Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229433--75274-3287772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 alle *\t\c fragen zu studieren und sich mit der Arheitsmarktkontrolle nn Interesse der in ihrer Existenz gefährdeten jüdischen Angestellten zu befassen hat. Gerade -auf diesem Gebiete können sich die jüdischen Parteien Deutschlands zusammen finden, um dafür zu arbeiten, daß den deutschen Juden die so mühsam erkämpften wirtschaftlichen Positionen erhalten bleiben -und ihre Angestelltenm-assen nicht proletarisiert werden. — Nach dem Vortrag erläuterte Rabbiner Tr. Bergmann in geistvollen Ausführungen die Unterschiede zwischen Geschichte und Legende. Während die Geschichte die reinen Tatsachen Überliefert, enthält die Legende Wahrheit und Dichtung. Die' Legende hat einen außerordentlichen' Wert für den Kulturforscher und den Religionshistori.ker. In der jüdischen Legende sind die Errettungserzählungen besonders zahlreich, deren Grundgedanken sind, daß der Hüter Israels nicht schläft und schlummert. Der tiefe Sinn dieser Legende liegt auf der Hand. Solange das Judentum sich in seine Geschichte vertieft, wird es leben. Dieser Ausgabe wird die Freie jüdische Volkshochschule ihr neues Trimester weihen. (SA) Berlin, 21. Oktober. Der Verband der Jüdischen Ingen,dvereine Deutschlands veranstaltet im Anschluß an die Sitzung seines Hauptvorstandes in Berlin am Montag, den 27. Oktober 1919, abends 8 Uhr, im großen Saale des Brüdervereins, Berlin W, Kurfürstenstraße 115/16, eine Kundgebung: ,.D i e j ü d i s che I u g e n d u n d der A n t i s e m i t i smu s". Es werden sprechen unter anderem: Dr. Alexander (Berlin), Tr. Apfel (Berlin), Frl. Dr. Co-ra Berliner (Berlin), Justizrat Tr. Brodnitz (Berlin), Dr. Ist Kahn (Berlin), Rechtsanwalt Max Kaufmann (Mannheim), Rabbiner Dr. Lazarus (Wiesbaden), Rechtsanwalt Lichtenberg (Hannover), Dr. Gustav Löffler (Franknirt a. M.), Landtagsabgeordneter Dr. Regensburger (Braunschweig), Assessor Richhei'mer (Stuttgart), Landesrabbiner Dr. Rieger (Braun schweig), Frl. Dr. Rosenberg (Karlsruhe), Lehrer Arnold Stein (Berlin), Lehrer Steinhardt (Magdeburg), Dr. Wolsheim (Erfurt). Streng persönliche Einladungen, die zum Eintritt berechtigen, können durch die Geschäftsstelle des Jugendverbandes, Berlin C 2, Burgstraße 26, bezogen werden. E. M. Berlin, 21. Oktober. D i e. Je n tr a lw o hl fa h r t s - stelle der deutschen Juden hält am 27. d. M. im Logenhaus, Berlin - W, Kleiststraße 12, ihre erste Mitgliederversammlung ab. Nach einer Eröffnungsansprache des Vorsitzenden, Geheimen Justizrats Timendorfer, spricht Privatdozent Sanitätsrat Dr. Hanauer (Frankfurt a. M.) über Gegenwartsforderungen an die jüdische Wohlfahrtspflege. Das Korreferat erstattet die ail® Philanthropen und So-zialpoliWerin bekannte Frau Sidonie W r o n s k y (Berlin). Auf den von den Herren Dr. S e g a l l und Eugen Casparh (Berlin) zu erstattenden Tätigkeitsbericht folgt eine Aussprache über den Geschäftsbericht, ferner ein Referat von Justizrat Salomo n (Berlin) über „Satzungen" und ein Finanzbericht von Frau May (Berlin).- Die Nachmittagssitzung sieht ein Referat von Professor Dr. Tobias Cohn (Berlin) über Fürsorge für Nervenkranke vor, während die Fürsorge für schwachbegabte Jugendliche von Sanitätsrat Dr. N a w r a tz k i (Berlin) und Dr. Julius Moses (Mannheim) behändst wird. Die erste Tagung der Zentralwohlsahrtsstelle, die sowohl hinsichtlich ihrer Aufgaben wie der Bedeutung der ihr angeschlossenen Verbände im jüdischen Wohlfahrtsleben eine dominierende Stellung einnimmt, dürfte der Arbeit der Zentralwohlfahrtsstelle neue Wege weisen. 2XD Luckenwalde, 19. Oktober. ' Die hiesige Synagogengemeinde, welche im' Jahre 1869 aus dem Shnagogenbezirk Beelitz-Treuenbrietzen-L-uckeniwalde, der nach dem Erscheinen des Gesetzes von 1847 ins Leben gerufen wurde, ausschied und somit eine selbständige Gemeinde bildete, beging diesen 50jährigen Gedenktag ihres Bestehens am. Sabbat B'reschith durch eine gottesdienstliche Feier. Herr Lehrer Freudenthal legte in seiner Predigt — nachdem er über die Gründung und Entwickelung der Gemeinde gesprochen — die Aufgaben einer Religionsgenwinde dar. Ihre Institutionen sollen dazu beitragen, daß die Religi« n Leben werde, in die Herzen der Menschen hineindringe und als ucenschensreundliche Tat wieder aus ihnen hervorguelle. Mit etne*u pietätvollen Gedenken der verstorbenen Gründer und verdienst! ollen Mitglieder der Gemeinde endete die schlichte eindrucksvolle Feier. Als Jubiläumsschrift ist eine von Lehrer Freudenthal verfaßte „Chronik der Synagogengemeinde und deren Vorgeschichte" -cschienen, die einen Zeitraum von 200 Jahren schildert, ein Stück Mischer und Kulturgeschichte darstellt und einen Beitrag zur