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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 470

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 470 (sequence 2)
Language
German
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- 470 Rüben, Gad nn-b Halb-Manasie vor den Meister hin und baten, sich - von ihrem Standpunkt aus - „diesseits des Jordan" ansiedeln zu dürfen. Als dann das babylonische Exil durch die königliche Erlaubnis, nach Zion zurückzukehren. beendigt wurde, waren es im ganzen nur 42 000 Personen^ die in das gelobte Land zurückwanderten. Ein großer Teil verblieb im persischen Reich, da er sich von 'der neuen Heimat nicht trennen konnte. Und heute das gleiche Bild: Ein Teil unserer Glaubensbrüder kann vor Ungeduld den Augenblick nicht erwarten, wo er — um mit Jehuda Halevi zu singen - „den Boden von Erez Jisroel küssen" darf, während ein anderer „diesseits des Jordan" bleiben möchte. Ter Jordan ist mehr als eine geographische Grenze, er ist eine seelische Schranke, er versinnbildlicht das Heute und Morgen, diese beiden Ufern, zwischen denen die jüdische Seele hin und her wogt. Im Juden liegt ein Doppeltes: die Sehnsucht nach einer, märcheckhaft schönen Zukunft, nach einem „Land, das von Milch und Honig überfließt", und die konservative Treue zu einer weniger schönen Gegenwart, zu einem „diesseits des Jotdan". Diesseits- und Jenseitsmenschen sind wir Juden, und darin haben wir auch die Erklärung für eine augenfällig? Erscheinung unserer Tage, daß Juden bald an der Spitze des Kapitalismus marschieren, bald an der Spitze des Kommunismus stehen, daß sie bald nüchtern wägende Rechenmaschinen, bald hinreißende Sänger begeisternder Zukunstslieder sind. Dieser Dualismus verbietet jeden Kampf darum, ob nur die eine oder die andere Seite ihrer Erscheinungsform die allein berechtigte sei. Und so verläßt uns dieser freund mit halber Hoffnung. Ein kleines Wortgeplänkel gibt es noch mit dem letzten der Freunde, dem Sch'mini Azereth. Er ist Skeptiker, „alles ist ihm eitel", nichts läßt er vor seinem zersetzenden Wort bestehen. Und wenn auch der Zweifel seine Daseinsberechtigung hat, wenn er auch mit hineingehört in unser Leben, so wollen wir doch anderseits die Frage, die wichtige, nicht unberührt lassen: „Kommen wir mit dem Zweifel vorwärts, kann durch ihn unser Leben geheiligt, verklärt, überwunden imb erhöht werden?" Nein! Nur Simchat Thora, „die Freude an der ewigen Wahrheit", die Begeisterung für das Unvergänglich-Ideale können uns höher und höher führen. Mit dieser Erkenntnis eilen wir zum Schlußfest hinaus in das Leben, nicht um das Ideale herunterzuzerren und dem Leben anzupassen, sondern um das Leben hinauszuziehen und den Idealen gleichznformen. Das Volk des Luches. (Zum Sabbat B'refchith.) Bon Tr. Liegfrid Behrens sGvttingen). ^^ie Völker des Erdballs haben ihre Schicksale, ihre großen Stunden. Sie erfahren Epochen des Aufstiegs und des Niedergangs. Sie werden bestimmt von der Treue, die sie ihren Idealen wahren, von der Kraft, mit der sie der Idee der allgemeinen Kultur dienen, von der Einsicht, daß die Menschlichkeit den nationalen Gedanken umspannt und überhöht. Diese Gewissenspflicht ist entscheidend für den Gang der Geschichte, in der sich Weltgeschichte und Weltenlauf auswirken, um dem Geist ewiger Ziele zu gehorchen. Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg im Menschenherzen durch die Kritik ihres selbstsicheren Urteils, durch den entschlossenen Willen, mit dem sie die Menschengeschlechter zu den höheren Sphären der fortschreitenden Gesittung emporhebt, durch den Reichtum des Lebens, der zu bedeutsamer Verantwortung die Menschenkinder erzieht. Dieser Weg führt vorüber an tausend Gefahren und unermeßlichen Abgründen, an Leiden unh Schmerzen, die der Tragik unseres Wandels die Weihe zu geben vermögen. Keine Geschichte gibt es, die nicht durchrauscht wäre von diesen ernsten Erwägungen, keine Weisheit, die an diesen Erscheinungen achtlos vorübergehen könnte. Die Feste Israels, deren Heiligkeit und Hoheit uns in den letzten Wochen umrauschte, sind bedingt durch diese Erwägungen. Sie erinnern uns, daß wir unseren Weg mit seinen Prüfungen nur überwinden, solange wir uns überzeugt halten, das Volk desBuches zu sein, solange dm Thora als Mittelpunkt unseres Denkens, unserer inneren Arbeit, unserer religiösen Schöpfungen, sich unter uns behauptet. Das Wort: Habent sua fata libelli — Die Bücher haben ihre Schicksale — findet seine ergreifende Bestätigung durch die Geschichte unserer Gemeinschaft. Sie ist in allen ihren Ausstrahlungen beeinflußt durch das Wort des Ewigen, durch feinen die Jahrtausende umfpannenden Gedanken: „Es werde", durch die schöpferische Eigenart seines Geistes, die noch immer die wirksamsten Antriebe in unser Leben aussendet. Diese Einsicht begegnet uns in dem Wetteifer, den die Auslegung des Gotteswortes in den jüdischen Hochschulen aller Zeiten geweckt und gefunden hat, in dem lebendigen Interesse, das die Forschung in allen gesitteten Landen gerade den literarischen und sprachlichen Denkmälern der Bibel mit stets sich erneuernder Teilnahme der breiten Massen zugewendet hat. Damit nicht genug. Bis auf den heutigen Tag ist die geistige, die seelische Heimat der Brbel, das Land Israels, der Schlüssel des Kampfes um die Weltherrschast. Würden wir jemals an dem Willen irre werden, das Volk des Buches zu sein, die Welle der Geschichte müßte uns mit unerbittlicher Gerechtigkeit hinwegspülen. Denn in dieser Welt wird die Gemeinschaft entwurzelt, die, in der Untreue gegen ihr Ideal, ihre Wesenhaftigkeit, ihr Daseinsrecht verwirkt hat. Wir rechten heute nicht mit den Erscheinungen, die uns Pessimistisch stimmen könnten. Das Schiff muß stärker gezimmert sein als die Wogen, die es zerstörungswülig umbranden. An diesem Sabbat B ' r e s ch i t h lebt dieser Glaube in Tausenden von Menschenseelen. Sie halten fest an dem alten jüdischen Optimismus, der sich gerade am Schicksal der Thora befestigt hat. Sie schlagen das Gottesbuch auf, das gerade auf den ersten Seiten den Geist Israels mit den ältesten Ueberlieserungen des Menschengeschlechts wundersam vermählt hat. Dieser Vorstellungskranz läßt sich nicht in Fesseln und Dogmen schlagen, er öffnet der breitesten Entwickelung menschlicher Anschauung und religiöser Gedankenrichtung hellsichtig seine Pforten. Dieser Strom, der einst von dem Gottesgarten Edm ausging und sich nach mannigfaltigen Himmelsrichtungen reckte, rauscht noch immer in gewaltigem Lauf dahin und befruchtet die User und bereitet mit Siegesgewißheit den Geistesfrühling, den die sehnende Menschheit in jeglichem Geschlecht erstrebt. Der' Sabbat B'reschith will also in höherem Sinne das religiöse Erlebnis des biblischen Wortes in uns erneuern, will uns wieder in Zusammenhang setzen mit unserem alten Berus, der uns auf die alte, nicht einmal von uns allem beanspruchte Bezeichnung des Volkes des Buches verweist. Doch man soll die Bücher lesen und nicht loben. Was nützt die stolzeste Bezeichnung unseres geschichtlichen Berufs, unseres geistigen Ringens, wenn wir uns nur auf die Bücherweisheit beschränken würden, die das Leben nicht kennt oder nicht zu kennen vorgibt. Wir nähern uns damit der alten Frage, die uns aus unserem Schrifttum bekannt ist, ob wichtiger sei und wurzelhafter die Tat oder die Forschung. Bedarf es für das Judentum des Nachweises, daß die Weisheit des Buches wirksam gemacht werden muß durch die sittliche Tat, die allein unserem Dasein, nicht zuletzt unserem religiösen Son-derdasein erst die Berechtigung in der Welt erzeugt? Diese Tat und diese Weisheit müssen sich die Hand reichen und zu

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