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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-31 · Heft 44 (31.10.1919) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 44 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 504 (sequence 12)
Language
German
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504 die Blätter krümmten sich vor der sengenden Glut des Tages. Der Wald dürstete. Und heiß wallte das Blut in den zwei Menschenkindern, die zwischen den Baumgruppen umherrrrten. l Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Ge s ch i. ch t e d e r F r e i e n Stadt Franks u x t a. M ^1814 bis 1866). Bon Richard Schw einer. Im Aufträge der Städtischen Historischen Kommission. Dritter Band. II. Teil. Frankfurt a. M., Joseph Baer u. Go. 1918. In dem vorliegenden Band, mit dem ein wichtiges, aufschlußreiches Werk zrnn Abschluß gelangt, wird der Inden verhältnismäßig wenig gedacht. Ende 1851 wurde (S. 88) der Vorschlag gemacht, daß die Juden weder irr den Senat kommen noch an der gesetzgebenden Bersannnlung teilnehmen dürfen. Zwei Jahre später wurde ein organisches Gesetz vorgeschlagen und angenommen, das den Juden das aktive und passive Wahlrecht zurückgab, aber bestimmte, daß nicht mehr als vier Israeliten in die gesetzgebende Bersannnlung kommen sollten, iinb weiter fcstsetzte, daß den Israeliten die Senatorenstellen, die Bürgerrepräsentation, die Richterstellen und alle Aemter, die mit der Verwaltung christlichen Eigentums zu tun hatten, verschlossen sein sollten. Nachdem im Jahre 1868 Lassalle ausgetreten war und nicht in direktem Zusammenhang damit, sondern bedingt durch das Aufkommen freisinniger Grundsätze überhaupt, die Liberalen in Frankfurt zur Herrschaft gekommen waren, wurde noch in demselben Jahre eine Verfassung beraten, in der die staatsbürgerliche Gleichstellung der Israeliten und Landbewohner durchgemhrt werden wllte. Da heisst es iS. 211): „Daß bei dem Ueberwieaeu des Judentums in der gesetzgebenden Versammlung sein Vorschlag angenommen werden würde, das konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, und die Annahme, und zwar die einstimmige, erfolgte denn auch gleich am 16. September 1864. An der öffentlichen Abstimmung, die am 8. und 4. Oktober stattfand, beteiligten sich allerdings nur 020 Stimmberechtigte." Wieso es möglich war, daß trotz des Gesetzes vou 1858, wonach iuir vier Juden in die gesetzgebende Versammlung gewählt werden durften, das jüdische Element überwvg. ist mir nicht klar geworden. Von einzelnen Inden wird nur einmal Börne zitiert: gelegentlich auch ein Brief Ludwig Bambergers aneesührt, in welchem Frankfurt in nationalem Sinne bearbeitet lverden sollte. Bei der Darstellung der ersten Preußischen Zeit' wird mehrmals des Bankiers Rothschild gedacht, der schon bei den Eumnzipakionsbestrebungen des Jahres 1858 eine Rolle gespielt hatte. Das eine Mal lverden zlvei Audienzen Rothschilds beschrieben, in denen es sich -um die Frankfurt auferlegte Kontribution handelt lS. 894). Das andere Mal wird kurz von der Wahl Meyer Karl v. Rothschilds zum Abgeordneten Frankfurts zur norddeutschen Bundesversammlung berichtet (S. 450sf.). Das Buch ist politisch freisinnig geschrieben, nickst gerade von besonderer Sympathie zu Preußen -erfüllt, aber ohne besonders starke Animosität. Als einen Mancel des Buches möchte ich he.'vorseben, daß das geistige und Kulturleben unendlich wenig berücksichtigt wird. Das ist ein Grundfehler, denn die Geschichte einer Stadt ist doch eben nicht bloß politisch, sondern auch geistig. Und gerade Frankfurt darf den Ruhm in Anspruch nehmen, für das geistige Leben seiner Bewohner viel getan zu haben. Nicht einmal Die Frage über die Errichtung einer Universität in Frankfurt, die gerade im Jahre 1867 sehr dringend war, wird eingehend dargestellt. Trotzdem darf man das Buch lvegen seiner gründlichen und authentischen Belehrungen als eine wackere Arbeit willkommen heißen. (Ans L u d lv i g G : i g e r s Nachlaß.) # Tie Ser ii a l e : h i t der j ü d i i ch e n W i e d e r a e b n r t. Ein Wort an unsere Jugend von Hans Goslar. Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. 47 Seiten. 