Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229433--75265-3287763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
486 über diesen Bericht .nicht verwundert, weit (5rkwe von früher her als ein Gegner des- Zionismus bekannt ist. Angesehene amerikanische Diplomaien erklären, daß der Bericht keine große Bedeutung hat, weil erstens Amerika nur eine beratende Stimme in den türkischen Angelegenheiten hat und weil zweitens Wi'lson persönlich positiv 'für! den Zionismus ist. Ein Beamter des amerikanischen Außenministeriunrs hat" dem Nlitarbeiter des New Dorker ./Tog" erklärt, daß das amerikanische Judem-um lvegen. dieses Berichts keine Zeit verlieren und keine Large hegen, sondern nur -praktische Borbereitungen treffen, soll, um die Balsau r -De kl a rat io n, welche in Kraft ist, auszusühreu. Das Mandat über Palästina wird nicht Amerika, sondern England haben, und der jüdische Staat wird mit der Zeit eine Tatsache werden. Bevorstehende Mobilisation der jüdischen Emigranten in Japan durch Koltschnt. Ter russische Korrespondent der amerikanischen Zeitungen ,,Tog" und ,,Wahrheit" telegraphiert aus Jvkohama: Pakoummu, Generaldirektor des Sibirischen drahtlosen Telegraphenamts, befindet sich zurzeit in Japan, -um eine Assentierung aller militärfähigen russischen Emigranten Vorgunehmen^ ja bald wird auch aus Wladiwostok eine A ssentier u ngskoni m iss io u ankommen mit Instruktion, die Mobilisation gleich anzusangm. Die japanische Regierung hat erlaubt, «alle physisch gesunden russischen Bürger im Alter von. 18 bis 45 Jahren zu mobilisieren. In Japan de- . finden sich 10 000 Russen. Koltschaks Mobilisation wird hauptsächlich Juden treffen, weil sie etwa 80 Prozent von den russischen Emigranten in Japan ausmachen. (K. f. d. O.) * Wir haben in der vorletzten Nummer bereits mitgeteilt, daß das Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris an alle Gesellschaften und Komitees, die sich mit der Hilfeleistung für die vom Kriege betroffenen Inden beschäftigen, die Aufforderung richtet, zu einer jüdischen Hilsskonfeoenz zusammenzutreten, die im November oder Dezember dieses Jahres.abgehalten werden soll. Dieser Schritt ist auch vom jüdisch-liberalen Standpunkt freudig zu begrüßen. Es gilt das immer mehr um sich greifende Judenelend zu mildern, Tausenden und aber Tausenden unserer Glaubensgemeinschaft Hilfe und Rettung zu bringen. Da darf niemand zurückstehen, da müssen alle Juden, ganz gleich welcher religiösen und politischen Richtung sie angehören, sich zur rettenden Tat zusammenfinden. An dieser Hilfsaktion mitzuarbeiten, ist Menfchenpflicht. Der vom Komitee der Jüdischen Delegationen erlassene Ausruf hat folgenden Wortlaut: In dem Moment, in dem der allgemeine Friede kommen wird, . .steht das Judentum der ganzen Welt vor einer außerordentlichen Aufgabe. Es gilt jenen Brüdern, die durch die Frontkämpse, durch Deportationen, Pogrome, Okkupationen und sonstige Schrecken des Krieges ruiniert worden sind, die wirtschaftliche Wiederaufrichtung zu ermöglichen. Der größte Teil der osteuropäischen Juden befindet sich in einem Zustand wirtschaftlichen Zusammenbruches, der eine Anspannung sämtlicher jüdischen Kräfte erforderlich macht, wenn diese Massen nicht untergehen sollen. Dazu sind nicht nur ungeheure Finanzmittel notwendig, sondern auch -eine wohlüberlegte Systematisierung und Organisierung der ganzen Rekonstruktionsarbeit. Leider haben in verschiedenen Ländern bei weitem noch nicht alle Juden, die dazu imstande sind, auch nur der primitiven Pflicht gegenüber ihren Brüdern genügt. Während Amerika nnd einzelne Länder Europas für die vom Kriege betroffenen Juden Bewundernswertes geleistet und einen großen Opfermut bekundet haben, gibt es bedeutende Teile des jüdischen Volkes, die trotz des Anblicks ihrer hungernden und verschmachteten Brüder, bewußt oder unbewußt, eine passive Gesinnung an den Tag gelegt haben. Roch stehen die Formen nicht fest, welche die Möglichkeit schaffen werden, die Folgen der Katastrophen zu beseitigen oder zu mildern. So viel ist klar; die Hilfe muh von gewaltigen Dimensionen sein und zugleich nicht einer unzulänglichen, zeitweiligen, philanthropischen Aktion gleichen, sondern einen ernsten wirtschaftlichen und sozialen Charakter tragen. Zwei große Aufgaben müssen also zugleich, gelöst werden: das richtige Sammeln, das richtige 'Verteilen., Beide Aufgaben sind aber