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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-24 · Heft 43 (24.10.1919) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 43 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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48« fertige Persönlichkeit des Begründers der Wissenschaft des Judentums gewährte. Der freien, unabhängigen Erforschung des Judentums eine Stätte zu bereiten, war Neumanns Ziel. Daher nahm er an der Begründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums teil, die 1872 ins Leben trat. Er wurde die Seele und die festeste Stütze der Verwaltung. Er hat die sehr schweren ersten 30 Jahre der Anstalt durchgehalten und ist ungeachtet aller Hemmnisse in dem Gedanken, die Anstalt als unabhängige Pflanzstätte der freien Forschung zu erhalten, unerschütterlich fest geblieben. Auch die ihm von Freunden zum 80. Geburtstag überreichte Ehrengabe hat er zu einer Salomon-Neumann-Stiftnng für die Wissenschaft des Judentums verwendet. Seine Unparteilichkeit, seine Zugehörigkeit zur Gesaintheü des Judentums bekundete er auch durch sein treues Festha'ten an der Allgemeinen Israelitischen Allianz, deren deutsches Komitee er jahrzehntelang leitete, die er auch schriftstellerisch gegen die über sie verbreiteten Lügen verteidigte. Wie er überhaupt stets auf dem Plane erschien, wo es galt, in Wort und Schrift die Wahrheiten zu vertreten und die Ehre des Judentums zu verteidigen. Neumanns gesamtes Denken und Fühlen war fest im Judentum verankert; er pflegte, wie er bisweilen sagte, alle Tinge sub speziae judaismi zu betrachten. Aus seinem Judentum erklärt sich die besondere Richtung, welche seine medizinische und wissenschaftliche Tätigkeit genommen hat. „Den Armen muß geholfen werden!" das war sein leitender Grundsatz. So wurde er Begründer der sozialen Medizin und Hygiene, so arbeitete er eifrig an der Statistik als einem „Instrument der modernen Methodik". Er war es, der die Organisation der Volkszählungen aufbaute. Er war es auch, der zum ersten Male,'bei der Zählung von 1861, den Weg zur Ausnutzung der Zählungsmaterialien für kommunale Zwecke wies, der eine noch heute, nach fast emem halben Jahrhundert, mustergültige Wohnungs- und Haushaltungsstatistik schuf, mit allen Unterscheidungen, deren die moderne hygienische und sozialpolitische Forschung für ihre Zwecke bedarf. So gewann Neumann eine über Ort und Zeit seines Wirkens weit hinaus gehende Bedeutung und einen Ehrenplatz in der Statistik überhaupt. Der ErtiM seines sozialen Denkens und seiner wissenschaftlichen Arbeit kam vorzugsweise der Stadt Berlin zugute. Mehr als 45 Jahre wirkte er als Stadtverordneter. Seine Leistungen und Schöpfungen sür die hiesigen sanitären Maßnahmen bilden, wie von berufenen Seiten mehrfach bezeugt wurde, ein wichtiges Kapitel m den Annalen der Stadtverwaltung von Berlin. Wer wie Neumann für Freiheit und Wahrheit gekämpft, wer für das Recht der Armen und Unterdrückten gewirkt, der hat gelebt sür alle Zeiten: ' Sie Ilraklitilch-thkologilche Lehranstalt in Wien. Von Pros. Dr. L. K raub (Wien). ie gutgemeinten Worte des Herrn Rabbiners Dr. Max Steif (Raußnitz), die er der obengenannten Lehranstalt anläßlich ihres 25jährigen Bestandes widmet (Jahrg. 