Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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502 c) Wäre die Seele wirklich nur eine Hirnfunktion, wie der Materialismus lehrt, so müßten die Stoffwechselvorgänge, denen dann auch die Seele unterworfen wäre, trotz if)te§i allmählichen Wirkens nach einem gewissen Zeitraum, etwa von sieben Jahren, uns seelisch so umgewandelt haben, daß wir mit unserem früheren Ich uns nicht identisch fühlen. d) In unserem Selbstbewußtsein werden wir eines zwecksetzen'den Willens, einer sittlichen Weltordnung unmittelbar inne. Wie ist es nun möglich, daß der Begriff einer Zweckmäßigkeit in uns gelangt, die wir doch selbst nur ein Teil des Universums sind? Wir können noch weiter gehen und können sagen: Ohne (Glauben an einen freien persönlichen Ooott bleiben gewisse Tatsachen unseres Seelenlebens schlechterdings unerklärlich. So sind die religiöse Söhnsucht und das sittliche Gewissen unbegreifliche Erscheinungen in einer Welt, wo nur Notwendigkeit und ein Wirken nach Zwecken der Weltseete abgesprochen wird. (Schluß folgt.) Lrnjgmins iTirbrslirö. (17. Forts.) Roman von S a m it c l M e i s e t s. enjamin war eigentlich immer noch der naive Dorfjunge. Er hatte sich die Sache so einfach, so leicht vorgestellt. Onkel Ehajim oder irgendein anderer würde zu Kalman Schlüte hingehen - dachte er —- und ihm ohne Förmlichkeit Benjamin Glück zum Schwiegersohn Vorschlägen. Und Kalman Schlüte würde, ohne sich lange zu besinnen. Ja sagen. Schließlich ist Kalman Schlüte nicht reicher als Jankel Krummholz, nicht angesehener als er, nicht adliger als er und wenn auch zwischen Sara-Lea und der rundgeformten Maid ein dicker Strich zu ziehen ist, so gilt doch dem einen Vater seine Tochter ebensoviel als dem anderen die seine. Und zu guter Letzt — Benjamin ist der Sohn Saul Glücks, der Urenkel des großen Rabbi Benjamin, dessen Namensträger er ist. Und Kalman Schlüte gibt was auf Abstammung, auf gute Herkunft. Warum in aller Welt sollte er da Nein sagen? So hatte sich's Benjamin gedacht. Und nun kam Sara-Lea und sprach von schweren Kämpfen, die ihm bevorstünden, und von starken Armen, mit denen er sie sorttragen, und von der Zukunft, die er sich selbst bereiten würde. Er sollte um sie kämpfen müssen! Ter Kampf des Mannes um das Weib -. tu der Schule, in der er lernte, wußte man nichts davon. Allmählich gewöhnte er sich an dieses Lied von der Zukunft, sang es nach, sang sich hinein in die Rolle des Kämpfenden und gefiel sich darin. Er fühlte sich stolz und erhoben bei dem Gedanken, um Sara-Lea kämpfen zu müssen. Hat nicht Vater Jakob zweimal sieben Jahre um die Rahel gedient? Und sollte er davor zttrückschrecken, um Sara-Lea zu kämpfen? Ja, er wollte es tun, wollte Hindernisse überwinden, Gefahren trotzen, Kämpfer sein und . . . Sieger. — Eines Tages saß Benjamin auf der steinernen Bank in der Grotte, die das Onellbrünnlein umschloß, und wartete auf Sara-Lea. Er wartete lange. Sara-Lea Pflegte über den Kai den Weg nach dem Schloßberg zu nehmen und durch die breite Allee zu kommen. Heute aber spähte er vergebens nach ihr ans; sie kam nicht. Von Ungeduld gequält, erhob er sich und lief ein gutes Stück die breite Allee hinunter, in der Hoffnung, ihr auf halbem Wege zu begegnen; bald aber siel ihm ein, Sara-Lea könnte am Ende einen anderen Weg eingeschlagen haben; er lief daher zurück, setzte sich wieder ans die steinerne Bank und wartete. Eine Erzieherin kam mit ihren zwei