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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-31 · Heft 44 (31.10.1919) · p. Seite 497

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 44 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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497 besondere Freundlichkeit der bulg-arischen Regierung den Juden gegenüber, zu beweisen, überreichte die bulgarische Delegation der Friedenskonferenz eine von den jüdischen Gemeinden verfaßte Denkschrift, der wir u. a. folgendes entnehmen: Bei seiner Gründung zählte Bulgarien, Südbulgarien einbegriffen, nur 15 000 Inden. Heute sind es . 60 000. Diese Tatsache an sich ist schon sehr beredt, besonders wenn man bedenkt, daß in der gleichen Zeit Serbien und Griechenland keinen Zuwachs ihrer jüdischen Minoritäten zu verzeichnen hatten, und Rumänien fast 100 000 jüdische Personen verlor. Die nach Bulgarien eingewanderten Juden silw fast aus allen Ländern Osteuropas gekommen, besonders aus Rußland, Rumänien und Polen, den Ländern der Pogrome, lieber Rustschuk, Barnn und Saloniki sind jährlich Tausende auf der Flucht vor dein russischen und rumänischen Judenhaß nach dem toleranten Bulgarien gekommen. Als 1895 in Rußland Judenverfolgungen allsbrachen, hat Bulgarien allein unter allen Ländern Europas den jüdischen Flüchtlingen seine Tore weit geöffnet. Tie meisten dieser Flüchtlinge sind bulgarische Bürger geworden und genießen alle politischen und bürgerlichen Rechte. Während des rumänischen Bauernaufstandes 1604, Knuten alle bulgarischen Häfen von jüdischen Flüchtlingen überschwemmt. Anstatt ihnen den Eini-ritt'zu verwehren, wie dies durch andere Länder geschah, hat die Regierung von Sofia an die Präfekten der Donaustädte ein Zirkulartelegramrn erlassen, in welchem vorgeschrieben "wurde, mit -Hilfe' der jüdischen Lokalgemeinden alle Maßregeln zu treffen, bannt für die ersten Bedürfnisse der Flüchtlinge gesorgt sei, lmd sie in das Innere des Landes zn leitm. Keiner von ihnen hat seitdem das Land wieder verlassen. - Ter Zutritt zu den öffentlichen Acmtern ist allen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Religion geöffnet. Das jüdische Element rst in einigen Ministerien und im Professorenrat würdig vertreten. Die freien Berufe stehen ebenfalls den jüdischen Akademikern offen. Es gibt in Bulgarien angesehene jüdische Aerzte, Architekten, Ingenieure usw. Biele Ballten und Jndustrieunternehmungen sind in jüdischen Händen. Prozesse zwischen Juden und Bulgaren sind ällßerst fetten. Tie Juden nehmen in hohem Maße am politischen Leben des Landes teil. Bei den letzten Abgeordnetenwahlen befand.'u sich Juden auf allen Kandidatenlisten. In den Direktionskomitees vieler Parteien sitzen Juden, und ihre Stimme ist auch schon in der Kammer erklungen, lvo sie bald vertraut sein lvird. Rremals hat Bulgarien versucht, die Juden zur Assimilavivu zn veranlassen. Tie Entwicklung des Judentums unterliegt nicht nur keinerlei Einschränkung, vielmehr hak erst kürzlich ein Kabinettsmitalied Vvrae-schlaaeu, alle jüdischen Schulen m-rf Staatskosten zu unterhalten. In Sofia unterhält die Jüdische Gemeinde drei Schulen mit etwa 2000 Schülern und eineml Jahresbudget von 230 000 Francs. Tiefe Schulen sind wahre Stätten echt jüdischer Kultur. I. P. Z. * Nationalrtätenftrert in Palästina. Ter Bischof von Jerusalem wohnte einer Bersauunlun-g im östlichen Missionshaus in London bei und erklärte, daß die christliche und mohammedanische Bevölkerung gegen den Zionismus w gereizt sei, daß, wenn man einen jüdischen Staat in Palästina einrichten wolle, man -ein Heer von 50 000 Mann zur Ausrechterhaltuug der Ordnung brauche. Tie Rückkehr der Juden könnte nur als eine spontane Volksbewegung von ihnen selbst in Szene gesetzt werden. Er hoffe, Palästina sei so fruchtbar und so kulturfähig, daß es eine bedeutend größere Bevölkerung ernähren könne. Die jüdische Siedlung müßte - den heutigen Landbesitzstand berücksichtigen. (Bekanntlich mar es ans dem von dem Bischof angeführten Grunde von der Minorität der jüdischen Bevölkerung niemals beabsichtigt, einen jüdischen Staat zn gründen.) Auf den Landbesitz der Effendis, die 15 Prozent des Bodens besitzen, und deren größter Teil gar nicht in Palästina lebt, ist eine Rücksichtnahme nur