Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-31 · Heft 44 (31.10.1919) · p. Seite 503

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 44 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229434--75287-3287786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mit ebensoviel Zartheit wie Gewandtheit half ihm Frau Eifenhardt aus der Verlegenheit. „Der Spruch ist sehr sinnig, sehr sinnig, das muß ich sagen. Das Haus ist die Frau — halten Sie sich nur weiter daran, der Satz birgt in sich ein Lebensprogramm. Aber ich bin der Ansicht, dem Mutigen gehört die Welt, geschweige, denn das Haus, wie er sich's wünscht, das Heim, wonach er sich sehnt. Manche verstehen es, sich ihr eigenes Haus zu gründen — ich lege den Ton auf das „eigene" — und die es verstehen, das sind die Mutigen; die sich es erkämpfen, um es zu besitzen, denen gehört die Zukunft." Wer von wem? — Das war nun die Frage, die Benjamin beschäftigte. Hat es Frau Eisenhardt von Sara-Lea, oder hat es diese von der guten Tante aus Kvakau? Wer war hier Lehvmeisterin? Wer Schülerin? Die Lieblingstante mit dem rundlichen Gesicht, aus dem zwei lachende Augen einen gutmütig anblickten, spielte ja dieselbe Leier wie ihre Nichte, nur bei weitem geschickter und mit jener Festigkeit, die eine reiche Lebenserfahrung gleichsam als Schmerzensertrag abwirft. Auch sie Predigte den häßlichen Kampf für eine schöne Zukunft! Also war er notwendig, dieser Kampf, sonst hätte Frau Eisenhardt ihn nicht gepredigt. Denn Frau Eisenhardt war klug und lebenserfahren — klug, weil sie lebenserfahren war aus jedem ihrer Worte sprach ein Eigenwille, der den gebändigten Trotz gegen ein nunmehr Unabänderliches verriet, und in ihren gutmütig lachenden Augen lag der Widerschein eines Herzens, das nur noch für andere hoffen konnte. Frau Anna Eisenhardt gehörte zu jenen Menschen, die gleich auf den ersten Blick ihren Wesengehält verraten, zu jenen seltenen und seltsamen Menschen, die die lebendige Schrift ihres eigenen Schicksals sind. Frau Anna Eisenhardt brauchte bloß sich einem vorzustellen, und man wußte gleich, iven man vor sich hatte; sie brauchte bloß ein haar Worte zu sprechen, und man hatte ihr bereits auf den Grund der Seele geschaut. Benjamin erinnerte sich, wie er einmal in Sara-Leas Photographienalbum das Bild der Tante aus Krakau rücksichtsvoll und pflichtschuldigst mit dem Tiefblick eines Psychologen gemustert hatte. Jetzt wurde ihm klar, daß es bei dieser Frau des psychologischen Tiefblicks gar nicht bedurfte, um ihre Wesensart kennenzulernen. Er sah das Lächeln ihrer Augen, horchte auf den Klang ihrer Stimme, und er kannte sie. Und seltsam, nicht nur Frau Eifenhardt kannte er, er kannte auch Anna Schlüte, die stolze Tochter Joses Schlütes. Ja, stolz ist sie, die schöne Anna mit dem rosigweißen rundlichen Gesichtchen im kastanienbraunen Rahmen, und ihre Augen lachen nicht, sondern blicken wie die Hoffnung leuchlend in die Welt. Und die stolze Anna trägt eine große Liebe in ihrem jungen Herzen — die Liebe zu einem jungen Mediziner. Aber ein Mediziner ist kein Rabbiner; ein Mediziner weiß wohl, was „gesund" ist und was „krank" ist, aber er weiß nicht, was „koscher" ist und was „trefa" ist. Und Josef Schlüte ist ein frommer Mann, trägt Kaftan und Schläfenlvcken, und alle Gesundheiten und Krankheiten der Welt wiegen ihm das Koscher und Trefa nicht auf. Und die Liebe? Nun. Josef Schlüte liebt seinen Gott, seine Frau, seine Kinder - - alles nur Eigenes,, und begreift es nicht, daß man auch einen fremden Mediziner lieben kann. Josef Schlüte liebt leine Tochter von ganzem, Herzen und von ganzer Seele und haßt sie — wegen ihrer Liebe zu dem jungen Mediziner. Und um ihr diesen Wahnsinn von einer Liebe auszutreiben, reist er mit ihr nach Krakau und verlobt sie dort dem reichen und alten Grundbesitzer Beirach Eisenhardt, und