Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229432--75253-3287750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

erörtert, kommunale Angelegenheiten besprochen, Stadtneuigkeiten kolportiert; von hier aus wurden die Sensationen des Tages sozusagen auf drahtlosem Wege bis in die fernsten Stadtwinkel getragen. Hier auch erfuhr Benjamin, daß Jossel Schlüte mit feinen' Eltern nach Tarnow gereist sei, und Frau Fama wollte wissen, daß er bestimmt mit goldener Uhr und Kette, d. h. als zukünftiger Schwiegersohn eines reichen und angesehenen Tarnower Bürgers zurückkommen werde. Frau Fama war diesmal gut unterrichtet. Schon nach wenigen Tagen sprach,ma-ir'aus dem Matze ,,Am Tor" von nichts anderem als von Jossel Schlütes glänzender Partie. ■ Ein junger Mann brachte die neueste Nummer des Lemberger hebräischen Wochenblattes „Die Stimme der Gesetzestreuen" mit auf den Platz und zeigte es jedermann, der es lesen wollte — und es war keiner, der es nicht lesen wollte —, daß sich „Jossel Schlüte, der Sohn des wahrhaft gottesfürchtigen und wohltätigen Manmes Kalman Schlüte, mit der lobonswürdigen Jungfrau Mirjam Garsein, der Tochter des angesehenen und hochgeachteten Mannes Israel Garfein", verlobt habe. Mit übergroßen Buchstaben kündete dieses Weltereignis „Die Stimme der Gesetzestreuen". Jossel Schlüte war aus Tarnow zurückgekehrt, aber er beeilte sich durchaus nicht, Benjamin aufzusuchen und ihm über das unerquickliche Vorkommnis in der Betstube Bericht zu erstatten. Natürlich wäre es seine Pflicht gewesen, den Freund nicht lange auf die heihersehnten Nachtrichten warten zu laßen. Aber Jossel war in den ersten paar Tagen nach seiner Rückkehr viel zu beschäftigt, als daß er an Freund und Freündespflicht hätte denken sollen. Er mußte jetzt Besuche empfangen, Glückwünsche entgegennehmen. Verwandte und Bekannte begrüßen, bewillkommnen, ihnen die Hände schütteln und alle Fragen über seinen zukünftigen Schwiegervater, sein Haus, seine Familie, seine Vermögensverhältnisse gewissenhaft beantworten und zu guter Letzt für die Nachfragen herzlich danken. Besonders am ersten Sabbat nach der Rückkehr war des Kommens und Gehens im Hause Schlüte kein Ende; alle Mitglieder der Gemeinde kamen, Kalman und seinen Sohn zu beglückwünschen, alle, alle ohne Ausnahme, gute Freunde, alte Bekannte, chassitische Genossen, reiche Bürger, arme Leute, Synagogenjuden und Tempeljudew — kurz, wer nur irgend einmal Gelegenheit gehabt hatte, Kalman Schlüte einen „Guten Morgen" zu wünschen, sah sich heute veranläßt, ihm einen Besuch abzustatten und persönlich seinen Glückwunsch auszusprechen. Auch der Hügel-Rabbi war erschienen, reichte Jossel die Hand und wünschte „Glück ohne bösen Blick" und verlieh dadurch seinem Segenswunsche außerordentliche Kraft und Bedeutung. Am Sonntag nach dem Sabbat, an dem im Hause Schlütes große Gratulätioniscour gewesen war, ging Jossel früh am Morgen zu Benjamin. Er traf ihn allein zu Hause. Benjamin begrüßte seinen Freund mit stürmischer Herzlichkeit, streckte ihm beide Arme entgegen und sprach ihm aus Anlaß der Verlobung seinen herzlichen Glückwunsch aus. Jossel wehrte ab und machte dabei eine Miene, als wollte er sagen: Laß du mich wenigstens in Ruhe mit derlei Glückwünscherei, die ich weidlich satt habe . . . Darauf übermittelte er ihm Grüße von Sara-Lea und kam ohne Umschweife aus das unglückselige Vorkommnis in der Betstube zu sprechen. Jossel schilderte die Freude Sara-Leas, als sie den „dicken Brief" empfing, und ihre Verzweiflung, als sie eines Tages entdeckte, daß der Brief aus der