in beschränktem Maße geboten. Außerdem gibt es noch genug türkisches Kronland und bisher nicht bebautes Siedlungsland, so daß die jüdische Kolonisation die Rechte der Fellachen in keiner Weise zu kränken braucht. Zangwill über Palästina und Jndenfragc. Bemerkenswert sind die Aeußerungen, die neuerdings Israel Zangwill in einem Gespräch über die palästinische und die jüdische Frage im allgemeinen getan hat. Auf die Frage, ob der Zionismus die jüdische Lage in der nächsten Zukunft verbessern wird, gab Zangwill die Antwort: der Zionismus wird die jüdische Lage moralisch verbessern und gewisse Erteiterungen, besonders in der Emigrationssrage, schassen. Die zionistische Politik der letzten Zeit ist nach einem kleinen Maßstab Zugeschnitten. Es ist das Resultat davon, daß Dr. Weitzmanu ein.ehemaliger Chohwew Zion (Palästinophile) geblieben ist. In der Arbeit fühlt man nur wenig Selbständigkeit, und die nationalen Forderungen sind zu gering. Man bekommt den Eindruck, als arbeiteten die Zionisten mehr für die englischen Interessen als England für die Interessen des Zionismus. Ist der gegenwärtige Augenblick für eine i u t e r n a t i o n a l c j ü d ische Organisation geeignet? Sie ist noch niemals so notw'endig gewesen wie jetzt. Die Arbeit muß nicht nur dem Zionismus zu Liebe, sondern auch dem Problem der Emigration, der Frage der Durchsetzung der jüdischen Rechte unb ähnlichen Problemen zu Liebe konzentriert werden. Wie stellen Sie sich die Zukunft der russischen und die Lösung der nationalen und kulturellen Fragen in Rußland vor? Wenn Rußland eine vereinigte förderative Republik werden wird, so ist es möglich, daß auch die jüdische Frage dort gelöst werden lvird. Auch hat Sibirien Raum genug für eine jüdische Kolonisation. Schon heute aber eine derartige Forderung aufzustellen, lvürde lins die Feindschaft der russischen Bauern zuziehen. Ueberhailpt kann die jüdische Frage durch das Schwert oder durch die Gerechtigkeit gelöst werden. Tie Juden haben zu wenig Oon der zweiten. Für die nächsten Generationen ist nur eine teilweise Lösung des Problems möglich. Beim größten Erfolg des Zionismus, wird doch der jüdische Galuth ebenso lange bestehen bleiben, wie er bisher existiert hat. K. f. d. O. Lur Milchen Wanderung. icder einmal schickt sich das ruhelose jüdische Volk an, in großen Mengen seine Wohnsitze zu wechseln, weil die Völker, unter denen es lebt, in neuer Feindschaft ausstehen und weil viele Hilden nun endlich in Palästina die Stätte >>» finden hoffen, die ihnen Ruhe bringt, ~ In diesem Augenblick ist das Erscheinen einer «christ zu begrüßen, die streng wissenschaftlich „die jüdischen Wanderbewegungen in der neuesten Zeit" (1880 bis 19,4) untersucht. Dies tut Wlad.' W, Kaplnn-Kvgan in sei nein soeben bei A, Marcus 11. E, Weber in Bonn erschienenen, so betitelten Buche. Die Arbeit ist ein Abschnitt eines größeren Werkes und gibt mit ihrem anscheinend trockenen Zahlenmaterial ein erschütterndes Bild von dem Schicksal der Indenheit in den letzten 85 Jahren vor dem Kriege. Von den >2 Millionen j Menschen, die vor der Weltkatastrophe eristierten, sind 3 Mil-! tionen in diesem Zeitraum gewandert. Keines Menschen Herz ■ kann die Summe des Elends fassen, die in dieser Zahl entj halten ist! Zumeist wunderten ostjüdische Handwerker nach! Amerika samt ihren Familien, um dort eine neue Existenz zu! finden! In ihre soziale Struttur küßt uns die sorgsam ge-! arbeitete Untersuchung einen Einblick tim. Das Jahr des ün-! Heils 1914 bedeutet für die Völkerwanderung der Juden eine! wesentliche Epoche. Denn nun nach dem Kriege wird die - jüdische Auswanderung sich in eine jüdische Kolonisation ver-! wandeln, vorausgesetzt, daß die hierzu erforderlichen Mittel j sich werden auftreiben lassen. Wir stehen vor einem neuen Wandersturm, Diese Gedanken entwickelt Nathan B i r n b an m in seiner als dem I. Heft der! „Jüdischen Zeitfragen" bei L. Sänger in Frankfurt a, M. l herausgekommenen Abhandlung: „Vor dem Wandersturm, : Der Gedanke, dcr aus dieser nachdenklichen Schrift heraus»! springt, ist der, ob wirklich alle Vorbereitungen getrosten sind, z um den sicherlich losbrechenden Wandersturm in die richtigen! Bahnen zu lenken. Er weist aus alle Versäumnisse hin, die vor

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