Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Kandsrichnungen?ura Msllenaustritt. Von Fanny Cohn-Neßler. in bekannter Gelehrter der Neuzeit sagt irgendwo: „Man muß die Menschen nicht ernst nehmen." Psychose: Massenstreiks. — Massenaustritte aus der religiösen Gemeinschaft. . . „Gemeindeblatt -der Jüdischen Gemeinde zu Berlin", Nr. 10, Oktober 1919: Austritte aus dem Judentum. Namenverzeichnis. Ich zähle: Hundertundsünfzig Menschenkinder, welche dem Judentum Valet gesagt haben. Sechs- bis siebenköpfige Familien. Vater, Mutter, Kinder. — Einmal: Bruder, vier Schwestern. Dann wieder: Russen, Polen, mit entsprechenden echtjüdischen Vor- und Zunamen. Mit entsprechendem Aeußern auch. Was treibt die Leute dazu, aus dem Judentum auszuwandern. Wohin gehen sie? der Seligen? Wo liegt die? Zeit: zeitlos; grenzenlos, unsagbar! — Traurig; lächerlich, dumm! — Einer fährt seine feudalen Vornamen spazieren; als Appendix ein unverfälscht jüdischer Familienname — grotesk! Kann man den nicht auch abwerfen? Nein. Namensänderungen benötigen der Motivierung. Also eine Tragikomödie! — Wenn das Judentum bei solchem Manko an Getreuen noch nicht in Gefahr -gerät, ist es unleugbar lebensfähig. Medikament gegen diese Suggestion: Verachtung? Nicht doch. Viel der Ausgetretenen sind doch gescheite Leute, brauchbare Staatsbürger. — Löset mir, Gras Oerindur, dieses Rätsel. . . Paßt das neue Kleid besser zur Figur als die alte -Gewandung? Bewahre! Motive: Eitelkeit, Spekulation, fauler Zauber; -ehedem wa-r's Byzantinismus, Jagd nach Würden, Aemtern. Heute ist's: Einfalt, gepaart mit dem Streikbazillus. Man kann auch gegen seine Religion streiken. Warum nicht? Der Prophet Jeremias hat's auch erlebt. Er -klagt, der Ewige, der Gott Israels spricht: Warum tuet ihr so großes Unheil euch selbst an, euch zu tilgen, Mann und-Weib, Kind und Säugling, aus Judas Mitte, -euch keinen Uckerrest übrigzulassen? (44. K., V. 7.) Was tun? Eltern seid aufmerksam auf euere Kinder. Gebt ein gutes, nachahmenswertes Beispiel im Hause. Sorgt für Licht, Verständnis und Liebe zur angestammten Religion. Lehret euere Kinder, den Sinn der GvtteSlehre zu erfassen. Sie müssen wissen, was sie den Gottesleugnern zu erwidern haben. Sie müssen Beginn und Fortgang der jüdischen Geschichte, ihrer großen Männer, sie müssen die Mission des Judentums zu erfassen und zu würdigen verstehen. Sie sollen stolz sein auf ihre jüdische Abstammung. Als Auszeichnung, nicht als Bürde, darf die Jugend -die jüdische Religion betrachten. Verseht euere Kinder mit dem nötigen Rüstzeug! Salomon Mumami. (Zu seinem luO. Geburtstage). m 22. Oktober d. I. kehrt zum hundertsten Male der Geburtstag S a l o m o n Reumanns wieder. : Die Gestalt des bis ins hohe Alter rüstigen und tatkräftigen Kämpfers ist in Berlin nicht vergessen. Unseren älteren Lesern sind die Glückwunschartikel noch in Erinnerung, die in unserem Blatte Hermann Cohen seinem treuen Freunde zum 50jährigen Doktorjubiläum (LVI. Jahrgang Nr. 38) und zum 80. Geburtstag (LXIII. Jahrgang Nr. 42) gewidmet, und die Gedenkrede, durch die der Philosoph ihn nach seinem Tode geehrt hat (LXXII. Jahrgang Nr. 44). Heute sei daher nur kurz aus das Bedeutsame und Vorbildliche in Neumanns Person und Wirksamkeit hingewiesen. Der Kern von Neumanns Wesen liegt in seinem lebensvollen jüdischen Bekenntnis, in seiner enthusiastischen Stellung zum Judentum. Was er 1838 in -dem für die Reifeprüfung vorgelegten Ourrieuluin vitae als Absicht aussprach, sich ganz dem Dienste des Judentums zu widmen, hat er sein langes Leben hindurch treu gehalten. Bei seiner Niederlassung als Arzt 1845 weigerte er sich, den Amtseid in anderer Form als die Aerzte christlichen Bekenntnisses abzulegen, und -er -hat sein Ziel erreicht: nach ihm hat nie wieder ein Arzt in Preußen den Eid more juäaeorum geleistet. Als Kämpfer für Freiheit und Recht hat Neumann sein ganzes Leben seinen Mann gestellt, er war ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der -vor niemandem zurückschreckte -und keine Konsequenzen scheute. „Ihm lag der Wahngedanke fern, als ob er ein Sonderrecht verträte, indem er das Recht der Juden in der Stadtgemeinde von Berlin behauptete, sondern der Gedanke war in -ihm lebendig, daß er dem Wohle der Stadt diente, indem er das Recht dieser Minderheit ihrer Mitbürger hochhielt. Doppelte Buchführung in Fragen der öffentlichen Sittlichkeit kannte dieser Mann nicht, und die feste und gediegene geschlossene Einheit seiner Persönlichkeit dokumentierte sich jederzeit in der Einheitlichkeit dieses seines bürgerlichen Verhaltens; und diese Einheitlichkeit wurzelte in dem Grundzug seines Wesens: in seinem begeisterten Glaubenan den ewigen weltgeschichtlichen Berus des prophetischen Judentums." Neumann gehörte zu den wenigen Auserlesenen unter den gebildeten Juden seiner Zeit, die von der kulturellen Bedeutung der Wissenschaft des Judentums durchdrungen und von ihren Aufgaben erfüllt waren. In inniger Verehrung blickte er zu Leopold Zunz auf, zu dessen vertrauten Freunden -er zählte. Zum siebzigsten Geburtstag des Altmeisters (1864) begründete er die Zunz-Stiftung, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tode war. Als solcher trug er für die Herausgabe von ,,Zunz' Gesammelten Schriften" Sorge. Es ist sein besonderes Verdienst, daß die Auswahl einen Einblick in die viel- Auf die Insel Salomon Neumann geb. 22. Oktober 1819, gest. 29. September 1908.