Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Anteilnahme für die Sch-Mierzeu und Leiden ihres alten Vaterlandes diesem gern helfen möchten und vermöge ihrer einflußreichen politischen und wirtschaftlichen Stellung, die sie betleiden, hierzu auch in der Lage wären. Die Antisemiten aber bleiben allen noch so gewichtigen Argumenten gegenüber taub und kennen nur ihren blöden Kehrreim: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt" mag darob auch das Deutschtum zugrunde gehen. #■ Interview mit Minister Erzberger. Der deutsche Reichsfinanzminister Erzberger, der vor kurzem in der Schweiz weilte, hat den Herausgeber der „Jüdischen Pveßzentrale Zürich" in Audienz empfangen. Jnr Laufe der Unterredung erklärte der Minister, daß es jedem, der leine Vergangenheit kenne, klar sei, -wie sehr er die von mancher Seite betriebene Judenhetze auf das entschiedenste verurteile. Infolge der Festtage trat eine unliebsame Verzögerung in der Veröffentlichung dieses wichtigen und überaus interessanten Interviews ein, das wir nachstehend wiedergeben: „Wie verhalten sich Euer Exzellenz 31t der antisemitischen Hetze in Deutschland, und welche Mittel gedenkt die deutsche Regierung dagegen zu ergreifen?" „Ich verurteile die antisemitische Hetze, die zurzeit in Deutschland in getoissen Kreisen organisiert und betrieben wird, auf das schärfste. Meine Auffassung von der staatsbürgerlichen Gleichheit in Rechten und Pflichten für alle deutschen Staatsangehörigen läßt mich das gewissenlose antisemitische Treiben aus tiefstem Grunde verabscheuen. Meine Auffassung deckt sich mit der deutschen Verfassung. 'Artikel 109 Absatz 1 besagt, daß alle Deutschen vor dem Gesetze gleich sind. Artikel 135 gibt allen Bewohnern des Deutschen Reiches den Genuß voller Glaubens- und Gewissensfreiheit. Artikel 136 besagt, daß die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt werden. Der Hintergrund der antisemitischen Hetze ist zur Genüge bekannt. Die Kreise, von denen sie ausgeht, decken sich mit den Kreisen, die ein Interesse daran haben, für die Schuld ihres verwegenen Chauvinismus eine Diversion zu suchen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, ans welchen psychologischen Untergründen das Ablenkungsmanöver gespeist wird. Es sind Anzeichen dafür vorhanden, daß neben der Jndenhetze eine sozialistische und eine Kathvlikenhetze parallel geht, oder, besser gesagt, daß ein System vorliegt, zuerst die Juden, dann die Sozialisten, dann die Katholiken. Ich gebe ohne weiteres die bemerkenswerte Tatsache zu, daß infolge des lleberwiegens des jüdischen Elements in der unabhängigen Führerschaft eine gewisse Boreingenonnnenheit gegen die Inden begreiflich ist, aber schließlich ist auch diese Tatsache verstand- * lich. Denn es ist klar, daß diejenigen Kreise, die bisher von der Macht so gut wie ausgeschlossen, jetzt dafür einen Ausgleich suchen. Meine Stellungnahme zu der antisemitischen Hetze ist um so eindeutiger, als ich von jeher, für die Gleichberechtigung unserer jüdischen Mitbürger eingetreten bin. Ich erinnere daran, daß ich unter anderem stets die Hintansetzung der Inden in der Armee, namentlich im Ofsizierkorps, bekämpft habe. Anständige Gesinnung ' und Tüchtigkeit sollen das Kriteriuln für jeden Deutschen sein. Gleichberechtigung in bürgerlicher Betätigung und religiöser Ausübung gehören zu den Grundrechten jedes Deutschen. Diese meine Auffassung ist die der gesamten Reichsregierung. Tie Regierung ist entschlossen, der antisemitischen Hetze mit allen gesetzlichen Mitteln entgegenziltreten. Sie werden in der Presse gelesen haben, daß es der Negierung gelungen ist, eine Hauptquelle der^ antisemitischen Hetze aufznsinden und unschädlich zu machen. Dem ^taatskommissar für innere Ordnung liegt in Preußen die Unschädlichmachung der Hetze ob. Die Notwendigkeit hierzu ergibt sich ohne weiteres aus den Gefahren für die öffentliche Ordnung, die zu trüben zweifellos die allsgesprochene Absicht der antisenlitischen Treiber ist. Es wird Ihnen auch bekannt sein, daß den Versuchen, die Jndenhetze in die Reichswehr hineinzu tragen, seitens des Reichswehrministers ent ge ge ugrtreten wird. Mein Kollege Roste hat sich verschiedentlich gegen die Ausbreitung des Aktionsgebietes der