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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SZ. Jahrgang. Nr. 42 Bertin, 15. Oktober 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ZTL — Postscheckkonto 324. Begründet von * Rabbiner Dr. L ud wigPhilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse Berlin. fl tlft & f t* Betrachtungen 'zum Schlurfest. Von Rabbiner Dr. Gelles (Ltssa i. P.). — Das Volk des Buches- Von Dr. Siegfried Behrens (Göttingen). — Die Woche. — Iakeb Guttmann. Von Dr. Willy Cohn (Br-eslau). — Tie La-ge der Juden in Pulen. Vrm Elias Nacht (Berlin). — Kulturelle und religiöse Kämpfe. — Alexander Heinemann. Aus Ludwig Geigers Nachlaß. — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Von Sam u e l Messel. — Jiskorl Von Henriette Hirschberg. — Büchereinlauf. Der Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Juveirtums"): Berlin. Breslau, Stettin, Hattingen (Ruhr), Frankfurt a. M., Mainz, London. Von Nah und Fern. Betrachtungenzum Schluhkelt. Von Rabbiner Dr. Gelles (Lissa i. P.). n jenem Bilde, das der Prophet Jesaja von einer \ Menschheit, der messianischen, zeichnet, löscht die Hand i des Künstlers das Schwert aus und setzt an seine Stelle den Pflug. Der begeisterte Gottesseher begnügt sich nicht damit, dem Krieg die Daseinsberechtigung in einer höheren Menschheit abzusprechen, er verurteilt gleichzeitig die damals herrschende Lebensanschauung, die nur ein Wechselspiel des blutdürstigen Schwertes und des friedlichen Palmenzwnges kannte. Ihm ist der Frieden nicht j-ene Tatenlosigkeit, wie sie im Palmenzweig symbolisiert wird, dazu verurteilt, jeden Augenblick vom Schwert überfallen werden zu können. Der Frieden ist ihm Anspannung aller Kräfte und ihre Verwendung zum Besten aller Menschen. Der Frieden ist ihm Arbeit, Pflicht und Aufgabe. Und das Symbol dieses Friedens ist der Pflug. Wir spüren es, daß dieses Mal der Frieden so ganz anders ist als ehedem; denn erhoben hat sich aus feinem Scheintod der Genius -des Judentums, um sich über die ganze Menschheit zu ergießen. Er hat uns das Schwert aus der Hand genommen, um uns hinter den Pflug und vor die Arbeit zu stellen. Er' ist es, der uns zürnst: „Höret, ihr Menschen, der Frieden ist wehr als eine Ruhepause des Schwertes, der Frieden ist mehr als die bloße Verneinung des Krieges, der Frieden ist die Versöhnung und der Ausgleich. Wie der Pflug noch nicht die Ernte ist, sondern nur der Weg zu ihr, so ist die Waffenruhe noch nicht der Frieden, sondern nur ein Mittel, um ihn herzustellen. So seid denn Pflüger des Friedens. grabet den Acker eures Herzens um, senket tief hinein die Saat der Aussöhnung, und reiche Ernte wird der Lohn eurer Mühe sein." Diese Gedanken wollen sich gerade am Schlußfest unserer Seele tief einprägen. Schicken wir uns doch an, nach den Tagen andachtsvollen Gottessuchens auf den Kampfplatz des täglichen Lebens zu eilen. Noch einmal drücken wir im Geist den Festtagen wie guten Freunden rasch die Hand; noch rinmal blicken wir einem jeden von ihnen tief durchs Auge auf den Seelengrund, ehe wir für ein ganzes Jahr Abschied nehmen. _ . . Da ist es zunächst Rosch haschana, dem unser Scheidegruß gilt. Ein Freund ist er, wie wir ihn in unserer Zeit besonders nötig haben. Wenn auch auf seinen Stimmbändern eine leise Träne vibriert, so weiß er doch das furchtsame Gefühl der Ungewißheit der Zukunft durch seinen hoffnung'sfrohen Glauben zu überwinden. Er ist ein Optimist vom reinsten Wasser und stärkt uns den Willen, unseren Wünschen, unseren Idealen mit unbeirrbarer Sicherheit nachzugehen. Er erinnert uns an ein Bild, das die Kunst der Heiligen Schrift in unerreichbarer Vollendung gezeichnet hat: Elisa ging gerade hinter dem Pflug her, als ihn sein Meister Elijahu zum Propheten salbte. Nie hat schwerste Arbeit und höchster Glaube eine innigere Verschmelzung gefunden als in diesem Gemälde. Und so heißt sein Scheidegruß :„Arbeitet und glaubet." Nach ihm verabschieden wir uns vom Versöhnungstag. Wahrlich, ein väterlicher Freund, bekümmert um das Heil unserer Seele, mahnend und warnend, wenn wir die vorgeschrwbene Linie verlassen. Wenn er uns mit dem feierlichen Lied „Kol Nidre" begrüßt, dann drängt sich unwillkürlich ein Bild vor unsere Seele, das uns das Zweite Buch der Könige schildert: Elijahu und Elisa standen an den Fluten des Jordan und in einiger Entfernung von ihnen fünfzig Prophetenjünger. Plötzlich fuhr ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen vor, Elijahu legte seinen Mantel ab, stieg in den Wagen und fuhr im Sturmwind gen Himmel. Auch unsere Seele steigt bei den feierlichen Klängen des „Kol Nidre" auf den Schwingen der Andacht himmlischen Höhen zu. Aber im Gegensatz zu Elijahu ist uns, als müßten wir unseren Mantel, unsere Lebenshülle, unser Lieben und Leiden, unser Hoffen und Harren, unser Sehnen und Entsagen, unsere Pflichten und Sorgen mit hineinlegen in den feurigen Wagen, mit hinaussühren an das göttliche Ideal und ihm die Frage vorlegen: „Kann vor dir bestehen, was unser Leben mit sich brachte?" In dieser Frage liegt alles, wozu uns dieser Freund erziehen will. Sie ist der volle Inhalt seines unvergeßlichen Blickes, mit dem er uns noch nachschant. Unter dem Eindruck dieses ernstesten aller Freunde stehen wir noch, da naht sieb uns ein Landsmann, ein Freund aus frühester Jugend mit Grüßen aus der alten Heimat: das Laubhüttenftst. Feststraub und Laubhütte, Blumengrüße und Symbole bringt er uns aus dieser alten, lieben Hnmal. Er ist dieses Mal besonders fröhlich. Hofft er doch, daß wir nun mehr in das „Land der Väter" znrückwandeen werden. Aber geschichtliche Wahrheit zwingt, seinen Kelch der Freude mit einem Tropfen Wermut zu mischen. Gewiß, es ist das drittemal, daß Palästina' den Söhnen Jakobs seine Tore öffnet, aber es ist auch das drittemal, daß sich der Dualismus der jüdischen Srele offenbart. Als unsere Väter noch unter Mose durch die Wüste zogen, traten die Stämme

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