Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SÄ. Jahrgang. Nr. 42 Berlin, 15. Oktober 1919 Der Gemeindebote. Betlsse zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". . i ■ fiomfponütnsm und Sachrichtru. Srutlchlsnd. E. R. Bevlin, 13. Oktober. In der Sitzung der Nepräsentantenversammlung, die .am 5. d. M. stattfand, richtete der Vorsitzende Geheirnrat Direktor Dr. G. Minden vor (Eintritt in die Tagesordnung folgende 'Ansprache an die Versammlung: „Meine sehr geehrten Herren! Gestatten Sie mir. Ihnen in der ersten Sitzung unseres neuen religiösen Jahres Glückwünsche auszusprechen. Als wir uns in der ersten Sitzung nach dem vorigen Rosch-haschana- Fcfle hier trafen, dachte wohl keiner daran, daß das damals begonnene Jahr uns z.u Zeugen einer Politischen Umwälzung.machen würde, die wohl als eine der gewaltigsten in der Weltgeschichte verzeichnet bleiben wird. Bei dem Gottesdienste der letzten Tage kam mir und wohl auch Ihnen allen bei so vielen Stellen d-er Gedanke, daß -unsere jahrtausendealten Gebete noch ganz so frisch sich anhören und wirken, als wenn sie am gestrigen Tage für den heutigen geschrieben seien. 'Dies hat doch etwas Tröstliches in dieser schweren Zeit. Denn wenn es auch so scheint, als wenn die Menschenwelt von dem Grundgedanken des gestrigen Tages, des Bersöhnungstages, unter -dessen Eindruck wir noch alle stehen, von der Versöhnung aller Menschen so weit entfernt sei wie noch nie zuvor, wenn Völkerhaß, Rassenhaß, Klassenhaß so mächtig scheinen wie noch, nie — was wir als Juden ebenso schmerzlich empfinden, wie wir es als Deutsche fühlen —, so bleibt doch der Eindruck: Kronen fallen,.Throne stürzen zusammen, Ströme von Menschenblut werden vergossen, aber die Ewigkeit der religiösen Gedanken und der mit ihnen untrennbar verbundenen sittlichen Vorstellung ist unerschüttert. Dies möge unser Trost -in d-er jetzigen Zeit feilt!" Mit herzlichen Worten gedachte dann der Vorsitzende -des Heimgangesdes Rabbiners Dr. May bau m, dessen Andenken -die Anwesenden durch Erheben von den Plätzen ehrten. Die Versammlung beschloß hierattf die Annahme folgender Zuwendungen: Von Herrn Max Hirsch 1000 Mark, von Frau Johanna Engel geb. Morasch 1500 Mark, von Herrn Sanitätsrat Tr. Paul Fried l ander 2000 Mark, von Herrn Selmar L ö w e n si e i n 50 000 Mark, von Frau Geheim rat L et uten - bürg- 3000 Mark, von- Herrn Engen Cohü 15 000 Mark, von Frau Pauline Meyer geb. Simon 6000 Mark, von Frau Agathe Fischbein 10 0,0 00 Mark, von Frau Clara Hoeniger 5000 Mark, von Frau. Elisabeth Holländer 100 Mark, von Herrn S. Simon 1000 Mark, von Herrn Hugo Weigert >000 Mark, von Herrn Siegfried Hanst 100 Mark, von Frau Johanna Lo-ew 350 Mark. —- Auf den Antrag des Herrn Lips ch i tz, in den Nebenräumen der Synagoge Fasanenstraße eine Lesehalle und Bücherausgabe möglichst umgehend einzurichten, wird von Prosessor Dr. Kali scher daraus aufmerksam gemacht, t aß der Gedanke, eine Filiale rer Gemeiudebibliothek im Westen zu errichten, von der Biblio-thekkommission bereits vor dem Kriege erlucciert, aber mit Rücksicht auf die Kriegsverhältnisse zurückgestellt wordensei. Herr Benas Levy teilt mit, daß die Bibbiothekkvmmission mit den Vorarbeiten für diese Lesehalle im Westen bereits beschäftigt sei, und bittet, die Beschlußfassung über di.se Anstalt bis zum Abschluß dieser Vorarbeiten zu vertagen. Der Vertagungsnntrag wird angenommen. — In die Fürsorgekommission werden gewählt -die Herren Rabbiner Dr. Emil Levy, Siegfried' Seligsohn, in das Krankenhaus Herr Guido Levy. — Dem Beschluß der Dersam-mlurtg, Einsetzung einer gemischten Deputation zur Beratung über die Auslösung der' Kommission zur Auswahl von Ehren beamten, hat der Vorstand zu-gestimmt, und zugleich beschlossen, daß der Deputation zwei Mitglieder des Vorstandes und vier Repräsentanten angehören sollen.-—In betreff Einführung geordneter Gemeindeseelsorge hat der Vorstand beschlossen: 1. die Herren Gemeinderabbiner zur Ae-ußeruna zu veranlassen' und die eingehenden Gutachten 'der gemischten Deputation als Material zu überweisen. 