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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-31 · Heft 44 (31.10.1919) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 44 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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stellung von Schaffen und Scheiden wie Hevvorbring-en und Trennen aufmerksam machen (vgl. folgendes Schema): 1. Tag: Licht; 2. Tag: Wasser; 3. Tag: Trockne mit Pflanzenkleid; 4. Tag: Lichter; 5. Dag: Herausbildung der Wassertiere; 6. Tag: Tiere und Menschen. k) Darum haben auch freigestnnte Weltkinder sich willig dem Zauber dieser Geschichte hi'ngegeben. So preist Keppler unseren Bericht als den herrlichen Eingang des großen Menschheitsbuches. David Fr. Strauß nennt ihn höchst sinnig, und K. E. v. Bär meint, eine erhabenere Schöpfungsgeschichte sei nicht denkbar. Die besondere Schöpfungsgeschichte des Weibes ist als eine Verherrlichung der innigen e h e l i ch e iw Gemeinschaft zu würdigen, um zu zeigen, wie hier die Einehe als ideale Form der Gattenliebe gepredigt wird: a) die Frau ein Stück vom Manne, seine Ergänzung, durch die er erst voller Mensch wird; b) feine Gehilfin, die ihm in jeder Lebenslage treu \\xx Seite steht. („Darum verläßt der Mann usw.", Gen. II, 24, und das siebente Gebot ist hier in seiner Bedeutung für 'sexuelle Ethik taktvoll heranzuziehen: sich weihen und rein halten für die Ehe!) Die Einehe war 'bei den Israeliten auch tatsächlich die Regel. Nur die Kinderlosigkeit der Gattin entschuldigt nach der Meinung, des biblischen Erzählers bei Abraham und der Betrug des Laban bei Jakob die Vielehe. Oder Fürsten und Könige trieben in Nachahmung fremder Sitte Haremswirtschast (David, Salomo und das Königsgesetz, Deut. 17, 15). Sonst aber konnte man von den Israeliten sagen, was Tacitus den Germanen nachrühmt: prope soll barbarorum singulis uxoribus contenti sunt. Als Stimmungsbild dazu Psalm 138: Glück der Häuslichkeit; für die religionsgesetzliche Entwicklung ist auf die bekannte T e k an ah des Rabbenu Gerschom, gesetzliches Verbot der Polygamie, hinzüweisen. Bei der an der Schöpfungsgeschichte zu entwickelnden theistisch-jüdischen Weltanschauung und optimistischen Lebensauffassung werden geistig entwickelten Schülern all die Zweifel kommen, die wir aus eigener Erfahrung kennen. Wir dürfen an diesen Schwierigkeiten nichtvorübergehen und müssen uns ehrlich mit ihnen auseinandersetzen. Immer ist aber vor Be-' ginn solcher Erörterungen daran zu erinnern, daß Religion Sache des Gemütes, des inneren Erlebnisses ist, nicht Gegenstand des exakt beweisenden Verstandes. Durch einen guten Unterricht im Deutschen geförderte Schüler lassen sich auch in die Kantsche Erkenntnistheorie wenigstens so weit einführen, daß sie einsehen, daß unsere Denkgesetze nur für das in Raum und Zeit Wahrnehmbare gelten und daß Religion der innere Sinn für das jenseits von Raum und Zeit Besind-- liche ist. Die Rechtfertigung unserer Lebensanschauung kann aber selbst aus der Oberstufe niemals rein philosophisch geschehen. Sie wind immer an Erfahrungen und Erlebnisse der Schüler anknüpfen und ihre Kenntnisse auf literarischem, geschichtlichem unb naturwissenschaftlichem Gebiete heranziehen. Der Lehrer wird auch aus seinem ureigensten Seelenleben gerade hier viel hinzutun müssen: „Auch Flämmchen spend' ich dann und wann, erwartend, ob es zünden kann" (Goethe). Apol o get ische H an dr ei chu n g zu G e n. I. 1. Wir haben den Optimismus als die Grundstimmung im biblischen Lehrgedicht über die Schöpfung erkannt. Sollen wir nun an den Tatsachen des Leides scheu, mit hinweggewandten Blicken vorüberhrlschen? Können wir leugnen, daß es so viel Unglück auf Erden gibt, „daß man vor Mitleid sterben müfcte, so man alles Elend mit einem Male übersehen könnte"? (Schopenhauer.) Ueberwuchert nicht die stärkere Pflanze die