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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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wahrhaftem Dienst an der Kultier unserer Zeit sich vereinen, sich versöhnen, müssen an der Welt der Gedanken wirken, nach denen unsere brutal ernüchterte Periode verlangen muß. Der Sabbat B'reschith eröffnet somit wieder die Arbeit im Interesse des alten, ewig sich verjüngenden Judentums, er richtet seinen Appell an uns, alle 'Kräfte zu sammeln im Brennpunkte unserer uralten Ideale. Wir bedürfen der großen Forschungsinstitute, die, im Rahmen einer jüdischen Akademie zusamm-engefaßt, der absoluten Idee der jüdischen Wissenschaft und ihren vielgestaltigen Zweigen gehören. Wir brauchen nicht minder die Volkshochschulen, die Verbände und die Vereine, die sich zusammentun, um die Ergebnisse jüdischer Wissenschaft in edelstem Sinne zu popularisieren; wir können der stillen Arbeit nicht entraten, die von dem LiteraturvereinSverbande und all seinen Gliedern ausgeht. Wir rufen insbesondere die jüdischen Jugendvereine und ihre Institutionen auf, wirksam uns zu unterstützen in unserem Kampf für Verbreitung jüdischen Wissens, für die Erneuerung der alten Begeisterung und Treue gegen das Judentum. Die Jugend ist unser Schicksal, unsere Zukunft. Keine Last ist breit und groß genug, um ihre Herzen ganz zu erfassen für wahrhaft jüdisch-religiöse Ideale, Die jüdische Studentenschaft wird, so hoffen wir, in diesem allgemeinen Streben nicht zurückbleiben und nicht bloß „Tendenz" lehren, sondern das Gold dort schöpfen, wo es zu finden ist, am Quell des Judentums. Wir gehen alle einen schweren Weg; Bereit sein aber ist alles. Verschmähen wir die Opfer an Zeit nicht, die freilich die Beschäftigung mit unserer eigenen Weisheit erfordert, verabsäumen wir aber auch nicht, Opfer an Geld und Gert zu bringen für unsere Ideale, denn diese Saat wird reiche und reife Frucht kragen. Das ist der Sinn dieser unserer Festeszeit, die uns in dem Willen bestärken will, als Gottesvolk den alten Ruhm zu neuen Ehren zu bringen, nämlich zu sein und zu bleiben das Volk des B u ch e s. Dir Woche, B e r l i n, 13. Oktober 1919. fl angsam und zögernd noch beginnen in dem allgemeinen 2^* Rachennd Haßgeschrei doch auch schon Stimmen der Versöhnung und der Wiederannäherung der Völker mitzuschwingen. Das heilige Herdfeuer der Menschheit, das die erlesensten Geister auch in den schlimmsten Irrungen und Wirrungen der Völker treuliche gehütet haben, darf nicht zum Erlöschen kommen. Und gerade der von den internationalen Lobrednern des extremen Nationalismus gepredigte Judenhaß läßt nicht zum wenigsten die Erkenntnis reifen, daß der bisher beschrittene Weg, der, nach Grillparzer, von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität geführt, die Menschheit an den Rand des Verderbens gebracht hat. In Berlin hat sich, wie bereits mitgeteilt, die „Deutsche Gesellschaft für staatsbürgerliche Erziehung" gebildet, deren Arbeitskomitee die angesehensten -Gelehrten und bedeutendsten Philosophen Deutschlands angehören. Ein von ihm jüngst veröffentlichter „Aufruf an das amerikanische Volk", der u. a. von 300 deutschen Bürgermeistern unterzeichnet ist, wendet sich insbesondere gegen die schmählichen Judenpogrome in Polen und fordert alle Gleichstrebendett zur Unterstützung des kürzlich in Holland gegründeten „B u n d e s der Weltbürger" auf, der eine internationale Einheitsfront aller Menschen ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens bilden will, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, die Menschheit aus dem Sumpf von Haß und Wahnsinn, in den sie hineingevaton ist, wiederherauszuführen. Eine nicht minder erfreuliche Absage erteilt den unentwegten Rachennd Haßpolitikern der vor ungefähr Jahresfrist von Dr. Bruno Wille und einer Reihe