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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-24 · Heft 43 (24.10.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 43 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 völkische Bund hatte dem Magistrat folgenden Antrag zu gehen lassen: „Der verehrliche Magistrat wolle schleunigst eine Verfügung erlassen, aus Grund deren allen während des Krieges ans den östlichen Ländern eingewanderten Juden und den übrigen zweifelhaften Elementen der Aufenthalt im Stadtbezirk verboten wird." Der Magistrat ließ durch den Oberbürgermeister Voigt mitteilen, daß er den Antrag ohne weiteres abgelehnt hat, da er den Inhalt für völlig ungehörig hält. Ter Deutschnationale S chell i n suchte den Antrag in sehr vorsichtiger Wei.se zu rechtfertigen: er sprach von dem Zuzug von Ausländern, Galiziern und Polen trotz des Zuzugsverbots und bezeichnete diese als Blutsauger und lästige Ausländer. Er vermied sorgfältig, von Juden zu-sprechen, wie das im deutschvölkischen Anträge geschehen ist, so daß also selbst nicht einmal dieser Deutschnationale sich zu der antisemitischen Tendenz der Deutschvölkischen zu bekennen wagt. Fräulein Tr. Schultz, die im Namen der demokratischen Fraktion den antisemitischen Antrag als eine schamlose Hetze kennzeichnete, benutzte auch die Gelegenheit, dem Herrn Schellin die richtigen Worte über seine vorsichtige Ausdrucksweise zu wi-dmon. Es war erfreulich, daß alle Fraktionen — mit Ausnahme der Deutschnationalen — einmütig in entschiedener Weife die antisemitische Hetze verurteilten. Smtsch-Sestelrrilh. z. Wien, 15. Oktober. Unter Teilnahme zahlreicher Freunde ist vor kurzem der Schriftsteller Emil Jelinek zur letzten Ruhe gebettet worden. Geboren am 22. Februar 1860, gehörte er einer angesehenen Familie an, die mit der Tradition der Wiener Kultusgemeinde eng verknüpft war. Vor allem und in erster Linie war er ein guter Jude, der sich, wosich ihm Gelegenheit bot, mit Kraft und Energie für seine Glaubensgenossen einsetzte und betätigte. Er war auch ein ständiger Besucher des Früh- und Abendgottesdienstes im Stadtttmpel. Als vor vielen Jahren die „Israelitische Allianz" die Auswanderung der infolge der schrecklichen Pogrome aus Rußland und Rumänien vertriebenen Juden und ihre Beförderung nach Amerika in die Hand nahm, hatte er die alleinige Leitung inne, die ihn oft von früher Morgenstunde bis spät in die Nacht in Anspruch nahm und die ihn auch öfters zu kleineren oder größeren Reisen nötigte; mit welcher Ruhe und Zufriedenheit ertrug er die dabei notwendigen Strapazen! Durch viele Jahre als Musik-, Theater- und Kunstreferent eines kleinen Blattes tätig, hat er sich auch als Schriftsteller versucht. „Eine Nordlandreise mit dem Doppelschraubendampfer Fürst Bismarck": „Tie Amerikareise des Wiener Männergesangvereins mit der Toppelschrauben-Lufkjacht Oceana"; „Die Reise des Wiener Männergesangvereins nach Salzburg" zeigen stilistische Gewandtheit und haben viel Beachtung gefunden. Während der Kriegsjahre hat er mit seinem Bruder zusammen in etwa 400 Veranstaltungen in Spitälern und Rekonvaleszentenhei-men für die verwundetcn Soldaten mitgewirkt: mit Freude und Stolz erfüllte es ihn, wenn nach einem solchen Konzerte, bei welchem oft die beiden Brüder allein die Ausübenden waren, ein Verwund.ker im Namen seiner Gefährten einige Worte des Dankes sprach und dabei bemerkte, daß inan ihnen einige angenehme Stunden bereitet hätte, die sie ihre Schmerzen vergessen ließen! Oder, wie dies auch einmal nach einem Konzerte in der Seutt.ers.chen Fabrik lUnter-Eggendors) der Fall war, daß ihn sämtliche Verwundete bis zir dem eine Viertelstunde entfernten Bahnhose begleiteten, sich dort in Front anfstellt.n und bei Abfahrt des Zuges salutierten! Sein Heimgang hat aufrichtige Teilnahme geweckt. Zahlreiche Freunde werden ihm ein Irenes Ge denken bewahren. — Allgemeine Teilnahme erregt auch der Heimgang des durch fein humanes Wirken in den verschiedensten jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen bekannten Philanthropen Wilhelm Pappenh e i m, der nach einer langen, schweren. Krankheit in ein besseres Jenseits frühzeitig abberufen worden ist. Ein Mann von umfassender Bildung, von glänzender Beredtfamkeit und starken Ueberzeugungen, war er auch durch viele Jahrzehnte eines der eifrigsten Mitglieder in der Leitung der Wiener Israelitischen Allianz. Er widmete feine Geisteskraft dein Wohle seiner Glaubensgenossen und hat im Leben vermöge feiner vielseitigen Wirksamkeit viel Gutes gestiftet. Zahlreiche Freunde und Verehrer betrauern den Heimgang dieses trefflichen Marines und bringen der tiefgebeugten Familie, vor allem der edlen Gattin des Heimgegangenen und seinen Kindern, aufrichtige Teilnahme entgegen. Von -ah und srrn. Die Berliner I ii d i scheRef o r m g enui n d e beabsichtigt, auch im Westen Berlins regelmäßige Sonntagsgektesdienste abzuhalten, weil das alte Gotteshaus in der Johannisstraße für die rn den neuen Bezirken der Stadt wohnenden Mitglieder der Jüdischen Reformgemein.de nur schwer zu erreichen ist. Der erste Gottesdienst im Westen hat am 7. September im Tempel des Logenhauses der U. O. B. B.