sie wird bald darauf sein angetrautes Weib nach den Gesetzen Mosis und Israels. Seit damals wohnt das Lachen in Annas Augen, seit damals spricht aus ihren Worten jener Eigenwille, der den gebändigten Trotz verrät. Ein Schauer überlief Benjamin. Dachte etwa Kalman Schlüte bei Sara-Lea ein ähnliches Heilverfahren anzuwenden? ’ Wohl war der junge Benjamin kein junger Mediziner, aber in bezug auf Koscher und Trefa brachte man auch ihm kein großes Vertrauen entgegen. Nun sah er ein: schön war der Kampf nicht — mit dem Vater um die Tochter zu streiten —, aber er war unvermeidlich. Der Wille, der über Sara- Lea waltete, mußte durch einen stärkeren, mutigeren, kühneren gebrochen werden. Es galt, auf der Hut zu sein, sich nicht überrumpeln zu lassen und einer etwa geplanten Attacke vorzugreifen. Benjamin war fest entschlossen, sich sein Glück zu erkämpfen, mochte kommen, was da wollte. „Und bist du nicht willig ..." Das Dichterwort sprach er laut vor sich hin. Darauf sagte Frau Eisenhardt: „Sehr richtig, mit solchen Leuten ist nicht anders auszukommen." Mit solchen Leuten — sagte sie und meinte: mit ihrem Bruder und seinesgleichen. Sie gingen noch eine Weile zusammen. Frau Eisenhardt erzählte Benjamin, sie sei eigentlich zur Hochzeit Jossels gekommen, sie werde jedoch nach der Hochzeitsfeier nicht gleich nach Krakau zurückfahren, sondern mit Sara-Lea aus einige Zeit in die Sommerfrische gehen, und zwar beabsichtige sie in diesem Jahre die Erholungszeit im Dorfe Lipowica zuzubringen. Der Weg von der Stadt in dieses Dorf, setzte sie bedeutungsvoll hinzu, sei ungefähr eine Stunde, und sie hoffe, daß er sie öfter besuchen werde. - Im Lipowicer Walde hatten sie sich verirrt. Anna, Sara-Lea und Benjamin waren zusammen nach dem nahen Gekiölz aufgebrochen und ein» gutes Stück durch die krummen Wald Pfade gewandert. Plötzlich war Anna verschwunden, und kein spähendes Auge, und kein weithin schallender, widerhallender Ruf lockte sie hinter irgendeiner Laubwand hervor. Frau Eisenhardt hatte überhaupt die Angewohnheit, bei gemeinsamen Wäldpartien entweder federnd voranzueilen oder trippelnd zurückzubleibew; Sara-Lea und Benjamin kannten schon diese ihre befremdliche, aber nicht gerade unangenehm wirkende Angewohnheit, und sie Pflegten, wenn sie im Walde umherwanderten, von Zeit zu Zeit ihre Schritte zu beflügeln, um Anna einzuholen, oder ihre Sebritte zu verlangsamen, um ihr den Anschluß zu ermöglichen. Heute aber war sie verschwunden, jpurlos, wie man« zu sagen Pflegt. Sara-Lea und Benjamin waren, in ein lebhaftes Gespräch versunken, auf einen einsamen, ihnen unbekannten Waldespfad abgeirrt: sie hatten Fangball mit ihren Morten gespielt und ihre Reden wie goldige Fäden gezogen. Da war auf einmal einer der Goldfäden gerissen, und ehe sie Zeit fanden», ihn wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen, war der Abgang der Frau Eisenhardt entdeckt. Sie hatten dann sie gesucht, nach ihr gerufen -- vergebens, sie war verschwunden. Nun standen sie allein im Walde. Sie sahen einander an und waren zunächst betroffen, dann blickten sie einander tiefer in die Augen und lächelten Sonnen in den Wald. Benjamin legte die eine Hand aus Sara-Leas Schulter, mit der anderen erhob er ein wenig ihren Kopf. „Die gute Tante aus Krakau", sagte er leise. Dasselbe dachte auch Sara-Lea. Arm in Arm, in trunkenem Schweigen, irrten sie nun im Walde umher. Der Wald atmete tief lind schwer. Durch das Aestegitter der Buchen glänzte der Tag wie bläulichgrauer Stahl. Hier und da öffneten die weitausgreifenden Zweige ihre Fugen und ließen ein rotes Licht hindurchströmen, das die schmalen Waldpfade mit violetten Streifen säumte. Zwischen den Lichtungen floß das Sonnenlicht rotgelb hernieder. Die Aeste streckten wie flehend ihre Arme aus und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.