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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-24 · Heft 43 (24.10.1919) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 43 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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- 490 - — Halt fd)et („In Gefangenschaft"), eine der friedfertigsten Seelen, die sich in einen Menschen jener bluttriefenden Zeit verfluchtet hatte. Von ihm erzählt der Dichter: „Schon an der Front, wo es so grimmig ernst zuging, hatte sich Löb todunglücklich gefühlt und war froh gewesen, als er aus dieser Ungemütlichkeit herauskam. Er war von Natur ein weicher, schwermütiger Mensch und hatte sich, um diese schlimme Beigabe auszugleichen, einen aufheiternden Beruf ausgesucht. Bis zum Kriegsausbruch war er mit einem Leierkasten und einem Aefschen, das Kunststückchen machen konnte, über die Dörfer gezogen. So hatte er es zuwege gebracht, daß er trotz seines häßlichen und erbärmlichen Gesichtes und seines Körpers, der diese beiden Eigenschaften noch in ihrer höchsten Steigerung besaß, Fröhlichkeit um sich verbreitete, wohin er kam. Und das tat ihm in seiner tiessten Seele wohl." Aber Löb Kalischer geriet in Gefangenschaft, und in ihr wurde er immer niedergeschlagener, weil es ihm ohne seine beiden Hilfsmittel, ohne Leierkasten und Aeffchen, nicht mehr glücken wollte, seine Mitgefangenen zur Fröhlichkeit zu stimmen. Es stellte sich die Langeweile ein, und um der Schwarzseherei, die sie ausbreitete, zu entgehen, meldete sich Löb Kalischer zu Arbeiten. Aber man konnte den schwächlichen Kerl zu nichts Rechtem gebrauchen und stellte ihn immer wieder zurück. Da kam Löb Kalischer auf Selbstmordgedanken. Viermal suchte er sich durch Erhängen, Vergiften und auf andere Art aus dem Leben zu schleichen, aber es gelang ihm nicht, sich umzubringen! immer wieder wurde er in das elende Dasein zurückgerufen, bis er zum fünften Male besseren Erfolg hatte und damit der Langeweile und den Qualen der Gefangenschaft für immer entronnen war. Bei aller mitfühlenden Liebe/ mit der der Dichter Löb Kalischer geschildert hat, möchten wir ihn nicht als Typus eines polnischen Juden betrachtet sehen. Zur Arbeit würde sich wohl auch jeder andere von ihnen gemeldet haben, um der Langeweile zu entgehen. Aber wenn sie nicht angenommen wurden, würden sie mit jüdischem Gottvertrauen gesagt haben: „6am su letauwo" (auch das zum Guten), und mit jüdischem Optimismus würden sie alle Pein der Gefangenschaft bis zum Ende durchgehalten haben und hätten nur mit besonderer - Inbrunst im Morgengebete des Sabbats die Worte gesprochen: Ad heno asoronu rachamechxi welau asowunu chassodechu weal titschenu adonaj eloheriu lonezach (bis jetzt standest du erbarmungsvoll uns bei, verließ uns deine Güte nicht. Du wirst uns, Gott, auch ferner nicht verlassen). Zum Selbstmord kommt nur, wer krankhaft veranlagt ist und zur Schwermut neigt. Und die krankhaften Anlagen hat der Krieg allerdings oft bis ins Maßlose gesteigert und zur Entwicklung gebrackit. Ist nun der Krieg wirklich eine grausame, gottgewollte Notwendigkeit, und ist der ewige Friede ein Traum und nicht einmal ein schöner, wie Moltke gesagt hat? Wer die Blätter der Geschichte zurückverfolgt und auf jedem Blatt Krieg und wieder Krieg verzeichnet sieht, möchte es beinahe glauben. Die Geschichtsstunde in den Schulen ist ja fast nur Kriegsgeschichte. Die Kulturgeschichte tritt dagegen in den Hintergrund, oft wird sie kaum gestreift. Und das mag wohl in der menschlichen Natur liegen, die böse ist von Jugend an (wie schon die Bibel sagt). Die Völker sind ja nur eine Vervielfältigung des einzelnen Menschen mit allen seinen schlechten Trieben: dem Neid, der Mißgunst, der Habgier, der