schwächere, frißt nicht die Schwalbe die Mücke, der Hecht die Karpfenbrut? Siegt nicht auch in der Menschenwelt unbarmherzig im Daseinskampf der Stärkere? Zwingt nicht des Lebens Not den Arbeiter, bei schlechtem Lohne dem Geldmanne zu dienen? Müssein wir da nicht eigentlich als ehrliche Menschen denen, die uns von des Lenzes Pracht und Gottes Güte vorschwärmen, derb und kräftig zurufen: „Laß dich den Frühling.nicht täuschen!" Nun sagt man wohl, daß der Schmerz und das Leid die Mittel sind, die Wesen zu einer höheren Vollendung hinaufzuzüchten. Der Kampf gegen das Uebel, die Sucht, dem Schmerze zu entfliehen, ist die treibende Peitsche, ist die Wurzel des Fortschritts. Richtig! Was aber antworten wir, wenn einer so kühn ist weiterzufragen: „Warum läßt Gott die Entwicklung nicht anders als durch ein Meer von Leiden vor sich gehen?" Zur Beantwortung dieser Frage reicht unsere Einsicht nicht aus. Da gilt es in Demut zu verehren, was wir mit dem Verstände nicht erfassen können. Fragen! wir statt nach dem Grunde nach dem Zweck des Leides! Da liegt ein verfaulter Eichstamm. Er erfüllt seinen Zweck, daß er (Beispiele aus der Naturlehre!) den Geschöpfen, die sich in ihm angesiedelt haben, irgendwie dient; er leistet einen erzwungenen Liebesdienst anderen Wesen. Und wie er. so opfert sich in der Natur ein Wesen dem anderen aus gesetzlichem Zwang. Was nun die Kreatur naturnotwendig in blindem Gehorsam über sich ergehen lassen muß, das soll der Mensch, der mit Freiheit begnadete, freiwillig auf sich nehmen, um dadurch sittlich sich immer mehr zu läutern und zu veredeln. Damit sind wir tief in die alte Frage nach dem Zwecke des Leides oder nach dem Sinn der Uebel in der Welt — Theodicee — eingedrungen. Wir kommen hierauf in einem anderen Zusammenhang noch zurück. Hier wollen wir aber nicht verschweigen, daß uns die Natur nicht nur im Kampfe der Wesen eine Mahnung zu freiwilliger Uebernahme von Leid und zur selbstlosen Aufopferung bietet, wie wir das eben kurz angedeutet haben, sondern daß sie auch! viele ausdrückliche Hinweise gibt für ein Gesetz der Liebe und gegenseitiger Hilfeleistung: a) die verschiedenen Formen der Symbiose, z. B. Blumen und Insekten sind aufeinander angewiesen, sie bilden Lebensnnd Interessengemeinschaften, die aus gegenseitiges Nehmen und Geben angelegt sind; b) sind alle Wesen derartig miteinander verknüpft, daß sie Teile eines höheren Ganzen sind und selbst wieder aus derartig gebauten Teilen bestehen (Zelle, Organismus!). Alle diese Teile dienen und fördern einander und ordnen sich nach dem Ziele der Entwicklung unter das ihnen von Gott vorgöschriebene. 2. Wir haben ferner im Schöpfungsbericht ein Bekenntnis zum theistischen Idealismus gesehen. Nun gibt es Denker, die die Welt einheitlich aus einer mit Kraft begabten Materie erklären zu können meinen. Ihnen, den Vertretern des sogenannten materialistischen Monismus, gegenüber haben wir folgende Einwände: a) Er vermag die geistigen Vorgänge nicht zu erklären. Das Geistige ist nur durch unmittelbare, innere Erfahrung gegeben. Die Körperwelt selbst wird sogar erst durch ein von uns unbewußt geübtes Schlnßverfahren von Ursache auf Wir- . kung angenommen (Helmholtz). Lotze sagt darum: „Unter allen >. Verirrungen des menschlichen Geistes ist diese mir immer als die seltsamste erschienen, daß er dahinkommen konnte, sein eigenes Wesen, welches er allein unmittelbar erlebt, zu be-! zweifeln oder es sich als Erzeugnis einer äußeren Natur wieder 1 schenken zu lassen, die wir doch nur durch das vermittelnde j Wissen eben des Geistes kennen, den wir verleugnen."; b) Wenn unser Sehnerv einen Eindruck empfängt, so ist das (Fortpflanzung von Aetherwellenschwmgungen) ein materieller Bewegungsvorgang. Das ist ohne Zuhilfenahme eines geistigen Prinzips in uns unerklärbar (Du Bois, Ignorabimus!)

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