1,50 Mark. Goslar behandelt in seinem Büchlein eine Frage, die zu den wichtigsten und schwierigsten des modernen jüdischen Lebens gehört. Er behandelt sie grundsätzlich vom zionistischen Standpunkt aus. Und wenn es irgendeine Frage gibt, bei der es gleichgültig ist, welchen politischen Standpunkt der Verfasser hat und um welchen Endzieles willen er sie erörtert, sondern alles einzig daraus ankommt, den Willen der zu Beeinflussenden ans eine bestimmte Betätigung praktischer Sittlichkeit hinzulenken, dann ist es diese. Des Verfassers Ziel ist klar und eindeutig. Er verlangt von dem jungen Manu dieselbe unbedingte Enthaltsamkeit in geschlechtlichen Dingen vor der Ehe, die man als selbstverständlich von dem jungen Mädchen fordert: die Jugend muß zu dein alten jüdischen Ideal der unbedingten Keuschheit zurückk-ehven. Er erörtert die Frage nicht bloß moralisierend vom Standpunkt des Sittenpredigers aus, sondern er setzt sich auch mit den in Betracht kommenden medizinischen Gedankengängen auseinander und führt an der Hand der Forschungen einer Reihe von medizinischen Sachverständigen den Nachweis, daß geschlechtliche Enthaltsamkeit keineswegs, wie manche glauben und fürchten, zu gesundheitlichen Schädigungen führt. Er schaltet die im letzten Grunde auf der Selbstsucht ruhende Begründung der Forderung, enthaltsam zu leben, daß nämlich Ausschweifung mit Gefahren und siechmachender Krankheit verbunden sein kann, aus und sucht vielmehr das Verantwort! ichkeitsgcfühl gegenüber den Ahnen und gegenüber den Nachkommen zu -erwecken. Die Endforderung des Verfassers ist schließlich die Herbeiführung solcher wirtschaftlichen Zustände und so bescheidener anspruchsloser Denkweise, daß die Frühehe ermöglicht wird, die jene Enthaltsamkeit nicht über Gebühr ansdehnt, denn ohne sie bricht schließlich der Wille zur Enthaltsamkeit doch zusammen. Man muH dem Verfasser dankbar dafür sein, daß er dieses ernste Thema in so sachgemäßer und leidenschaftsloser Weise erörtert; es ist nur schade, daß man so spät und sv selten an die Behandlung dieser Frage herangeanngen ist, man hätte längst in allen Lagern des Judentums sich nachdrücklich mit ihr beschäftigen müssen. Hier liegt eine religiöse Aufgabe vor, kuren Losung dringlich ist. Dem Werkchen ist daher eine möglichst weite Verbreitung zu wünschen, und die kurze knappe Darstellung wird ihr besonders förderlich sein. So sehr man mit dem praktischen Ziel der Schrift übereinstimmt, ein Wort der Kritik ist vonnöten. Goslar schickt seinen Ausführungen einige kurze Bemerkungen über Assimilation und Zerfall in der Jndenheit des vorigen Jahrhunderts voraus, und hier begegnen wir den alten schiefen Urteilen, die wir jedesmal wiederfinden, wo Zionisten über die Vorgänge im Judentum des nachmendelssohnschen Zeitalters sprechen. Sie, und mit ihnen Goslar, sehen in den Absichten und Taten, der Männer in der Epoche der Reform nichts weiter als den Willen, das Gebäude des Judentums Stein für Stein, Balken für Balken abzutragen, um zu sein wie die anderen: von dem ernsten r e l i g i ö s e n Streben, von dem Willen, um der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse willen das Gebäude der Religion umznbauen, damit es nicht einstürze und wohnlich bleibe/sehen sie nichts, oder wollen sie nichts sehen. Es ist schade, daß ein Buch, das in seiner Endabsicht so begrüßenswert ist, mit derlei tendenziöser Geschichtsdarstellung belastet ist. Den Willen zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit, zur Heiligung des Trieblebens will das Büchlein wieder entzünden. Aber es fragt sich doch sehr, ob diesem Willen die ausreichende Begründung gegeben ist. Seiner ganzen Denkrichtung entsprechend meint Goslar, der Hinweis ans die Pflicht dem Bolksganzen gegenüber, daß ausschweifendes Leben den Volkskörper durch mangelhafte oder untüchtige Nachkommenschaft schwäche, daß reines Leben zahlreiche und gesunde Nachkommenschaft erzeuge, müsse entscheidend sein, und nur aus di es ein Grunde erblühe der neue Wille. Aber der Zweifel mutz doch ausgesprochen werden, ob'diese Begründung stark genug ist, um die Glut der Sinne zu dämpfen und die Leidenschaften erfolgreich zu bekämpfen. Auf d i e s e m Wege versuchen es doch die Wortführer aller Nationen der heutigen Knltnrwelt, denn alle sind sie ja von der Verwüstung des geschlechtlichen Lebens bedroht, und die Erfahrung lehrt, daß man auf diesem Wege das Ziel nicht erreicht. Gerade an dieser Stelle spielt das religiös e Moment die entscheidende Rolle; mau war enthaltsam und keusch, solange man der Ueberzeugung lebte, daß diese Keuschheit von Gott geboten sei, und mit dem Augenblick, da der Glaube an die Verpflichtung Gott gegenüber ins Wanken kam. begann der Niedergang der jüdischen Gemeinschaft in diesem Punkte. Nur von hier aus ist die Frage wirksam zu erörtern, und wem es gelingen wird, den religiösen Sinn der Jugend zu beleben und anzufachen, daß sie aus religiös -e n Gründen Leib und Seele rein erhalten wollen, der allein hat gewonnenes. Spiel in diesen Dingen. Und in der Schwierigkeit des ganzen religiösen Problems der Gegenwart liegt auch die Schwierigkeit der Lösung dieser Frage. Alles im modernen Judentum steht und fällt damit, ob cs möglich sein wird, eine jüdische Religiosität neu zu erwecken. D i e n e m a n n (Ratibor).

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