miteinander aufs engste verbunden. Aus den Formen der Hilfe ergeben sich auch die Formen der Herbeischaffung der Mittel. Für eine großangelegte soziale Art der Rekonstruktion sind - ganz andere Mittel auszubringen als für eine reine Wohltätigkeitsaktion, Was im Sinne einfacher Verschenkung nicht zu erreichen ist, läßt sich durch Anleihen, deren Verwendung kontrolliert wird, durch ein großangelegtes System der Herbeischaffung von Rohmaterial oder ähnliche Methoden wohl durchführen. Je mehr es sichergestellt wird, daß die Empfänger durch das ganze System der Verwendung in. die Lage versetzt werden, die gewährten Subventionen zurückzuerstatten, desto größer werden die Möglichkeiten der Aufbringung grandioser Mittel. Wird diese Aktion in jedem Lande unabhängig organisiert und durchgeführt, so muß. das Werk chaotisch, philanthropisch und nur von vorübergehendem Nutzen sein. Es wird den Untergang -der Millionen nicht aufhalten und wird in seinen katastrophalen Wirkungen die Juden aller Länder beeinträchtigen. Das Komitee der Jüdischen Delegationen zu Paris, welches für die Interessen des Ostjudentums eintritt, möchte rechtzeitig dafür Vorsorge tragen, daß durch die Vereinigung aller Kräfte in das drohende Chaos Ordnung hineinkomme, rnöchte rechtzeitig eine unübersehbare Katastrophe verhindern. Denn eine solche Katastrophhe wird es sein, wenn nicht in der allernächsten Zeit die Richtlinien festgelegt werden, wie alle Energien zur Rettung des ruinierten Judentums in Bewegung zu setzen und welche Methoden der Hilfe anzu wenden sind. Der erste Schritt, um diese großen und komplizierten Ziele zu verwirklichen, ist die schnelle Einberufung einer Hilfskonferenz von Juden aller Länder. Das Komitee der Jüdischen Delegationen zu Paris hat den Beschluß gefaßt, daß im November oder Dezember laufenden Jahres eine allgemeine jüdische Konferenz abgehalten werden müsse. Es wendet sich jetzt mit dieser Aufforderung an sämtliche Hilfskomitees, welche zur Milderung der Leiden des vom Kriege oetrosfenen Judentums ins Leben gerufen wurden, an alle Organisationen, welche mit den wirtschaftlichen Problemen des jüdischen Lebens sich befassen — oder indirekt auf das wirtschaftliche jüdische Leben einen Einfluß an szuüben suchen —, und Persönlichkeiten, welche diesen Aufgaben sich widmen. An die Hilfskomitees und die entsprechenden Organisationen in 25 Ländern Europas, Amerikas, Asiens und Afrikas ergeht der Ruf: Kommt schnell zusammen, um das Ziel rechtzeitig klar zu formulieren, um die Komponenten der schweren Aufgabe kennenzulernen, um die Kräfte, welche das Ziel verwirklichen sollen, einzuschätzen, um das System der Rekonstruktionsarbeit festzustellen, um eine Programmatische Koordination aller dieser Faktoren herbeizuführen. Geschieht es nicht bald, so wird es zu spät sein. Indem wir uns jetzt an Ihre Organisation mit unserer Aufforderung wenden, beanspruchen wir Ihre Aktivität schon im vorbereitenden Stadium. Wir hoffen, daß Ihre Organisation schon bei der Festsetzung des Programms entscheidend Mitwirken wird. Denn nur die Stimmen der in der Arbeit erprobten Kräfte, nur deren Rat und Forderungen können maßgebend sein. Indem wir zu dem wichtigen Schritte die Initiative ergriffen haben, haben wir damit im Bewußtsein unserer Verantwortung einer allgemeinen jüdischen Pflicht genügen müssen. Wir erwarten >aber von allen Hilfskomitees selbst, daß sie mit der: größten Beschleunigung ihrerseits an die Durchführung der Ausgaben der Hilsskonferenz Herangehen werden. Für die Verwirklichung des gewaltigen Unternehmens ist das harmonische Zusammenarbeiten sämtlicher Hilfsorganisationen' erforderlich, sowohil derer, die an Orten des Elends selbst wirken, als derer, welche fern vom Elend gewissermaßen in der Rolle der Unterstützenden sind. Wir brauchen nicht erst zu erklären, daß das Judentum hier als geschlossene Einheit dem Ziele dienen muß. Rur äußerlich erscheint es, als ob ein Teil dem anderen Helsen soll. In Wirklichkeit hilft jeder Teil sich selbst, hilft sich eben das jüdische Vblk als Ganzes, als Organismus. Da die Zeit drängt, so bitten wir Sie, uns die Antwort Ihrer Organisation so schnell als möglich zukommen zu lassen. Von der Schnelligkeit, mit der die Aufgabe in Angriff genommen wird, wird ihre Verwirklichung abhängen.. Denn unser ist nur die Initiative, Euer aber ist das Werk und die Verantwortung für das Werk.