Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
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SSI Kaibefucher waren an dieses regelmäßige Hin und Zurück, an dieses fortwährende Einanderbegegnen gewöhnt und fanden daran ihr schönstes Vergnügen. Nach dem Vorfall in der Betstube wagte es Benjamin nicht, Lara-Lea aui der Straße anzusprechen. Er ging an ihr vorbei und grüßte unauffällig. Sie erwiderte den Gruß mit einem leisen Kopfnicken. Dabei fiel ihr ein, daß sie Benjamin wegen seines Briefes an Jankel Krummholz irgendeine Artigkeit sagen müßte. Während sie sich mit ihrer Freundin unterhielt, sann sie darüber nach, wie sie es am schicklichsten anstellen könnte, Benjamin ihre Anerkennung für sein tapferes Schreiben ausgisprechen. Da kam ihr ein höchst origineller Einfall. Sic begann nämlich ihrer Freundin von einem Briefe zu erzählen, den sie dieser Tage von der Braut ihres Bruders empfangen hatte. Sie lobte den Stil des Briefes, die Klugheit der Schreiberin, und gerade in dem Momente, als Jossel und Benjamin vorbeigingen, sagte sie laut und vernehmlich: „Der Brief imponiert mir." Benjamin begriff sogleich, daß diese Worte, an Guscia Ellinger gerichtet, ihm galten und daß Sara-Lea den Brief an Jankel Krummholz damit meinte. Flugs fand er heraus, wie er unauffällig durch Blick und Liebeswort antworten könnte. Benjamin hatte früher einmal die Lieder Berangers gelesen und einige Refrains waren ihm im Gedächtnis geblieben. Er fragte nun JoM Schlüte, ob er Liesen großen Chansonnier der Franzosen kenne, und als Jossel verneinte, begann er sogleich einige Verse zu deklamieren. In dem Augenblick, da Sara-Lea mit Guscia Ellinger vorbeiging, zitierte er aus dein Lied „Le8 deux soeurs le charite" den Refrain: „Vorgeschrieben hat selbst Gott zu lieben." Sara-Lea lenkte das Gespräch auf ihre Tante in Krakau, die sie so sehr liebe, die nicht allein ihre Tante, sondern auch ihre beste Freundin sei, „O, daß wir so entfernt voneinander sind", sagte Sara-Lea zu ihrer Freudin in dem Augenblick, als sie Benjamin in Hörweite fühlte. Und bei der nächsten Begegnung revanchierte sich Benjamin und warf ihr den Kehrreim des Liedes „Les oiseaux" als Trostwort zu: „Die Vögel, die der Winter scheuchet, der Frühling bringt sic bald zurück." Auf diese Weise gelang es ihnen, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig ihre Bekenntnisse und Sehnsüchte zu vermitteln. Sie waren ungemein .erfinderisch in Gebärdenausdrücken und Redewendungen, die, an andere gerichtet, für den Dritten bestimmt waren, ohne daß der Mienen Doppelspiel und der Rede Doppelsinn irgend jemand ausgefallen wäre. Aus Spaziergängen, auf Vereinsversammlungen, bei Vorträgen — wo immer sie zusammenkamen, war ein heimlicher Blick, ein rasch hingeworfenes, aus dem Zusammenhang gerissenes Wort das Mittel, wodurch sie sich verständigten. Indes, dieses Mienen- und Wortspiel konnte-auf die Dauer weder Benjamin noch Sara-Lea befriedigen. Sie hatten einander zu viel zu sagen, als daß ihnen diese karge Sprache genügt hätte. Sie sehnten deshalb den Frühling herbei. Denn die Stadt hatte Berge, die im Frühling grünten und zu Höhenwanderungen einluden, und „auf den Bergen, da ist Freiheit", singt der Dichter und da gibt es verschwiegene Plätze genug, wo sich zwei Liebende frei und unbehelligt aussprechen können. ■ .