Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229433--75262-3287760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
483 — Hier haben wir vor uns den ganzen Komplex von Gedanken, auS welchen eine ideale Neuordnung völkerrechtlicher Beziehungen ausgebaut werden sollte: hier haben wir den Friedenspalast auf der Zionshöhe, hier haben wir einen Völkerbund und einen Weltschiedsrichter, von welchem das Völkergewissen die Billigung völkerrechtlicher Entscheidungen und die Gewähr ihrer Gerechtigkeit empfangen soll, hier haben wir die allgemeine Abrüstung und den allgemeinen Dauerfrieden, mit einem Worte: die verwirklichte Weltreligion ist die verwirklichte Idee des Weltfriedens! Diesem erhabenen Ziele wäre der ursprüngliche Wilson-Frieden zusammen mit der Verfassung eines Völkerbundes nach den Vorschlägen der deutschen Regierung (vgl. sechste Flugschrift der Deutschen Liga für Völkerbund) so. nahe als möglich gekommen. Der Friedensvertrag von Versailles vom 28. Juni 1919 mit seinem Torso eines Völkerbundes (vgl. siebente und achte Flugschrift der Liga) hat sich leider von diesem Ziele weit entfernt. Er macht mit seinen 440 Paragraphen den Eindruck einer Pyramide, die über dem Grabeshügcl des deutschen Volkes aufgerichtet wurde. Wo gibt es eine Macht, welche diesen Grabeshügel öffnen und das deutsche Volk zu neuem Leben erwecken könnte? Einst schaute ein israelitischer Seher ein weitgedehntes Leichenfeld vor sich und er wurde gefragt: „Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden?" Aus sich selbst heraus konnte es der Prophet nicht mit Gewißheit sagen. Aber er sah es als Ahnung in seiner Seele: ein Geist kam aus allen vier Windrichtungen und weckte die Toten aus ihren Gräbern zu neuem Leben (Ezech., Kap. 37). Das muß auch unser Glaube und unsere Hoffnung sein und bleiben: das Recht, das mit uns geboren wird, das Völkerrecht im naturalen und sittlichen Sinne dieses Begriffes, wird der Geist sein, der von allen vier Himmelsrichtungen kommen und eine Revision des Friedensvertrages von Versailles bewirken wird. Und dieser Geist wird auch das deutsche Volk erwecken zu neuem geschichtlichen Leben und kulturellem Wirken. Dann wird sich bewahrheiten das seherische Dichterwort von Conrad Ferd. Meyer: Doch es ist ein ewiger Glaube, Daß der Schwache nicht zum Raube Jeder frechen Mordgebärde Werde fallen allezeit. Etwas wie Gerechtigkeit Webt und wirkt in Mord und Grauen Und ein Reich will sich erbauen, Das den Frieden sucht der Erde! Mählich wird es sich gestalten, Seines heiligen Amtes walten, Waffen schmieden ohne Fährde, Flammenschwerter für das Recht. Und ein königlich Geschlecht Wird erblühn mit starken Söhnen, Dessen Helle Tuben dröhnen: Friede, Friede auf der Erde! Sir Woche. Berlin, 20. Oktober 1919. er Reichs w ehr uninister Noske hat aufGrund des Gesetzes über den Belagerungszustand das „Deutsche Wochenblatt", das ungemein niedrige und gehässige antisemitische Skandalblättchen des Generalsekretärs Kunze, verboten. Man mag über derartige Zeitungsverbote vermiedener Ansicht sein; wenn man sich aber erst zu Verboten kommunistischen, ja selbst unabhängigen Blättern gegenüber entschlossen hat, so ist ein solches Verbot mit demselben Recht einem -antisemitischen HeHblatte wie dem „D. W. B." gegenüber gewiß angebracht, einem Blatte, das, allen Ermahnungen zum Trotz, immer wieder neue Lügen und Verleumdungen gegen die Juden vorbringt und damit dem gefährlichsten und verwerflichsten Klassenhaß und Rassenhaß