Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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482 ist, dessen reifste Frucht die Forderung der Vereinheitlichung des menschheitlichen Gesamtbewußtseins ist. Wenn es nur einen Gott gibt, so gibt es trotz Verschiedenheit der Rassen und Stämme nur eine Menschheit, und wenn es nur eine Menschheit gibt, so muß Einheit ihre sittliche Zielbestimmung sein, die in unendlicher Folge der Zeiten und Geschlechter durch Zusammenwirken ihrer Glieder erreicht werden soll. Daher das biblische Wort: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" Auch die in diesen Gedankenkreis gehörende Behauptung der Genesis vom Ursprung aller Menschen aus gemeinsamen Wurzel verfolgt die sittliche Tendenz, die Gesamtmenschheit, in welcher auf Erden die Gottesidee ihre Vollendung erreicht, als Einheit begreifen zu lassen. Indem nun die Bibel den Menschen als solchen als endliches Abbild unendlichen Urbilds erklärt und ihn dadurch über die Naturstufe erhebt, hat sie von vornherein seine individuellen und nationalen Schranken aufgehoben und den Begriff der H u m a n i t ä t, in welchem die Idee der Gleichheit aller Menschen und Völker eingeschlossen ist, als Eckpfeiler ihrer Anschauungswelt hingestellt. Und daß damit Ernst gemacht wurde, beweist vor allem die Forderung des Fremdenrechts. Gewiß: Fremdenrecht ist kein Völkerrecht), aber es ist die Anerkennung fremden Rechts! ohne Rücksicht auf Glauben und Nation. Wo gibt es in der alten oder neuen Zeit einen Satz wie den altbi'bli'schen: „Einerlei Lehre und einerlei Satzung sollt ihr haben, der Fremde soll dem Einheimischen gleich sein"? Und auf welchem Grunde dies einerlei Recht aufgerichtet wird, das sagt uns oer Satz: „Wie der Einheimische unter euch soll euch der Fremde sein, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst." 'HI. Buch Mose 19, 34.) Hier haben wir den Ausgangspunkr eines Völkerrechts, das auf Liebe als auf ein natürliches Fundament gegründet ist, und dieses liegt tiefer und fester als das Fundament des Rechts, auf welches die neue Weltordnung, wie sie nach den amerikanischen Punkten geplant war, gegründet werden sollte. — Somit kommen wir zusammenfassend zu dem Ergebnis: Die Bibel hat das Naturrecht als Quelle des Völkerrechts entdeckt und Hugo G r o t i u s hat es an der Hand derselben nur wiederentdeckt°). Nun heißt es allerdings bei Fr. v. Liszt*): „Das Völkerrecht ist unverträglich mit dem Gedanken eines sei es durch einen besonderen Bund mit der Gottheit, sei es durch eine überlegene und eigenartige Kultur „auserwählten Volkes". Das ist aber nur richtig für das kodifizierte oder geschriebene Völkerrecht, nicht aber für die zugrunde liegende Idee, welche die Wurzel und die treibende Kraft der allmählich gewordenen und schließlich formulierten Satzungen ist. Gewiß hat es im Altertum kein Volk gegeben, das zum Zwecke der Erhaltung seiner religiös-nationalen Eigenart durch ein Gehege von Satzungen so abgeschlossen wurde als das „auserwählte Volk". Aber der nationale Gedanke, der völkertrennende, wurde überwunden durch den religiösen Gedanken, den völkereinenden. Dafür das beredteste Zeugnis ist ein Wort, das Jesaias (42,5) seinem Volke zugerufen hat: „Ich, der Herr, habe dich berufen zum Heile, habe deine Hand erfaßt und dich aufbewahrt, um dich hinzustellen zu einem Volksbunde, zum Lichte der Nationen." Hier zum erstenmal vor fast zweieinhalb Jahrtausenden ist ein leiser Anklang des umfassenden Gedankens an einen Völkerbund aus dem Munde eines Sehers gekommen und gelehrt worden, daß Israel als B u n d e s v o l k gewissermaßen der Kristallisationspunkt eines zukünftigen Völkerbundes im Sinne einer religiös-sittlichen Gemeinschaft zu 3) Liszt a. a. O. 12 der letzten Auflage. 3) Noch deutlicher sein Zeitgenosse Joh. Selden in der Schrift: de juie naturali et gentium juxta disciplinam Ebraeorum. 