Hetzer in der Armee ausgesprochen. Es versteht sich dies ja ohne weiteres für eine demokratisch^ Regierung. Würden nicht alle Mitglieder, der Negierung diesen Standpunkt einnehmen, so hätten wir eben keine demokratische Negierllng. In einem demokratischen Staat haben Pogrome keinen Platz. Wir brauchen keine russischen Verhältnisse." „Ist Euer Exzellenz bekannt, daß sich in Deutschland die Ostjuden organisieren und sich bestreben, den schütz einer nationalen Minderheit Zll erlangen, und finden Herr Minister nicht, daß auch die Juden in Polen als nationale Minderheit denselben Schutz und dieselben Rechte genießen sollen, wie sie den Deutschen in Polen zugesichert sind?" „Soviel ich weiß, handelt es sich nicht um eine Organisation der Ostjliden politischen Charakters, sondern die Ostjuden in Deutschland organisieren sich zu humanitären Zwecke«, zu Zwecken gegenseitiger sozialer Hilfe. Ich bin selbstverständlich der Meinung, daß in Polen auch die Juden als nationale Minderheit denselben Schutz und dieselben Rechte genießen sollen wie die Deutschen, aber das ist ja bereits der Fall. In dem Abkommen der Entente mit Polen über den Minderheitsschutz ist in den Artikeln 8 bis 12 für sämtliche völkischen, religiösen und Sprachminderheiten sowohl in religiöser als kultureller und philanthropischer Hinsicht gesorgt, und in Artikel 12 ist die Einhaltung dieser Vorschriften unter die Aufsicht des Völkerbundes gestellt." „Wie stellen sich Euer Exzellenz bzw. die deutsche Regierung zu den Bestrebungen des jüdischen Volkes auf Erlangung eines „national borno" in Palästina/und wie dünken Euer Exzellenz die Aussichten des jüdischen Volkes in dieser Sache?" „Ich stehe — und ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich sage, auch die Regierung — den von den Zionisten verfolgten Bestrebungen in Palästina sympathisch gegenüber. Ich darf auf die Erklärung Hinweisen, die seinerzeit der damalige Unterstaalssekretär im Auswärtigen Amt, Freiherr von dem Busche-Haddenhausen, abgegeben hat. Was die Aussichten des jüdischen Volkes in dieser Hinsicht angeht, so steht, soviel ich informiert bin, die englische Negierung dieser Frage wohlwollend gegenüber. Sollte der jüdische Staat in Palästina verwirklicht werden, so gebe ich mich der festen Hoffnung hm, daß innerhalb desselben die christlichen Stätten auf heiligem Boden alle wünschenswerten Freiheiten haben werden." * Sozialdemokratie und Antisemitismus. Unter dieser Ueberschrift bringt der Berliner „Vorwärts" vom 2. d. M. nachstehenden bemerkenswerten Artikel. Vom Genossen Georg Lau b sber g. (Breslau) erhalten wir folgende Zuschrift: „Folgende Angelegenheit, bei der nach meinem Gefühl persönliche, publizistische und Politische Reinlichkeit in gleicher Weise interessiert sind, zwingt mich, den „Vorwärts" um ein wenig Raum zu bitten. August Winnig, b:x jetzige Oberpräsident von Ostpreußen, veröffentlicht in Nr. 16 der „Glocke" einen Artikel: „Glossen zur Ratifizierung", in dem er den Sozialdemokraten jüdischer Abstammung zumutete, sich in allen Fragen, die nationale Gefühle des deutschen Volkes berühren, zuvückznhalten, weil ihnen durch ihre volksfromde 'Abstammung der Weg zum Verständnis für das Fühlen des Volkes versperrt fei. Da kein anderer antwortete, so hielt ich mich für verpflichtet, der Katze die Schelle umzuhängen, indem ich in Nr. 20 der „Glocke" Winnigs Rassentheorie kritisierte und ihn an die Stelle der Antisemiten stellte. In Nr. 22 trat Winnig zu längerer Antwort an. Zunächst ließ er sich von einem ungenannten Parteigenossen den Mut bescheinigen, der ihn, wohl gegenüber der Alliance Jsraelite, zu seinen Schriftleistnngen beseelt hätte. Dann aber spielte er den nationalen Otto Landsberg gegen mich aus und überhäufte mich mit Schmähungen, weil ich seinem Anspruch an Patriotismus nicht genüge. Max Schippel hat vor Jahren melancholisch über gewisse Parteidiskusstonen geäußert, sie sängen bei der Weltanschauung an und endeten in der Gosse. Antisemitische Darlegungen wie die Winnigs bleiben von vornherein der Gosse treu. Ich verzichtete selbstverständlich, denselben Ton anzuschlagen, und sandte der „Glocke" beifolgende kurze Erwiderung, die bemüht ist, das sachliche Ergebnis der Debatte herauszuarbeiten.