Geschichte und Entwickelung der Stadt Luckenwalde bildet. Sie zeigt auch, wie in einer kleineren Gemeinde während eines immerhin kurzen Zeitabschnitts alle religiösen Institutionen ins Leben gerufen wurden und mustergültig verwaltet werden. er. Leipzig, 15. Oktober. (Eine Reichsgerichtsents ch e i d u n g.) Die Strafkammer beim Strafgericht L u b l i n i tz hat am 21. März den Pfarrer Paul Rogowski wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze und wegen Beleidigung zu 450 Mark Geldstrafe verurteilt. In einer öffentlichen Rede in E i s d o r s sprach ein Kaufmann B r e i t e n st a h I von den Aufgaben der - Arbeiter. Der Angeklagte ergriff das Wort, hielt eine deutschfeindliche Rede und rief, man brauche dendeutschen Amtsvorstehern nicht mehr zu gehorchen und ihre Anweisungen nicht mehr zu befolgen. Als der Kaufmann Breitenstahl ihm ins Wort fallen wollte, rief der Angeklagte: „Was will der Jude, warum habt ihr Juden als Gemeinderäte, haben sie die christliche Kirche gebaut oder wir?" Das Gericht hat in den zuerst erwähnten Worten den Tatbestand des 8 110 des Strafgesetzbuches erblickt, in der wegwerfenden Bezeichnung des Herrn B. als „der Jude" eine Beleidigung. Es hat ihn mit Rücksicht auf seinen Bildungsgrad und seinen öffentlichen Einfluß zu der angegebenen Strafe verurteilt. In seiner Revision behauptete der Angeklagte, die Bezeichnung Jude sei ebenso wenig eine Beleidigung wie die Bezeichnung Christ. Das Reichsgericht hielt die Absicht der Beleidigung für ausreichend festgestellt, auch sei der § 110 mit Recht an gewendet. Es verwarf deshalb die Revision des Angeklagten als unbegründet. — München, 15. Oktober. Das hiesige Antisemitenblatt „Der Beobachter" erzählt in Nr. 43, daß der Alldeutsche Verband ein Mitglied der höchsten preußischen Aristokratie nach Holland geschickt habe, das im Aufträge bestimmter heimischer Adelskreise seststellen sollte, wie der Kaiser heute über die Judenemanzipation denke. Es wurde dabei zweideutig aus die tagtäglich steigende judenseindliche Volks¬ und Rassenstimmung hingewiesen. Auch wurde rundweg erklärt, daß nach Ansicht selbst der feurigsten Zollernstützen jetzt von einer siegreichen Restauration nur. dann die Rede sein könnte, wenn solche die Aufhebung dieser verhängnisvollen, staats- und volksmörderischeu Emanzipation als Hauptsatz auf ihr Banner setze. Alle Juden, gleichviel ob getauft oder ungetanst, feien, ebenso wie ihre christliche Mischlinge, bis ins vierte Glied unbedingt unter straffe Fremdengeletze zu stellen. Deutschland müsse wieder judenrein werden. „Die' Mission hatte leider nicht den gewünschten Erfolg. Wilhelm II. bleibt verstockt." Wie dem Blatte von beteiligter Seite versichert wird, stießen diese zeitgemäßen Anregungen in Amerongen keineswegs auf geneigtes Gehör. Auch heute noch üben Hebräer, wie der telegraphisch bestellte Geheime Sanitätsrat Professor Dr. Friedländer, dort ihren vergiftenden- Einfluß aus. Man steht, die geschäftigen Monarchisten befinden sich in einer wahrhaft tragikomischen' Situation. Sie gründen überall Organisationen zum Zwecke der Betreibung der Rückkehr Wilhelms II. aus den angestammten, Herrscherthron-, überschwemmen das Land mit Millionen von Flugschriften zu diesem Zweck und stehen nun vor der fatalen Tatsache, daß all ihr heißes patriotisch?* Bemühen nicht einmal ihren Antisemitismus fördert. er. Kassel, 15. Oktober. Z u d e n e h r w ü r d i g st e n Zeuge n altjüdischer Geschichte in unserer Stadt gehört unser alter Gottesacker in B e t t en h a uf e n. Seit dem 13. Jah-rhunder: wohnen schon Juden in Kassel. Während des Dreißigjährigen Krieges erwarb die Gemeinde den jetzigen Friedhof in Bettenhausen, und hier gibt es noch Gräber, die mehr als zweihundert Jahre alt sind. Daß damals schon Bestattungen vorgenommen sind, geht aus einer Juden- Itfte aus dem Jahre 1650 hervor, in der eine Judith, Witwe des Totengräbers in Bettenhausen, erwähnt wird. Bon weither wurden die jüdischen Toten hierhergebracht, wie dies heute noch bei den SaMmelfriedhösen von I e st ä >b-1 bei Eschwege, von B i-tt sör t h- und von H a a r ha nse n im Kreise Fritzlar der Fall ist. Alte Israeliten wissen noch zu erzählen, welche Schwierigkeiten besonders bei Hochwasser bestanden, die Leichen nach Bettenhausen zu bringen. In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schenkte Stadtrat Jeremias Rothfels den jetzigen neuen Teil, und inzwischen hat die Gemeinde auch noch ein neues Gelände erworben, das dazu bestimmt ist. in den nächsten Jahrzehnten die Town unserer Gemeinde aufzunehmen. — Frankfurt a. M., 15. Oktober. Die Antisemiten hielten die Tatsache des Wohnungsmangels in Frankfurt a. M. für geeignet, einen Vorstoß zu unternehmen gegen die jüdische Bevölkerung; der Deutsch-