2. lieber die Frage der Aushebung der Kasualgebühren- sowie über die Seelsorge der Rabbiner in den Familien im Anschluß an Trauungen, Beerdigungen, Barmizwahfeiern und ähnlichen Anlässen eine mündliche Besprechung mit -den Gemeinderabbinern herbeizusühren. 3. An die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums das Ersuchen zu richten, daraus bedacht zu sein, daß in dem Lehrplan Unterrichtskurse zur Einführung in soziale Arbeit einschließlich der Gefangenenseelsorge vorgesehen werden. 4. An die Rabbiner, welche keine oder wenige Stunden derartigen Unterricht erteilen, ein Schreiben wegen Uebernahme von Religionsunterricht -an höheren Schulen zu richten u-nd in dem Schreiben darauf hinzuweisen, daß wegen der Berufsberatung bei entlassenen Schülern Erwägungen schweben, über die in einiger Zeit noch Näheres mitgeteilt wird. 5. Sich grundsätzlich mit dem Vorschläge der Arbeitsverteilung im Ra-bb.i-nat nach Materien unter Zuziehung von Helfern (Diakonen) und Anstellung von Spezialisten für soziale Ausgaben einverstanden zu -erklären. 6. Sich ferner mit den: Vorschlag wegen Ausbildung jüngerer Kräfte in der Gefangenenseelsorge und Vertretung der Gemeinde bei einzelnen Veranstaltungen, zu denen der Gemeindsvorstand Einladungen erhält, durch dazu geeignete Rabbiner einverstanden zu erklären. Die Versammlung nimmt von diesen vom Vorstand gefaßten Beschlüssen Kenntnis. — Die Frage der Aenderung des Barmizwahgebetes und der Ausgestaltungder Barmizwahseier schwebt zurzeit noch und ist besonders zu behandeln. — Die Vorschläge wegen Errichtung eines Rabbinerturnus bei- Beerdigungen und wegen Mitteilungaller in den einzelnen Synagogen vorkom-menden Kasualien an die indiesen Synagogenamtierenden Rabbiner werden abgelehnt. — Die hauptamtlich bei der Gemeinde beschäftigten Angestellten erhalten folgende Teuerungszulage: Unverheiratete 600 Mark, Verheiratete 800 Mark und 100 Mark für jedes Kind. Die gleichen Satze erhalten die Hilfsangestellten und die H/ilfsjlehrer, soweit sie als vollbeschäftigt gelten und wenn sie mindestens zwölf Monate im Dienste der Gemeinde stehen. Hilfskräfte nvA kürzerer Dienstzeit erhalten ein Viertel bis drei Viertel dieser Beiträge, je nach Dauer ihrer Beschästigung. — Es folgen dann Bewilligungen verschiedener Ausgaben und Subventionen. So wurden unter anderem bewilligt: der Kinderheilstätte in Bad Kissingen 300Mark für 1919/20, der Zentralwohlsahrtsst-.lle der deutschen Juden 3000 Mark für 1919/20, der Arbeiterkolonie in Weißensee 3000 Mark für 1919/20, dem Schöneberger Synagogenverein- 10500 Mark. — Tcm Antrag des Genteindevorstandes, Ausgaben für notwendige Anschaffungen und Arbeiten unter Vorbehalt nachträglicher Zustimmung der Repräsentäntenversammlung bewilligen zu dürfen, wird zu-gestimmt. — In die Duell ba d ko nt nt issio n wird als Gemeindemitglied Frau Dr. Eschelbacher gewählt. Als Vertreter zur Hauptversammlung des Verbandes -der Deutschen Judenwerden abgeordnet die Herren P l o t k e. Steint h a l, C o h n, T ü r k, Benas Levy, Dr. Levy, Holz und Minden. Berlin, 13. Oktober. Der Einfluß von Politik und Wirtschaft auf die Wohlfahrtspflege wird in dem eben zur Versendung gelangenden Geschäftsbericht d e r W o h l t ä t i g k e i t s z e n t r a l e der Berliner Kauf m anns ch a f t über das Jahr 1918 aus ihren praktischen Erfahrungen heraus interessant beleuchtet. Der Umschwung der militärisch-außenpolitischen und sodann der innerpolitischen Lage hat auf Einschätzung und Gestaltung der Wohlfahrtspflege bestimmend eingewirkt: Während bis zum H e r b st vorigen Jahres sich die G e b e f r e u d i g k e i t der besitzenden Kreise trotz der erschwerten wirtschaftlichen Lage a u f Ziemlicher Höhe gehalten hatte, machte sich nach dem Waffenstillstandsangebot und besonders nach der Revolution eine erhebliche Abnahme der Spenden bemerkbar. Es war das in der allgemein herrschenden Eutpfindung der Unberechenbarkeit aller Verhältnisse, des Umsturzes der bestehenden Ordnungen und der anscheinenden Untergrabung der Persönlichen und öffentlichen Sicherheit begründet. Die altbewährten W o h l f a h r ts e i n r i chtungenhatten unter dieser Zurückhaltung der gebenden Kreise ungemein stark zu leide n. Die praktische Wirkung war die, daß m a n ch e Vereine ihre Arbeit e i n st e l t e n mußten, während