Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 495 und gehen an Polen über. Wet irr idenr von Polen bereits besetzten oder ihnen Zugesprochenen Gebiet wohnt, ist Zeuge der großen Erregung, die sich unserer jüdischen Mitbürger bemächtigt. Nicht etwa deshalb, weil man Pogrome fürchtet. Die Wellen des nationalen Hochgefühls werden sich mit der Zeit glätten. Der wirtschaftliche Boykott erfüllt die Juden mit tiefer Sorge und drückt ihnen den Wanderstab in die Hand. Familien, die seit vielen Generationen ortsansässig sind, sehen sich gezwungen, die väterliche Scholle zu verlassen. Andere, die vorläufig noch Zurückbleiben, stellen die Absicht der Auswanderung gleichfalls in den Plan der an Wahrscheinlichkeit grenzenden Möglichkeit. Wassoll nunausdenjü di fchenBe amten werden? Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat sich in einem Rundschreiben mit der Bitte an seine Vertrauensleute gewandt, alle in Deutschland eintretenden Vakanzen mit den aus Polen auswandernden Beamten zu besetzen. Desgleichen hat der Deutsche Rabbinerverband an die deutschen Gemeinden lein ähnliches Gesuch gerichtet. Wird es a u ch h inre ich e n d beachtet? Hat die in allen jüdischen Zeitungen ü b e r e i n st i m m e n d betonte Ehrenpflicht der Gemeinden, die frei gewordenen Stellen nur im oben bezeichneten Sinn zu besetzen, auch überall Anklang gefunden? Denkt man in der deutschen Heimat an die schweren, inneren Konflikte, in die der jüdische Beamte g e st e l l t wird? Gewiß! Es ist unmöglich, sogleich alle Beamte unterzubringen, die aus ihrer deutschen Gesinnung nicht hinauskönnen und wollen. Dann muß ihnen bis zu ihrer Uebernahme in den Dienst einer deutsche Gemeinde so geholfen werden, daß sie alle — vom Rabbiner bis zum Schammes — lebenslänglich angestellt werden. In jedem Fall muß verhindert werden, daß die im neuen Polen sich umbildenden Gemeinden alte,, bewährte Beamte, die treu und gewissenhaft ihren Dienst versehen haben, aus ihren Stellungen verdrängen. Die deutschen Juden haben zu allen Zeiten ein warmes Herz und ein tiefes Verständnis für ihre — selbst in fernsten Erdteilen wohnenden — Glaubensgenossen gehabt. Sie werden sicherlich nicht derer vergessen, die — bisher unter ihnen — aus ihrer Liebe zum Judentum ihren Lebensberus gemacht haben * Stilirbrrrrgen eines antisemitischen Generals. . Unter denjenigen Generalen, die sich in: Verlaufe des Weltkrieges weniger durch glänzende Wafsentaten als durch eine urreaktionäre und volksfeindliche Gesinnung auszeichneten, stand nicht an letzter Stelle der damalige stellvertretende kommandierende General des Stettiner Armeekorps, General der Kavallerie Frhr. v. V i e t i n g - hoff. Dieser war einer der obstinatesten stellvertretenden kommandierenden Generale, dem es offenbar cu: ingrimmiges Vergnügen bereitet hat, allen Anordmmoc.:- der Regierung und des Reichstages emgegenzuarbeiten, und der sich selbst nur die Anweisungen des ihm übergeordneten Kriegsministcriums nicht einen Pfifferling geschert hat. Dieser General, schreiben die „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus", der vor der Revolution, um mit Bismarck zu reden, zu den militärischen Halbgöttern gehört hat, ist jetzt unter die Zeitungsschreiber gegangen. Er veröffentlicht in der „Kreuzzeitung" (10. Oktober) einen langen Leitartikel: „Sie wissen nicht, was sie tun", in dem er den Nachweis, erbringen will, daß einzig und allein das Judentum den für uns unglücklichen Ausgang des Weltkrieges verschuldet habe. Zu diesem Behufe trägt er aus allerlei antisemitischen Broschüren und Zeitungsartikeln die abstrusesten und konfusesten Behauptungen zusammen und verknüpft sie in ganz unlogischer und ungeschickter Weise miteinander. Nur ein Beispiel für die „Methode" des kompilierenden Generals. An der einen Stelle behauptet er ganz apodiktisch, dieser Weltkrieg stelle den „Endkampf des Judentums um die Weltherrschaft" dar, „die seit der Zerstörung Jerusalems einsetzte und heute mit der Niederwerfung Deutschlands den letzten ihm noch entgdgenstehenden Wall, wenigstens zurzeit, beseitigt hat". Kurz darauf sagt er nach Aufführung verschiedener Dinge, die nach seiner Meinung zusammengewirkt hoben, um den Weltkrieg vorzubereiten: „ . . . wieweit die internationale Leitung des Judentums dabei eine Rolle spielte, wird wohl erst die Zukunft lehren." Beide Behauptungen stehen doch miteinander in Widerspruch; ist es noch nicht erwiesen, welche Rolle das internationale Judentum bei der Entfesselung