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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-24 · Heft 43 (24.10.1919) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 43 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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489 Erwägung nicht anders, als mir-beipflichten und der Wahrheit! die Ehre geben. Tenn sollte auch die Not dem einen mehr | zusetzen als dem anderen — hat doch der eine zum Glück etwas , de suo hinzuzu setzen, der andere für Kinder nicht zu sorgen —, so beruht das auf Zufall und ist keineswegs dem System zuzuschreiben. Zumindest aber müssen auch meine Kollegen einverstanden sein, das; versucht wird, das Gewissen der Oesfentlichkeit aufzurütteln, und das muß schließlich der ganzen- Anstalt förderlich sein, förderlich nebenbei auch der jüdischen Wissenschaft, die an falscher Scham und sträflicher Indolenz nicht zugrunde gehen darf. Die jüdische Wissenschaft — ja, um die handelt es sich. Wir sollen ein Volk des Buches fein, wir sollen das Licht der Wissenschaft nötig haben, wie die Pflanze die Sonne, und dennoch, dennoch! Für alles bringt unser Volk leichter das nötige Geld auf, als um die Wissenschaft, um seine Wissenschaft, die Wissenschaft des Judentums. Für Fremdes — nun ja, das bringt mehr Ehre ein, dessen Nutzen ist mehr sichtbar lind greifbar, aber das Eigene/das für unser gegenwärtiges Leben und für unsere Zukunft so sehr Nötige erkennt man nicht, will man nicht. Dies und noch mehr muß unserem Volke immer wieder gesagt werden, will man es erhalten, will man ihm die Zukunft besser gestalten als die Gegenwart. Nur entsteht und erhält sich diese Wissenschaft nicht von selbst/ sie erfordert Personen, die sich ihr voll und ganz widmen. Und diese Personen wollen leben, müssen am Leben erhalten werden. Mehr verlangt man ohnedies nicht; von Ehren und Reichtümern sprechen wir ohnedies nicht, solche hat das Judentum ilicht zu vergeben. Die Zeiten sind unwiederbringlich dahin, da die jüdische Wissenschaft im Volke selbst wurzelte, da es an und für sich eine Ehre war, ein.jüdischer Gelehrter zu sein. Heute ist die jüdische Wissenschaft eine Treibhauspflanze geworden, die künstlich zu wärmen und zu bestrahlen ist und die einer Bedienung bedarf. Darum ist das Los der Adepten der jüdischen Wissenschaft von dieser selbst nicht zu trennen, und es sieht nur so aus, daß der jüdische Gelehrte pro domo spricht und wirbt; in Wirklichkeit spricht und wirbt er für die Wissenschaft, der er in den meisten Fällen selbstlos dient und vor der er gern in den Hintergrund tritt. Wie soll man aber sprechen und werben, ohne an die Leffentlichkeit heranzutreten? Das ist es eben, was in Wien bisher versäumt wurde. Man hat für die Anstalt nicht gesprochen und nicht geworben, man hat sich mit dem „gefrett", wie der schöne Ausdruck lautet, was vor dreißig Jahren bereitgestellt wurde; wie soll man aber mit dem sein Auslangen finden, nun alles so unsinnig tarier geworden ist? Was nicht zunimmt, nimmt ab, sagen die talmudischen Weisen, und so ist es auch mit unserer Anstalt geschehen. Die alten Fonds mußten unbedingt versagen, wo es galt, neue Auslagen zu decken. Nun ist die ganze Existenz der Anstalt in Frage gestellt. Die Regierung hat den kleineipBettelbetrag, den sie der Anstalt von Anfang an gewidmet hat, in den Kriegsjahren eingestellt; von Böhmen, Mähren und Galizien werden weder von Gemeinden noch von Privaten mehr Gelder hereinzubekommen sein, und die Wiener Kultusgemeinde, die einzige, die sich in dieser Frage konstant geblieben ist, hat wahrlich für sich selbst genug zu sorgen, und es kann von ihr auch nicht verlangt werden, daß sie, sie allein, eine Anstalt erhalte, die für ein ganzes Land, ja für ein ganzes Reich bestimmt war und es noch ist. Denn trotz der Verkleinerung unseres Landes und trotz des möglichen Anschlusses an Deutschland hat eine israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien jedenfalls eine Existenzberechtigung, denn die Rabbiner, die hierzulande benötigt werden, müssen wesentlich anders geartet und anders gebildet sein, als es in Deutschland oder in Ungarn oder in Polen der Fall ist, und ein geeignetes Schülerm-aterial wird sich auch immer sittden, sobald nur das Exiftenzminimum einesteils der Anstalt, andernteils der zukünftigen Rabbiner sichergestellt ist. Zudem könnte man die Lehranstalt auf Grundlagen stellen, die mehr einem praktischen Bedürfnis entsprechen; man könnte etwa eine Religionslehrer-Bildungsschule oder eine Kantorenschule oder beides zugleich ihr an-fügen, möglicherweise auch eine ganz freie Hochschule für die Wissenschaft des Judentums aus ihr gestalten, denn für das alles sind Vorbilder da, und ein brauchbarer Grundstock ist an der bisherigen Anstalt jedenfalls vorhanden. Das alles freilich muß erwogen werden, und für alles müßten Schritte gemacht. Taten vollführt werden. Da nun sind wir auf einem toten Punkt angelangt, denn niemand tut etwas, niemand denkt auch nur nach. Diejenigen, die etwas zu sagen hätten und auch zu tun bereit wären, werden nicht gehört, nicht beachtet. Die Sanierung, die unbedingt Nötig ist, wäre nach bereits vorgelegten und besprochenen Plänen ganz gut zu erreichen. In Wien, wo zu so vielen Zwecken Geld gesammelt wird, wäre auch noch für unseren Zweck etwas aufzubringen. Und warum sollte es eine Schande sein, gerade zu Zwecken der jüdischen Wissenschaft Gelder zu sammeln? Aber die Herren, die sich heute die Kuratoren der Anstalt nennen, scheinen unbegreiflicherweise diesen „heute nicht mehr ungewöhnlichen Modus" zu perhorreszieren; doch der Skandal, daß ihre Anstalt wird geschlossenwerden müssen, und daß ihre Angestellten hungern oder die öffentliche Wohltätigkeit werden anrufen müssen, ist ihnen recht und mit dem Zeitgeist gut vereinbar. Ist das logisch? Ist das menschlich? Videant consules . . . Die Nachwelt wird nicht diejenigen richten und verurteilen, die in den Sünden der Führenden umgekommen sind, sondern die, die diese Sünden begangen haben, und auch die, die zu diesen Sünden geschwiegen haben. Muß ich schon zu denen gehören, die in diesen Sünden umzukommen bestimmt sind, so soll es doch nicht geschehen sein, ohne dagegen laut und ernstlich Protestiert zu haben. Der Ssnkrott Luropss. Von Samtätsrat Dp Scherbel (Lissa 1 P.) in seltsames Buch, das der Weltkrieg geboren hat) Eine Sammlung von Skizzen und kleinen Erzählungen, die wie Scheinwerfer allerhand Episoden aus dem Grauen und Schrecken des entsetzlichsten der Kriege grell beleuchten. Ein Totentanz, der sich bald in den Mordwinkeln der belgischen Franktireure, bald auf dem Moor und Sumpf der östlichen Schlachtfelder, bald in den Granattrichtern Flanderns oder auf den zerschossenen Fluren und Kirchhöfen Frankreichs, aber auch in den Lazaretten und deutschen Kasernen abspielt, wenn frisches Menschenmaterial „durchgesiebt" und neues Kanonenfutter gesucht wurde. Bilder, mit unerbittlichem Realismus von einem warmherzigen Pazifisten entworfen, dem der Krieg der schrecklichste der Schrecken ist, aber auch von einem Dichter mit blühender Phantasie, der sehr schön den Märchenton zu treffen weiß, wenn er die Leiden der geduldigen, ahnungslosen, pslichtgetreuen, bis in den Tod dem Menschen anhänglichen Tiere im Kriege - der. Pferde, der Brieftauben -~in packenden Worten schildert. Es gab aber auch Menschen, die harmlos, ahnungslos und friedlich wie die Tiere in diesen Krieg hineingerieten, um nicht durch seine Mordwaffen, aber durch sein entsetzliches „Drum und Dran" zugrunde zu gehen, wenn es auch nur die öde, niederdrückende, nervenzerrüttende Langeweile der Gefangenschaft ist. Da ist ein armer polnischer Jude, namens Lob .*) „Der Bankrott Europas". Bon Herbert Euilenberg. Verlag Fritz Gurlitt, Berlin 1919.

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