von gleichgesinnten, hochangesehenen Männern gegründete „Dolkskraft-Bun d", der schon eine Reihe von- Publikationen im Sinne einer Verständigung der Völker, Rassen und Konfessionen herausgegeben hat und in Heft 25 feines Organs einen Aufsatz „Menschenhaß" von Robert Schmidt veröffentlicht, der die skurrilen Rassentheorien der Antisemiten auf das wirksamste widerlegt. Daß der Gedanke einer Internationale der Menschheit durch die schlimmsten Haßausbrüche des Krieges nicht gänzlich erstickt Wochen ist, beweist der von uns jüngst wiedergegebene Aufruf, den eine Reihe hervorragender Gelehrter und Politiker F r a n k r e i chs vor wenigen Wochen erlassen hat, um tot Namen des Menschheitsgewissens und der moralischen Verantwortung des einzelnen Menschen gegenüber seinen Mitmenschen g e g e n d i e S cha nd e d e r P o g r o m e Einspruch zu erheben. Der Aufruf ist u. a. unterzeichnet an erster Stelle von Anatole France, der damit sein schönes Bekenntnis aus der Zeit des Dreyfus-Prozesses wiederholt: „Kann die Liebe zum Vaterlande und die Liebe zur Menschheit nicht in ein und demselben Herzen erglühen?" Me innig berührt sich doch dieses Wort mit der Auffassung des großen Dentsch^Schweizers Gottfried Keller, für den es sich ganz von selbst verstand, „daß alle tüchtigen und offenherzigen Leute sich gegenseitig gut sind, daß die Gleichgesinnten zusammenwirken, daß man sich hilft, wo man kann, sich duldet und seine Meinungen liebevoll austaufcht". Der oben erwähnte Aufruf der „Deutschen Gesellschaft für staatsbürgerliche Erziehung" an das amerikanische Volk hat auch schon gewirkt. Der Wiener Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika, Mister H a l st e n, hat mit Rücksicht ans die angekündigten Pogrome auf die Juden in Wienim Aufträge seiner Regierung den österreichischen Staatskanzler Renner warnend aus die Folgen solcher Geschehnisse in den zukünftigen Beziehungen zwischen beiden Ländern hingewiesen; er würde es bedauern, wenn solche Ereignisse -einträten, „weil sie die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten gegen Deutsch-Oesterreich beeinflussen müßten". Die antisemitis ch e Presse ist natürlich schnell fertig mit ihrem Urteil: „ Iud e n in a ch e "; durch eine solche Aktion wäre, wie z. B. der „Reichsbote" geschmackvoll hierzu bemerkt, „nur der Verdacht verstärkt, daß die Entente den jüdischen Machenschaften noch weit mehr verdankt als nur die tatkräftige Förderung der Revolution". Wer freilich von der fixen Idee beherrscht wird, daß der Krieg »und die Revolution nur eine Mache des internationalen! Judentums seien, hat von internationalen Zusammenhängen in Wirklichkeit nicht eine blasse Ahnung. Daß die nächste Zukunft, ja, überhaupt die ganze Existenz Deutsch-Oesterreichs zu einem sehr beträchtlichen Teile von den werktätigen 'Sympathien Amerikas abhängt, wird diesen ewig Blinden niemals .einleuchten. Die erste Hilfe in den schweren Ernährungsnöten Deutsch-Oesterreichs ist von 'Amerika gekommen; auch heute noch wird Deutsch-Oesterreich fast ausschließlich von Amerika mit Lebensmitteln versorgt. Es brauchen nur die Ernährungs-' tvansporte eingestellt zu werden, und Deutsch-Oesterreich ist in drei Monaten glatt erledigt. Diese nationalistischen Jeremiasse wehklagen und jammern, daß ein Bismarck uns gefehlt hat; sie selber verkörpern aber gerade denjenigen Typus des Deutschen, von dem Bismarck mit Recht gesagt hat: „Uns Freunde in der Welt zu machen, verstehen wir nicht!" Es fehlt ihnen jegliche Empfindung dafür, wie sehr sie durch solche Ausbrüche mittelalterlicher religiöser Unduldsamkeit und durch Rassenhochmut gerade diejenigen ehemals aus Deutschland und Oesterreich deswegen ausgewanderten und vertriebenen Juden des feindlichen und neutralen Auslandes vor den Kopf stoßen, die aus warmer

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