83, S. 439), bedürfen dringend der Ergänzung. Wir haben keinen Grund zu feiern, nicht wegen der Trostlosigkeit, in der sich unser Staat und mit ihm auch die österreichische und ganz besonders die Wiener Judenschaft befindet, sondern wegen unseres speziellen Leides, das wahrlich groß genug ist, um einmal auch in.der Oeffentlichkeit davon zu sprechen. Die Eröffnung der Anstalt vollzog sich vor fünfundzwanzig Jahren mit einer schlichten, prunklosen Feier, doch immer-' hin mit einer Feier, zu welcher sich unter anderen auch einige Kuratoren eingefunden hatten. Und wie ist es jetzt? „Auch dieser bedeutsame Wendepunkt im Leben der Anstalt vollzieht sich still und unbeachtet, ohne jede Feierlichkeit", was der Artikelschreiber freilich in Übereinstimmung findet mit dem Ernste der schweren Zeit. Für mich und diejenigen, die besser eingeweiht sind, steckt leider in diesem Moment ein trauriges Symptom: das Symptom der Oede und der Verlassenheit. Es fällt einem so schwer, das zu sagen- und doch muß es einmal gesagt sein. Reden will ich in der Bedrängnis meiner Seele — rufe ich mit dem Dulder Hiob aus. Vor 25 Jahren konnte man sich mit der Hoffnung tragen, daß hier in Wien, auf einem dazu sehr geeigneten Boden, eine neue Stätte für die jüdische Wissenschaft geschaffen wird, und so hat es Männer und Kreise gegeben, die sich dieses erhebenden Gedankens freuen konnten; heute, in der Not der Zeiten, denkt niemand an dieses fernliegende Ziel, und so steht auch die Wiener Lehranstalt öde und verlassen da. Oede und verlassen in des Wortes wirklicher Bedeutung. Tie Männer von ehedem, Stifter und Wohltäter der Anstalt, sind uns in ein besseres Dasein entrückt worden; ihre Sorge, ihre Wohlmeinung, ihren opferwilligen Sinn hat nach ihnen niemand übernommen. So muß denn die Anstalt heute noch mit dem wenigen auskommen, was für sie vor ungefähr dreißig Jahren gestiftet und ausgeworsen wurde; auf eine Vermehrung der Existenzmittel war niemand bedacht, eine solche hat auch nicht stattgefunden. Beweis dessen ist der traurige Umstand, daß die Anstalt während dieser ganzen Zeit nicht um einen Schritt vorwärts gekommen ist. Weder besitzt sie ein eigenes Haus, wie das z. B. mit der älteren Anstalt in. Breslau und den zwei analogen Anstalten in Berlin der Fall ist, noch auch hat sie die Mittel, ihre Bibliothek zu vermehren, ja den vorhandenen Bestand auch nur würdig zu erhalten. Hat sie, wie aus Steiss Artikel zu ersehen, noch vor einigen Jahren vier Lehrkräfte zu beschäftigen gewußt, so sind es heute nur drei, die an ihr wirken, und auch diese sind so schlecht gestellt, daß sie, von Sorgen gedrückt, von Hunger geplagt, ihres Lebens und ihres Berufes nicht froh werden können. Nicht umsonst hat ein Wiener Rabbiner, der unsere Anstalt von der nächsten Nähe beobachten kann, am letzt verwichenen Neujahrstag von der. Kanzel herunter das ebenso wahre wie tief beschämende Wort heruntergedonnert, daß die Lehrer der Theologischen Lehranstalt dem Hungertode nusgesetzt seien . . . Ich übertreibe nicht. Wer Zahlen verlangt, dem soll auch - mit Zahlen gedient werden. Aber schon das Gesagte ist mehr, als was ein selbstbewußter Mann ohne Selbsterniedrigung eingestehen und verlautbaren kann. Es gibt heute keinen Religionslehrer, keinen Diurnisten bei der Gemeinde, der weniger Gehalt bezöge als so ein „Hochschulprosessor" an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. Wozu das leugnen? Wem würde das nützen? Auch die reservierte Haltung und die Schamhaftigkeit haben ihre Grenzen; den Heroismus, laut- und klaglos dahinzusiechen und sich das Leben zu kürzen, bringt nicht jeder aus und ist auch nicht zu erwarten. Aber gerade darauf scheinen diejenigen Kreise zu rechnen, die diesen Zustand verschuldet oder zumindest nicht abgewehrt haben . . . Ich fürchte nicht, daß mein freimütiges Bekenntnis der Anstalt oder ihren Lehrern schaden könnte. Im Gegenteil: der Notschrei kann manchmal zur Rettung eines kostbaren Lebens dienen, und in unserem Falle handelt es sich wirklich um Rettung, um Rettung der Anstalt selbst, die wahrlich ihre Mission noch nicht beendet hat, um Rettung der paar Männer, die sich in ihren Dienst gestellt und die ein besseres Los verdient haben. Es hat mich niemand zum Anwalt meiner Kollegen bestellt, und diese haben auch keine Kenntnis von diesem meinem Schritte, aber auch sie können, bei ruhiger

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