des Weltkrieges gespielt hat, so kann man es doch unmöglich als sicher hinstellen, daß dieser Krieg den Endkanrps des Judentums um die Weltherrschaft bedeutet habe. An einer anderen Stelle spricht er von der secessio populi (so!) in mortem (so!) sacrum. Zugunsten des schriftstellernden Generals wollen wir ann-ehmen, daß er den Unterschied zwischen mor8 (Krankheit) und mons (Berg) kennt, und daß also hier ein Druckfehler mortem statt des richtigen montem vorliegt. Sehr böse ist es aber, und es wirft ein sehr ungünstiges Streiflicht auf den Bildungsgrad des Generals, wenn er in bezug auf das von ihm erwähnte Ereignis aus der römischen Geschichte von einer secessio populi statt von der 86668810 plebis, wie es richtig heißen muß, spricht. Wenn jemand in dem vorliegenden Falle die beiden Wörter populus und plebs miteinander verwechselt, die hier in der römischen Geschichte ganz bestimmte und eng umgrenzte Begrifsssphären bezeichnen, so ist es genau dasselbe, wenn jemand sich über militärische Tinge verbreitet und dabei erkennen läßt, daß ihm der Unterschied zwischen einer Kanone und einer Pistole nicht bekannt ist. Wie würde der Herr General über jemanden urteilen, der die erwähnten beiden Schußwaffen nicht auseinanderzuhalten versteht. Bei einem solchen Manne darf man sich gar nicht wundern, wenn er gläubig längst widerlegte antisemitische Behauptungen wiederholt und sie noch übertreibt, daß in „Rußland noch heute das Judentum absolut (!) durch die Sowjets unter Lenin und Genossen" herrscht, daß „in Deutschland die Juden zu etwa 80 Prozent in der Regierung sitzen" usw. usw. Wenn unsere Generale im Kriege über die Tinge, die ihr besonderes Fach darstellten, ebenso glänzend unterrichtet waren wie Herr General v. Bietinghoff über Sachen die er als Schriftsteller behandelt, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir den Krieg verloren haben. Und wenn er - am Schlüsse seiner Slrlübung in der „Kreuzzeitnn'g" sagt: „Im Kampf der beiden großen Weltanschauungen, unserer Tage ist die christlichgermanische der jüdisch-großkapitalistischen durch diesen Krieg mit den angeschlossenen Revolutionen erlegen und der Germane, „die blonde Bestie", liegt gefesselt am Boden unter dem Fuße des die Welt beherrschenden Judentums", so kann man ihm mit einer kleinen W- Änderung seines Leitartikelthemas nur erwidern: „Herr, vergib ihm,., denn er weiß nicht, was er tut." *' Der Antisemitismus der Deutschnationalen. Das „Berliner Tageblatt" schreibt in seiner Abendausgabe vom vorletzten Dienstag: Die Deutschnationalen sind ängstlich besorgt, die Juden aus ihren Reihen sernzuhalten. Eine Entschließung folgt der anderen. Nicht drei Deutschnationale können zusammenkommen, ohne daß sie einen Beschluß gegen das Judentum fassen. Auf großes Selbstvertrauen läßt das nicht schließen. Gestern vormittag tagte der Hauptvorstand der Deutschnationalen Volkspartei in Berlin, und gleich war man wieder mit einer Judenentschließung bei der Hand, in der es heißt, daß sich die Partei besonders gegen die Vorherrschaft des Judentums wendet, „die seit der Revolution in Regierung und Oefsentlichkeit immer verhängnisvoller hervortritt". In diesem Zusammenhang ist folgende Erinnerung recht lehrreich, die uns ein freundlicher Leser übermittelt: „Die Deutschnationalen rücken ihre scharf antisemitische Tendenz immer mehr in den Vordergrund; zahlreiche Vereinsversammlimgen verlangen das Verbot der Aufnahme von Juden und Judenstämmlingen in die Deutschnationale Partei beziehungsweise den A n s s ch l u ß der ihr schon Beigetretenen. Diesen dentschnationalen Antisemiten dürste wohl kaum bekannt sein, daß schon im Jahre 1914 im antisemitischen Kyffhäuserverlag ein Buch erschienen ist, das im antisemitischen Interesse d a s j ü d i s ch e B hu ck im Ad el kennzeichnen will. Mit seltener Zielsicherheit trifft diese Veröffentlichung — natürlich unabsichtlich —- d i,e e i g em -e n k o n s e r v a t i v - d e u t s ch na t i o n a l e n Führer, derer enge Verwandtschaft und Versippung mit Juden beziehungsweise jüdischer Abstammung in vielen Fällen dort bewiesen wird. Die Grasen Westarp, Limburg^Sthrum, Posadowsky, Schwerin, Dohna, Wartensleben, ferner v. Maltzahn, Normann, Hamrnerstein u. a. erscheinen in diesem Buch als mit Juden nahe verwandt oder selbst jüdischen Blutes. Und wieviel namhafte Konservative nnd Deutschnationale adliger und bürgerlicher Herkunft (die sogar in der Fraktion der Nationalversammlung sitzen) sind hierbei noch dem