frönt. Wenn erst kürzlich der Reichskanzler Bauer iu seiner großen Rede in der Nationalversammlung mit aller Offenheit und allem Nachdruck betont hat, man dürfe die gewissenlosen Brunnenvergifter des Chauvinismus nicht frei herumlausen lassen, io gilt dies erst recht von den gewissenlosen Brunnenvergiftern des Antisemitismus. Es würde zu weit führen, alle die hetzerischen und unwahren Behauptungen anzuführen, die das Blatt in der letzten Zeit seinen fanatischen und kritiklosen Lesern aufgetischt hat; es sei nur darauf hingewiesen, daß es vor kurzem wieder im Verein mit seinem Münchener Bruderorgan, dem dortigen „Beobachter", mit einem Hamburger Ritualmordmärchen zu krebsen versucht hat, obwohl -der in Betracht kommende Leichensund in Hamburg, den beide Blätter schon zu ihren niedrigen Zwecken auszubeuten versuchten, schon Wochen vorher eine vollständige Aufklärung dahin gesunden -hatte, daß von einem Ritualmord s e l b.st v e r st ä n d l i ch nicht die Rede sein kann. In einer der letzten Nummern enthielt das „D. W. B." ferner die Schwindelnachricht, daß das Regiment 50 der Reichswehr so schnell als möglich aus Brandenburg a. d. H. nach Berlin verlegt werden solle, und zwar in jüdische Bürgerquartiere am Kurfürstendamm, um die dortigen jüdischen Millionäre zu schützen, falls es in Berlin zu einem befürchteten Kommunistenputsch käme. Der Oberst des Regiments, ein Herr v. Braumüller, sei nach dem Bericht des Gewährsmannes des Blattes kürzlich bei dem jüdischen Millionär Schwabach zum Diner eingeladen gewesen, und «dabei seien alle Einzelheiten besprochen '.7^den. Natürlich ist die ganze Sache -von A bis Z erfunden; das einzig Tatsächliche, das ihr zugrunde liegt, ist, daß^! bislror einigen Monaten ein Major v. Braumüller, der jetzt in Wandsbek wohnt, der Kommandeur des in Rede stehenden Regiments gewesen ist. Als dieser in einer Zuschrift an das Blatt die Richtigkeit seiner Behauptungen bestritt, da er niemals bei Herrn v. Schwabach diniert habe und diesen überhaupt nicht kenne, erwiderte ihm Herr Kunze selbst, daß er keine Ver- I anlassung habe, sich der Unwahrheit zu bezichtigen. Sein Gewährsmann sei der Lohndiener August Kalisch> der viel in großen jüdischen Häusern serviere, und dieser Zeuge sei ihm glaubwürdig. Wir sind absichtlich auf diesen Fall etwas näher eingegangen, um zu zeigen, in welcher merkwürdigen Weise Herr Kunze, der sich Generalsekretär der D. N. V. nennt, selbst in solchen Fällen mit der Wahrheit umgeht, wo es sich nicht um die ihm so sehr verhaßten Juden handelt. Unter dem Datum des 9. Oktober gibt Herr Kunze das Verbot seines Mattes folgendermaßen bekannt: „Auf Befehl des Oberkommandos Noske ist das „D. W. B." für das Gebiet Groß-Berlin, über welches der Belagerungszustand verhängt ist, vorläufig verboten worden. Die Versendung an unsere auswärtigen Bezieher durch das Postzeitungsamt ist infolge dieses Verbots gleichfalls ausgeschlossen." Der listenreiche Mann aber hat sofort Mittel und Wege ausfindig gemacht, um das Verbot zu umgehen. Wie der „Vorwärts" (10. Oktober) mitteilt, erscheint das Blatt nunmehr in Potsdam in der Druckerei von Stein und führt an seiner Spitze die triumphierende Bemerkung: „In Groß-Berlin verboten!" , Zugleich wird in den Straßen Berlins ungehindert eine Broschüre „Judas Rache am Deutschen Wochenblatt" von Generalsekretär Richard Kunze zum Preise von 50 Pst feilgeboten, in der die Hetze gegen die jüdischen Staatsbürger in bekannter Weise fortgesetzt wird.- . -. *