Zanksucht und Gewalttätigkeit. Und wie der Beste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt (wie Schiller sagt), so ist es auch im Völkerleben. Der Zwist und der Krieg scheinen unausrottbar, weil ihre Ursachen nicht auszurotten find. Und doch sagt ein unverbesserlicher Friedensfreund in dem Buche („Der Tetanus"): „Der Friede wird Wirklichkeit werden, wenn man erst die ganze Menschheit eine Reihe von Jahrzehnten lang beharrlich und wahrhaftig, in der Liebe zum Frieden erzogen hat. Ebenso wie das rohe Faustrecht zwischen dtzn einzelnen Menschen durch die Gerichte aufgehoben worden ist, ebenso werden auch die blutigen Auseinandersetzungen zwischen ganzen Völkern verschwinden. Verständige vertragliche Auseinandersetzungen werden dann an die Stelle der Kriege mit ihrem entsetzlichen sinnlosen Blutvergießen treten. Das Mlitär wird auf die Rolle einer bloßen Schutzpolizei beschränkt werden." - Und diese Ueberzeugung muß sich durchringen, weil der Weltkrieg gezeigt hat, daß der Krieg das entsetzlichste, das erniedrigendste, das tierisch häßlichste Unheil ist, das über die Menschen kommen kann. Deshalb soll man den Kindern keine Kriegsspielsachen, keine Kriegsbücher schenken. Mau soll sie lehren, den Frieden als die einzige Möglichkeit, uns über den Tierzustand zu erheben, zu verehren. Man soll ihnen sagen, daß der Krieg keinen einzigen Menschen verändern kann, es sei höchstens, um ihn mehr zu verrohen. Das, was edel am Kriege gerühmt wird, zieht seinen Wert und seine Wurzel aus dem Frieden und den Gefühlen des Friedens, und es gibt keine treffliche Eigeuschaft, die der Krieg besonders frei macht, welche man nicht ebenso ohne die Schlachten zu beweisen vermag. Freilich, man mag den Krieg noch so sehr verurteilen, anders stellt er sich dem Sieger dar, anders dem Besiegten. Der Erfolg verklärt selbst das Unschöne im Leben, und der Zweck heiligt die Mittel, wenn man es auch vom rein sittlichen Standpunkte nicht billigen kann. Und doch! Der Friedensgedanke wird und muß sich Bahn brechen in dem Sinne, wie ihn unsere Propheten als das Ideal der Zukunft verherrlicht haben, wo das Schwert zur Sichel umgeschmiedet werden und das Zelt des Friedens sich versöhnend über die geeinigte Menschheit ausbreiten wird. Dieses messianische Ziel zu erreichen, wird der Völkerbund beitragen können, wenn er getragen und geleitet sein wird von den edlen Ideen, wie sie in den Worten der Bibel über die Heiligkeit und Schönheit des Friedens wahr und untrüglich zum Ausdruck gekommen find. Und wenn die Stimme des j ü d i s ch e n D v l k e s im Völkerbünde vernommen wird, dann wird sie sicher als ernstes Mahnwort ertönen mit dem altjüdischen Gruße: Friede sei mit euch! — Das Buch Herbert Eulenbergs aber möge ein jeder lesen, den die Erlebnisie der letzten Jahre noch nicht zum Pazifisten gemacht haben. Wer jetzt noch an der Notwendigkeit der Kriege festhält, wer jetzt noch nicht davon überzeugt ist, daß das Heil und die glückliche Zukunft der Menschheit nur im Frieden lregen, der sicht nicht nur den Bankrott Europas vor Augen, der arbeitet an dem Bankrott der ganzen Menschheit. Benjamins Liebeslied. Ü6. Forts.) Roman von Samuel Meiseils. ie ganze Stufenleiter der Empfindung, die die Liebe in sich trägt, fand er hierin ausqedrückt. Bald klang es ihm wie ein Bekenntnis der Liebe, bald wie ein Schwur der Treue, und immer wie eine Botschaft voll hossnungsfreudiger Zuversicht. — Einige Tage später ging Benjamin mit Joffel am Kai spazieren. Zur selben Zeit promenierte dort Sara-Lea mit ihrer Freundin Guscia Ellinger. Der Kai war weder laug stoch breit, und alle-fünf Minuten mußten dieselben Spaziergänger an denselben Spaziergängern vorbeimarschieren. Are

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