4) S. 12. Vgl. auch Victor Cathrein „Moralphilosophie", .! 4. Aufl. II. Bd. S- 693. > werden bestimmt sei. Und damit eröffnet sich ein Ausblick zu einem höchsten Gipfelpunkte rnenschheitlicher Entwickelung, zu einer Zionshöhe des Geistes, die nicht überragt werden kam?). Völker recht und Völker friede sind zusammenhängende Ideale. Und dieser Zusammenhang wird sehr schön durch ein Wort altisraelitifcher Spruchweisheit bestätigt, welches lautet: „Auf drei Dingen steht die Welt, aus Wahrheit, Recht und Frieden." Diese drei Säulen einer moralischen Weltordnung haben eine gemeinsame Basis sittlicher Ideen. Wankt die eine, so wird bald auch die andere wanken. Nun ist die Wahrheit der Menschen immer nur eine subjektive, und dadurch entsteht die Gefahr, daß auch das Recht der Menschen, wenn auch unbewußt, immer nur ein subjektives bleiben wird. Wer soll nun die Gerechtigkeit des zukünftigen Rechts, das auf Trümmern einer untergegangenen Welt ausgebaut werden soll, verbürgen und gewährleisten? Das ist die schwierigste Frage, welche auch die unentwegtesten Pazifisten mit ihrer grünen Theorie nicht befriedigend zu beantworten vermochten. Die Bibel antwortet mit dem Satze: „Das Recht ist Gottes" und weist damit aus eine übermenschliche Instanz hin, von welcher das Gewissen der Völker in der Person ihrer zu bestellenden Schiedsrichter, wie einst von dem Orakel des „Lichtes und der Wahrheit", die Billigung und Zustimmung zu ihrem Spruch und ihrer Entscheidung völkerrechtlicher Konflikte einholen müsse. Und damit gelangen wir zum letzten Punkte unserer Darlegung. Die höchste und genialste Leistung der israelitischen Gottesboten ist das messianische Zukunstideal, das der ragende Hochgedanke des altbiblischen Jdeenbaues ist, der Zielpunkt der monotheistischen Weltanschauung, die Deutung des tiefsten Sinnes in allem scheinbaren Unsinn der Weltgeschichte. Dem ewigen Kriege der Vergangenheit setzen sie den ewigen Frieden der Zukunft entgegen. Nicht wie ein stiller Sommerabend soll er kommen, sondern nach stürmischer Nacht soll er wie ein Frühlingsmorgen dämmern am Himmelssaume der Zeiten. Als Vorboten dieses messianischen Zeitalters erwartete man nach jüdischer wie nach christlicher Ueberlieferung eine Zeit der Weltkrisis, die man in Anlehnung an Ezech., Kap. 38 bis 39, als den Weltkrieg des Gog und Magog, als die Fußtapfen oder Geburtswchen des Messias b'ezeichn>ete°). Dieser erwartete Weltkrieg soll das Läuterungsfeuer sein, der das Echte vom Unechten reinigen wird, der Wettersturm, der alles Stolze und Uebermütige nieoerlegen wird, das Weltgericht, das der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wird. Dann soll er erscheinen auf Erden, der F r i e d e n s f ü r st, auf welchem ein göttlicher Geist ruhen wird: „Und er wird nicht richten nach dem Scheine seiner Augen und nicht entscheiden nach dem Gehör seiner Ohren, Gerechtigkeit wird das Gurtba'nd seiner Lenden sein und Treue der Gürtel seiner Hüsten." (Jes., Kap. 11.) Und zahlreiche Völker werden zum Berge des Ewigen strömen und wallen und dort Belehrung suchen. „Und er wird richten zwischen vielen Völkern und entscheiden zwischen mächtigen Nationen bis in die Ferne; und sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Rebenmessern, nicht mehr wird Volk gegen Volk das Schwert erheben und nicht mehr werden sie den Krieg üben" (Jes., Kap. 2 und Micha, Kap. 4)*). 5) Vgl. „Der Völkerbund im Lichte des Judentums" von I. He i nein a n n, S. 6. 6) Es dürfte in diesem Zusammenhang interessieren, daß ein Bibelerklärer, M. Malbim, in seinem im Jahre 1868 hebräisch geschriebenen Kommentar zu Daniel 12, 12 das Jahr 1914 als das des Ausbruchs des Krieges von Gog und Magog errechnet und vorausgesagt hat. 7) In einer älteren Talm-udstelle (Bab. Sabbat 63a) erklären die Weisen unter Bezugnahme auf diesen Bibelvers, daß Waffen den Menschen zur Schmach gereichen.