Auf stürmische Zurufe: „Die Juden!" erwiderte er: „Nein, wir wollen gerecht sein, nicht die Juden, sondern der jüdische Geist, der in manchen christlichen H ä u f e r n gewaltet h a t." Er führte darauf eine Anzahl von „Verrätern" und „Feinden" mit Namen an, die das jetzige Unglück Deutschlands verschuldet hätten, wie Erzberger, .den ehemaligen preußischen Minister D r e w s , die Geheimräte W a h n f ch a f f e und Simons, den Prinzen M a r von Baden , den General G r o e n e r und den ehemaligen Kommandanten in den Marken General v. Linsin g e n. Es ist merkwürdig, daß kein einziger der von dem Herrn Pastor genannten Männer ein Jude ist. In echt christlicher Liebe und Versöhnlichkeit ruft er dem deutschen Volke zu, es dürfe nur den einen Gedanken haben: „Rache, Feind!" Herr Pfarrer Rump, der seit mehreren Jahren Pfarrer in Moabit ist, war früher Pfarrer in Bremen und ist auch ein überaus fruchtbarer Schriftsteller. Der Kürschnersche Literaturkalender widmet der Aufzählung seiner Werke, unter denen sich eine große Anzahl von Romanen mit offenbar frommem Einschlag und mehrere christliche Erbauungsschriften befinden, beinahe eine halbe Spalte. Unter seinen Veröffentlichungen führt eine auch den Titel: „Ungehaltene Predigten eines Altmodischen". Was er jetzt als antisemitischer Hetz- und Racheapostel Produziert, kann nach der angeführten Probe nicht mehr als altmodisch bezeichnet werden: die Kundgebungen eines derartigen Hasses sind kaum noch als mittelalterlich, sondern weit eher als heidnisch anzusprechen. Wenn er gegen den sich in manchen christlichen Häusern geltend machenden jüdischen Geist wettert und diesen mit derartigen Feuer- und Schwefelreden ansschwefeln will, so muß er doch eigentlich

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