Mappe, in der sie ihn versteckt hielt, verschwunden war. Das könne nur ein heimischer Dieb getan haben, meinte Jossel, einer, der von vornherein die Absicht hatte, das Bild ünd das Gedicht an das Betpult Kalman Schlütes anzunageln. Dieses Bubenstück müsse von einem persönlichen Feind Benjamins, oder Kalmans ausgeführt worden fein, von einem boshaften Gegner, der entweder diesen ärgern oder jenem einen bösen Streich spielen wollte. „Wen hast du denn in Verdacht, daß er es getan hat?' fragte Benjamin. „Eigentlich kann von einem Verdacht nicht die Rode sein. Bei mir ist es gang sicher, daß es kein anderer getan Hat als der rothaarige Awrum." „Auch ich habe an ihn gedacht." „Während der Zeit deiner Abwesenheit heftete er sich an mich wie eine Klette, war einfach nicht loszuwerden. Täglich kam er zu uns ins Haus, schnüffelte überall herum, horchte auf alles, was gesprochen wurde, und steckt« überallhin seine Nase. Ich! weiß es bis zur Stunde nicht, was er in unserem Hause suchte, was er da zu suchen hatte; jedenfalls halte ich es für sicher, daß er in einem unbewachten Augenblick, als er sich allein im Zimmer befand, nach der Mappe Sara-Leas griff, darin deinen dicken Brief fand, diesen Brief zu sich steckte, um ihn auf so häßliche, niederträchtige Weise in die Hände meines Vaters zu spielen." „Was will der Rothaarige von mir? Warum verfolgt er mich, seit ich ihn kenne? Nie habe ich seine Wege gekreuzt, nie seine Kreise gestört, nie seine Freundschaft gesucht, aber auch nichts getan, wodurch ich seine Feindschaft verdient hätte." Benjamin sprach gelassen und leise, in seiner Stimme schwang ein Ton verhaltenen Wehs. „Unverdienter Haß ist schrecklich," entgegiMte darauf Jossel Schlüte, „hier scheint so etwas vorzuliegen. Ich sagte dir vorhin, dieses Bubenstück könnte nur einer ausgeführt haben, der dein oder meines Vaters Gegner ist. Das war nicht ganz aufrichtig gesprochen. Ich halte es sogar für ausgeschlossen, daß Awrum meinen Vater hatte treffen wollen. Dagegen habe ich den "ganz sicheren Beweis, daß nur dir, dir ganz allein dieser Schurkenstreich! galt." Benjamin wich betroffen zurück. Jossel Schlüte fuhr fort: „Hat nicht seinerzeit Jankel Krummholz bei deinem Onkel einen Besuch angesagt?" „Ja, das hat er." „Und Jankel Krummholz hat deinen Onkel nicht besucht?" „Nein, er kam nicht." „Und weißt du, warum er nicht gekommen ist?" „Ja, warum?" „Weil Jankel Krummholz einen Brief erhalten hat, der voll war von Gehässigkeiten und Schmähungen gegen deine Person — ein richtiges Pasquill . . . Ich bin überzeugt, daß auch diesen Brief Awrum geschrieben hat." Statt überrascht zu sein, lächelte Benjamin verlegen, zögerte eine Weile und sagte dann bestimmt: „Nein, Jossel, da irrst du. Diesen Brief hat Awrum nicht ge schirieben." ,;Kein anderer würde es wagen, über dich so zu schreiben." „Aber ich selbst darf es wohl wagen, über mich so zu schreiben." „Was soll das heißen?" „Ich selbst habe diesen Brief an Jankel Krummholz geschrieben." Jossel Schlüte machte große Augen, sperrte angelweit den Mund auf und stand da wie der Einfältige, der nichts zu fragen weiß. „Du wunderst dich," sagte Benjamin, „wie ich über mich selbst so schreiben konnte. Aber es blieb mir nichts übrig, als einen solchen Brief zu schreiben. Du weißt ja, worum es sich handelte. Ich hatte — leider — in den Augen Jankel Krummholz' Wohlgefallen gefunden, und er wollte' mich zun Schwiegersohn kaufen. Mein Vater pries mein zukünftiges Glück, meine Mutter faltete bereits die Hände, den neuen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.