Zöglingen, einem Mädchen von etwa neun und einem Jungen von ungefähr sieben Jahren, durch die breite Allee; sie führte den Knaben an der Hand, das Mädchen dagegen blieb ein wenig zurück und sprang im Gehen vergnügt über ein Springtau. Die drei gingen vorüber. Später stieg ein älteres Paar einen kleinen Hügel herunter; der Mann hielt einen Zylinder in der Hand, blieb jedesmal stehen, um Atem zu holen, und machte den Eindruck eines alten Ghmnastalprofefsors, der an Asthma leidet. Als auch dieses Paar vorübergegangen war, blieb alles ruhig, es zeigte sich kein menschliches Wesen mehr. Benjamin kam es vor, als hauste er hier allein, wie ein Einsiedler zwischen den hohen Bergen. Der Tag war im Verblassen, in den Alleen wurde es still, das Brünnlein sang immer lauter, und er saß allein auf der steinernen Bank und wartete. Endlich tauchte die sanft bewegliche Gestalt Sara-Leas in der breiten Allee auf. Benjamin erhob sich und wollte ihr entgegeneilen. Da blieb er plötzlich wie gebannt stehen. Sah er recht? Neben ihr ging eine fremde Dame, in deren Begleitung er Sara-Lea noch nie gesehen hatte. Die Dame sah elegant aus in ihrem hellgrauen Kleid und im zierlichen kappenähnlichen Seiden'hütchen und verriet auf den ersten Blick die distinguierte Großstädterin. Ehe Benjamin noch Zeit fand, den ersten Eindruck dieser Kroßstädterin in sich anfzunehmen, stand Sara-Lea vor ihm und lächelte ihr holdseligstes Lächeln. „Du mußt entschuldigen, Benjamin", sagte sie, „ich Hab' dich heute lange warten lassen. Meine Tante aus Krakau ist schuld daran." Und dann stellte sie vor: „Herr Glück — Frau Eisenhardt." Frau Eisenhardt reichte Benjamin die Hand. „Es ist mir ein großes Vergnügen." Benjamin hielt ihre Hand in der seinen, er hielt sie viel länger, als der gute Ton es vorschreibt, und stammelte endlich: „Ebenfalls." Dann stieg man .zu dritt aus dem ausgetretenen Graspfad den Berg hinan. Vorerst wollte keine Unterhaltung in Fluß kommen. Man ging schweigend nebeneinander, und jeder schien mit sich selbst beschäftigt. Es dunkelte. Die Lust war kühl und feucht. In der Bergesstille, die nur durch vereinsamtes, von fernher herübertönendes Vogelgezwitscher unterbrochen wurde, hallten ihre Schritte wie das Rascheln dürren Laubes. Frau Eisenhardt wandte sich an Benjamin. „Es würde mir leid tun, Herr Glück, wenn Sie sich durch meine Anwesenheit irgendwie eingeengt fühlen. Legen Sie sich, bitte, keinen Zwang auf und sprechen Sie frei und offen, wie Sie mit Sara-Lea zu sprechen gewohnt sind. Ich bin durchaus keine Spielverderberin und nicht so schlimm, wie ich ausschaue." Benjamin erwiderte: „Oh, Sie sind mir keine Fremde mehr, Sara-Lea hat mir viel von Ihnen erzählt, und ich freue mich aufrichtig, sie zu sehen. Aus Ihren Worten, Frau Eisenhardt, sowie aus der Art, wie Sara-Lea mich heute begrüßte, darf ich wohl den Schluß ziehen, daß Sie von allem unterrichtet sind." „Na also. Tann tun Sie so, wie wenn Sie zu Haufe wären!" „Der Talmud sagt: Das Haus ist —" Benjamin vollendete den Satz nicht. „Nun, was ist das Haus?" fragte Frau Eisenhardt. „ - die Frau," sagte Benjamin und errötete. Er fühlte, daß er das Zitat an falschem Orte angewandt hatte, daß es gar keinen Sinn hatte, in diesem Zusammenhang einen talmudischen Spruch zum besten zu geben. Er hatte es daraus abgesehen, der Lieblingstanre Sara-Leas zu gefallen, und nun traf ihn das Mißgeschick, daß er sich gleich bei dem ersten Zusammentreffen mit ihr gründlich blamierte.