* Die Blüten brechen hervor, der Lenz ist da, und die Stimme der Turteltaube läßt sich hören in unserem Lande! so jubelte Benjamin in seinem Herzen, als Berg und Tal mit frischem Grün sich schmückten. Die Bäume haben wieder ihre Blüten gewonnen und die Fluren duften gar lieblich. Steh aus, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! Meine Taube in den Felslöchern, in den Steinritzen, zeige mir deine Gestalt, laß mich hören deine Stimme; denn deine Stimme ist süß, und deine Gestalt ist lieblich. Siehe, ich habe den Berg bestiegen und sitze hier im duftenden Grase und harre dein. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!' Und Sara-Lea kam. Sie kam allein oder. auch in Begleitung ihres Bruders und traf an dem kleinen, wie in einer Grotte eingemauerten Quellbrunnen mit Benjamin zusammen; dann stiegen sie zu zweien oder zu tritt die Berge hinan. Ein junger Fliedevstrauch mit herzförmigen Blättern und lila-weißen Blüten grüßte sie am Wege und breitete einen wohligen Duft um das verschwiegene Plätzchen aus, das sie sich zu ihren Unterhaltungen ausgesucht hatten. Sie aber gingen an. ihm vorbei, ohne fein zu achten; denn sie sahen im weiten Umkreise nichts als einer den anderen, und dachten an nichts als an ihre Liebe, und sprachen von nichts als von ihrer Zukunft. Eigentlich gingen sie immer zu zweien, selbst wenn Jossel sie begleitete; denn dieser verstand es, sich mit angeborenem Takt und Feingefühl in einem solchen Abstand von ihnen zu halten, daß sie seine Anwesenheit fast völlig vergaßen. Täglich stiegen sie den Berg hinan, täglich grüßte sie der lila-weiße Fliederstrauch, und täglich .sprachen sie von nichts anderem als von ihrer Zukunft. Ja, die Zukunft! Das Wort hatte zuerst Sara-Lea ausgesprochen. Inder kurzen Spanne Zeit, die zwischen Benjamins Hin- und Rückreise lag, war sie so ganz anders geworden, die lebenslustige, sonnig-heitere Sara-Lea! Freilich, sie konnte auch jetzt noch übermütig lachen, alle Quellen des natürlichen Frohsinns springen lassen; bisweilen tat sie es auch. Aber wenn sie von der Zukunft sprach, da wurde sie ganz ernst und ruhig überlegend; sie sprach kalt und verständig, erwog alle Möglichkeiten und summierte dann die gegebenen Posten wie ein zuverlässiger Rechenmeister, der eine Bilanz ausstellt. „Du mußt an unsere Zukunft denken", hatte sie zu Benjamin gesagt, als sie zum erstenmal in der kleinen Grotte mit dem Quellbrünnlein ihm gegenüberstand, und seit damals war die „Zukunft" der beständige Gesprächsstoff, den sie auf ihren Spaziergängen mit Benjamin immer wieder abwandelte. Einmal sagte sie zu Benjamin: „Du mutzt dich vorbereiten, Benjamin, vorbeveiten zu einem schweren Kampf. Mein Vater hält dich für einen,' der in den Gottesgärten die heiligen Pflanzungen zerstör^ Ein Mann, der solche Liebeslieder schreibt, steht jenseits der Grenze, hat er gesagt. Du weißt, was er damit meint. Du bist ihm nicht fromm, nicht gläubig , genug. „Einen solchen Menschen in ein gut jüdisch Haus nehmen, bedeutet eine Gefahr", hat er neulich in bezug auf deine Person gesagt; „ein solcher Mann untergräbt alle Jüdischkeit." Du wirst Mut haben müssen, Benjamin, viel Mut, um dir selbständig deine — um uns unsere Zukunft zu sichern. Und du hast Mut, Benjamin, dein Brief an Jankel Krummholz hat's bewiesen." Ein andermal sagte sie zu ihm: „Ich weiß es, wie unsere Sache werden wird. Eines Tages komme ich zu dir und sage dir: nimm mich! Und du nimmst mich ans deine starken Arme und trägst mich weit, weit fort von hier." Das klang freilich angÄesen, einstudiert, aus Romanen entlehnt; aber gerade diese fremde banale Ausdrucksweise ermöglichte es ihr, ihre stürmischen Gefühle in frauenhaft kluger Verschleierung zu enthüllen. Doch — was hatte sie nur, die Sara-Lea? Warum funkelten so ihre Augen, wenn sie sprach, und warum sprach sie so eigentümlich? Warum sprach sie so rätselhaft und mysteriös