Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Zahrgsng. Nr. 45 Berlin, 7. November 1919 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Mefe Zeitung erscheint «Schentlich. Abonnements.Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 524. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbitippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-4-, zu richten. Verlag von Audolf rnosfe Berlin. Judentum und Freimaurerei. Vau Tr. Otto Philipp IJUljUl . Neu in a u u. — Sie W o ch e. -- Ehrentafel für die Gefallenen der Berliner Jüdischen Neformgemeiude und Gedenktafel für die Synagoge in Gleiwilz. Von Jacob Pleßncr. — Ter Altmeister der Wissenschaft des Judentums. Von Leon S ch e i n h a u s (Memel). — Zur Apologetik im Religionsunterricht. Bon Bezirksrabbiner Tr. Beerm a n n (Heilbronn). — Feuille t v n: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel M eise l s. — Lesefrüchte. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen .Zeitung des Judeiliiun"): Berlin, Berlin-Weißensee, Tilsit, Halberstadt, Dessau, Gelsenkirchen, Düsseldorf, Frankfurt a. M. — Von Nah und Fern. tfiitrnrtmn und Frrimsurrreü Bon Dr. Otto Philipp N e u m a n n. 3n verschiedenen Zeitschriften und Büchern der Gegenwart ist die Rolle angeschnitten, welche die Juden in der Freimaurerei gespielt 'haben sollen und noch spielen. Die Tendenzlüge ist klar: die internationale Freimaurerei, 'die es in der Tat gar nicht gibt, denn ihr geheimes Zentrum der unbekannten Oberen hätte der Spürsinn der Gegner längst entdeckt, wird mit der Alliance Israelite für identisch gehalten. England soll, das steht sogar in Ludendorfss „Kriegserinnerungen", die Führung haben. Es ist bis jetzt nicht bewiesen, daß die englische Freimaurerei sich international betätigt hat. Aus den internationalen Maurertagen war weder die englische noch die deutsche Freimaurerei offiziell vertreten, beide sind nicht Mitglieder b»er internationalen Geschäftsstelle in Neuenburg, die lediglich statistischen, nicht politischen Zwecken dient *). Wenn Wichtl die Rolle der Inden in dep Freimaurerei damit beweisen will, daß er die Namen jüdischer Freimaurer fett druckt, so ließe sich dieser Liste eine Liste christlicher Freimaurer entgegensetzen, die das Gegenteil beweist. Es ist nachgewiesen, daß Wichtl sich irrt, wenn er annimmt, daß der Großmeister Kohn des Jahres 1914 ein Jude war. Das ist nicht der Fall, und somit zerfällt vieles von dem, was Wichtl sagt. Aber wir wollen doch einmal der ganzen Sache ganz objektiv ans den Grund gehen. Und da besitzen wir im „Handbuch der Freimaurerei" von 1900 (Verlag von Hesse in Leipzig) eine ganz objektive Schilderung der Geschichte des Judentums in der Freimaurerei. Aus dieser Geschichte geht hervor, und jedermann kann Einsicht nehmen, daß die Stellung der Juden in der Freimaurerei stets eine gedrückte und l) Während des Weltkrieges scheint die Geschäftsstelle ihren Charakter geändert und sich politisch betätigt zu.' haben. Ihre Leiter haben sich durch Hetzereien gegen Deutschland bekanntgernacht. Die Verhältnisse sind sehr verworren. Sobald die Freimauerei eben politisch wird, gelangt sie von einem Dilemma in das andere, so auch, wenn sie den politischen Pazifismus vertritt. Die Logen der verschiedenen Staaten haben sich hier sehr verschieden verhalten und sind zmn Teil politisch beteiligt, z. B. Ungarn, Türkei, Belgien, Serbien. geduldete war. R. Taute hat 1913 im Verlag von Zechel in Leipzig nochmals das ganze Material zusammengestellt. Er hat aus Hunderten von gedruckten Werken die Tatsachen dargetan, die das Handbuch schon erhärtet, daß der Aufnahme von Inden stets Schwierigkeiten gemacht worden sind, wobei weniger die Religion als die Rasse und die Lebensanschauungen in das Gewicht fielen. Nun können wir aus der übergroßen Literatur über das Thema hier nicht alles anführen, das würde ein eigenes Buch erfordern. Es ist von Schriften in der Freimaurerei zugunsten der Juden nicht viel zu ermitteln gewesen, und das ist es, woraus es hier ankommt. Es wird behauptet, die Freimaurerei sei verjudet. Das wird von mir bestritten, und ich bin deshalb von den „Nornen", einem antisemitischen Hetzblatt, in eine literarische Kontroverse verwickelt worden. Meinen persönlichen Standpunkt in der Judenfrage habe ich; in dieser Zeitschrift (Nr. 37 dieses Jahrgangs) ebenso betont wie in den „Normen". Darauf kommt es aber nicht an; es handelt sich um den objektiven Beweis, daß von einer Verjudung. der Freimaurerei keine Rede sein kann. Die Juden teilen, um ganz objektiv zu feilt?, das Schicksal aller Nichtchristen in der Freimaurerei, sie sind in den Augen christlicher Freimaurer minderwertig. Hält man die Freimaurerei für ein christliches Institut, weil sie in London 1717 als sy mbolische Maurer ei gegründet wurde, so ist die Ausnahme von Juden ausgeschlossen oder beschränkt. Nun ist die Freimaurerei christlich in Schweden, Norwegen, Dänemark; in Deutschland sind die Große Landesloge und die „Drei Weltkugeln" christlich'). Alle anderen Logen stehen auf dem Standpunkt der Humanitätsmaurerei, d. h. die Freimaurerei ist ein Menschheitsbnnd, so daß Religion und Rasse kein Hinderungsgrund sind. Ziehen wir die alten Pflichten zu Rate, die noch gelten, so finden wir diese Ansicht bestätigt. Die Freimaurerei ist eine Vereinigung, welche die Menschen ohne Unterschied des Standes, des Glau>- bens, der Rasse als Menschen wertet. Infolgedessen kann von einer Präponderanz der Juden um so weniger die Rede sein, -) Nach Paul Knaks „Kleinem Führer", 3. Auslgge (Berlin, Franz Wunder), einem Buche, was sehr gut unterrichtet, machen nur die Grosze Landesloge von Deutschland und die „Drei Weltkugeln" die Zugehörigkeit zmn Bunde vom christlichen Bekenntnis abhängig. Nach den Satzungen der „Drei Weltkugeln" mutz der Auszunehmende sich zum christlichen Glauben bekennen, nach denen der Großen Landesloge kann niemand Mitglied des Ordens sein, der äußerlich zu einer anderen als einer christlichen Neligionsgemeinschaft .gehört und sich nicht innerlich zu, der Lehre Christi bekennt. Damit ist die christliche Grundlage dieser beiden Großlogen bewiesen, die auch die Grundlage der sogenannten Hochgrade ist. Wie diese Logen nach Ansicht der „Nornen" an der „Vernichtung des Christentums" arbeiten sollen, ist unerfindlich. Wer am Bestehen einer christlichen Freimaurerei zweifelt, dem fehlt jeder Einblick in die Verhältnisse, die sich jeder leicht verschaffen kann, weil nur die Rituale noch gehermgehalteu werden.