-Logen in der Kleiststraße stattgefunden. Der starke Be-, such der Andacht bewies, daß auch im Westen einfühlbares Bedürfnis nach Reformgottesdienst besteht, und daß die Verwaltung der Resormgnneinde mit ihrer Absicht, im Westen regelmäßige Gottesdienste zu veranstalten, auf dem richtigen Wege ist. — Herr Kurt Bürger, der Redakteur der „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des. Antisemitismus", sah sich infolge andauernder Verschlechterung feines Gesundheitszustandes leider genötigt, die Redaktion des von ihm mit großer Hingebung und mit erfreulichen Erfolgen geleiteten. Blattes nach 21jähriger Tätigkeit niederzulegen. - Der preußische Kultusminister hat in einem neuen Erlaß bestimmt, daß Befreiungen von Kindern vom Religion: unterricht immer nur zum Beginn eines neuen Semesters zulässig sein sollen, und zwar ist diese Regelung aus schul-, technischen Gründen getroffen worden. Herrn Max A l e x a n d e r , früher Direktor der Grands magasins ä lTnnovatioii in Antwerpen, der seit Kriegsausbruch Leiter der Hilssvereinigung für die aus Belgien vertriebenen Deutschen ist, wurde für seine verdienstvolle Tätigkeit in der Flüchtlingsfürsorge die Rote-Kreuz-Medaille 3. Klasse verliehen. - Herr Professor Tr. Hermann Badt in Breslau, Sohn des verstorbenen Professors Dr. Benno Badt, ist zum Regierungsrat ernannt worden. - Rabbiner £:o G lück, ein Schüler des Israelitisch-theologischen Seminars, wurde als Nachfolger des verstorbenem Dr. Perlitz zum Rabbiner von Naket gewählt. — Aus Dramburg wird geschrieben: Vor kurzem feierte hier unter großer Anteilnahme Herr Rentier Simon S i m o n seinen achtzigsten Geburtstag. Alle drei Gemeindevorsteher der Jüdischen Gemeinde überbrachten Glückwünsche und überreichten ein Diplom, in welchem er zum Ehrenvorstand ernannt wurde. Dasselbe wird in der Synagoge als Andenken aufgehüngt werben. — Herr Rabbiner Dr. Z l o c i st i (Insterburg) wurde nach Mannheim berufen und hat die neue Stelle bereits angetreten. — Ter Stuttgarter Berthold-Auerbach-Berein, der älteste der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, feierte kürzlich das Fest se:nes 25jährigen Jubiläums, zu dem außer den Vertretern d.r Stuttgarter und württembergischen Vereine zahlreiche Delegierte der Bruder vereine aus allen Teilen des Reiches erschienen waren. Die Jüdische Gemeinde in Budapest beschloß, ans dein Schoß des Judentums alle jene Juden nuszuschließen, welche sich an der bolschewistischen Propaganda und an den bolschewistischen Verbrechen aktiv beteiligt haben. - Zur Ausweisung der Fremden ans Deutsch-Oesterreich, welches Vorgehen auch jene Personen betrifft, die jetzt rumänische Untertanen geworden sind, fordert das Blatt „Romania" die rumänische Negierung auf, die in Rumänien ansässigen deutsch-österreichischen Staatsangehörigen ebenfalls zum Verlassen des Landes zu veranlassen. - Aus Paris wird geschrieben: Ans eine Eingabe des Professors Ante bi in Alexandrien an das französische Unterrichtsministerium, das Hebräische in die Liste der lebenden Sprachen an fzu nehmen, die die Kandidaten des Baccalaaireats für Mittelschulen als zweite Sprache bei den mündlichen Prüfungen in lebenden Sprachen angeben dürfen, entschied das Unterrichtsministerium nach Anhörung des „Obersten Unterrichtsrats", daß das Hebräische in Zukunft in Aegypten als eine zweite lebende Sprache bei den Bacealaureatsprüsu.ngen zuzulassen sei. Am 8. September wurde in Wilna mit 50 Delegierten eine Konferenz der Vertreter der Jüdischen Kriegshilfsorganisation eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Sch ab ad gewühlt. Tie Probleme des Wiederaufbaues bildeten die Hauptfragen der Konferenz. Die Organisation hat in der letzten Zeit eine vielseitige Tätigkeit auf dem Gebiete der Volksfürsorge sowie auf kulturellem Gebiet entfaltet. — Das Jüdisch-Amerikanische Lebensmittelkowitee in Warschau erhielt die Nachricht, daß in Danzig demnächst ein Schiff mit Lebensmitteln aus Amerika eintreffen werde, darunter eine Million Pfund koscheres Fleisch, 150 000 Pfund Seife und andere für die jüdische BevölkeDung Polens bestimmte Produkte._j_ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Florastpaste 88. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max F a h r n l ä n d e r , Neukölln.. Druck und Vermag von Rudolf Moste.

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