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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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auf den Sarg, als letzter - Gruß derer, die den Toten geliebt und verehrt hatten. s/D Lemvelbura. 3. Oktober. In einer erhebenden Weise hat die Synagogengemeinde am 24. v. M. in dem blumengeschmückten Tempel das fünfzigjährige Amtsjubiläum ihres Predigers, Herrn Lion Wolfs, gefeiert. Nachdem der Jubilar das abgelaufene tieftraurige Jahr geschildert und das neue Religionsjahr begrüßt, hielt er eine kurze Rückschau auf seine fünfzigjährige amtliche und literarische Tätigkeit. Nach Schluß der Predigt bestieg der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Le i b ho l z, die Kanzel und feierte den Jubilar in einer ergreifenden Ansprache und verkündete nach der Verlesung einer Dankadresse den einstimmigen Beschluß des Vorstandes und sämtlicher Mitglieder (auch der Damen), innerhalb der Gemeinde eine „Predigcr- Lion-Wolfs-Stiftung." zu errichten, über deren Zinsen der Jubilar zu wohltätigen Zwecken bestimmen soll. Die namhafte Summe als Ergebnis der Sammlung übergab der Redner dem Gefeierten in einem Sparkassenbuch. Auf diese schöne Meise wird das Andenken des Jubilars dauernd in der Gemeinde erhalten. Ehre der kleiner! Gemeinde und ihrem greisen Beamten! Halle (Saale), 3. Oktober. Die antisemitischen Zeitungen lügen nicht nur „wie gedruckt", sondern sie verbreiten auch ihre Lügen durch den Druck und finden Gläubige genug, denen die Druckerschwärze gewaltig imponiert. Dies gelingt ihnen um so mehr, da niemand sie zwingt, ihre Lügen zu berichtigen, und äußerst selten kommt es vor, daß eine durch irgendeine jüdische Organisation erzwungene Berichtigung in unab geschwächter Form den Lesern dieser Blätter wiedergegeben wird. Zu dm vielen antisemitischen Lügen gestellt sich nun die folgende, die die „Hallesche Zeitung" verbreitet. In der Ausgabe vom 26. September bringt das genannt^ Blatt folgende Notiz: „Verbände der „deutschen Juden." Zentralivetcin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens; Deutsch-Israelitischer Gemeindebund; Zionistische Vereinigung für Deutschland; Großloge für Deutschland U. O. B. B.; Jüdischer Frauenbund; Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands; Bureau für Statistik der Juden; Kartell jüdischer Verbindungen; Kartell-Konvent; Verein zur Abwehr des Antisemitismus; Kriegshilfsausschuß der Berliner Logen; Verwaltungsstelle sür Logenangelegenheiten, Potsdamer Ltraße 40 („Berliner Tageblatt"-Gründung). Alle diese Vereine unterstehen wieder der Großen Zentrale in Paris „Alliance Israelite" (Weltbund der Judenschaft). Wann werden wir endlich alle Deutschen zu einem Nationalverein vereinigen, um als 60-Millionen-Volk der halben Million Juden gewachsen zu sein, nachdem es jetzt offenbar ist. daß wir in sklavische Abhängigkeit nicht nur der Entente, sondern der Judenschast insbesondere geraten sind. Das Unternehmerkapital wird zerstört! Die Milliarden des jüdischen Leihkapitals fressen weiter unsere produktive Arbeit!" Es verlohnt nicht, auf die Notiz näher einzugehen; wir möchten nur kurz bemerken, daß wir unter den aufgezählten jüdischen Vereinigungen, von denen die letzte vollständig erdichtet ist, noch gar viele vermissen, so auch den noch zu gründenden „Verband der Vereine zur Bekämpfung antisemitischer Dummheit und Verlogenheit".. — Stuttgart, 3. Oktober. Sämtlichen israelitischen Kirchengememden Württembergs ging von der israelitischen Oberkirchenb-ehörde in Stuttgart der Entwurf einer Verordnung betreffend die Einberufung einer israelitischen ^andeskirchenversammlung zu. Der Entwurf war von erner besonderen Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Engeren und Weiteren Rates, der Oberkirchenbehörde und einem Vertreter der Lehrer und Vorsänger, ausgestellt und nach einigen Aenderungen vom Weiteren Rat gutgeheißen und durch die württembergische Staatsregier-ung genehmigt worden. Der 8 1 des Entwurfs bestimmt Näheres über den Zweck der Landeskirchenversammlung; er 'lautet: -Zur Neugestaltung der Kivchenverfassung der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg wird eine israelitische Landeskirchenversammlung berufen, die nur diese gesetzgeberische Aufgabe bat. Ihre Tätigkeit endigt mit dem Zeitpunkt der Genehmigung der von ihr beschlossenen Kirchenverfassung." Nach § 2 besteht die Landeski rchenversammlung aus 17 Abgeordneten, und zwar aus 15 Abgeordneten der Wahlbezirke, aus einem Vertreter der Rabbiner und eurem Vertreter der Vorsänger und Religionslehrer. In K 3 wird dae Wahlverfahren nähxr angegeben. Im allgemeinen sind die Vorschriften in den 8Z 62 bis 64 der Kirchenverfassung maßgebend; hierzu kommen nur einige formelle Steuerungen. Vielfach!' war die Einführung der Verhältniswahl gewünscht worden. In der Begründung ist ausführlich dargelegt, warum von diesem Wahlverfahren abgesehen worden ist. Die Proporzwahl setzt eine Parteiorganisation voraus, daran fehlt es ah*x bis jetzt, denn die einzelnen religiösen Richtungen kann man nicht gut als solche ansehen. Me aber richtig erwähnt, „ist eS nicht wünschenswert, daß sich auf dem kirchlichen Gebiet die Parteien schroff absondern". Die Zusammensetzung der einzelnen Wahlkreise bürgt dafür, daß, wie bisher, im Weiteren Rat so auch in der kommenden Landeskirchenversammlung sowohl Orthodoxie wie auch Liberalismus vertreten sein werden, ohne daß es zu einem Wahlkampf mit seinen üblen Auswüchsen kommt. § 4 betrifft Wahl eines Vertreters der Rabbiner und eines solchen der Vorsänger und Religionslehrer; er lehnt sich an 8 59 der Kirchenverfassung an und entspricht einem Wunsche beider Stände. Eine grundlegende Aenderun'g bringt 8 5 des Entwurfs. Er lagt-et in> Absatz 1: „Das Wahlrecht steht den männlichen und weiblichen Mitgliedern, der Kirchengemeinden zu, welche am Wahltage das 21. Lebensjahr zurückgelegt haben. Die Wählbarkeit erlangen sie mit Zurücklegung des 25. Lebensjahres." Schon bei den im Dezember vorigen Jahres stattgefundenen Wahlen zum Miteren Rat ist der Ruf nach dem Frauenwahlvecht laut geworden. In richtiger. Einschätzung der Lage hat man ihm jetzt auch Folge gegeben. Der Entwurf zeigt, daß die Oberkirchenbehörde bestrebt ist, den ntznen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Es ist zu hoffen, daß die endgültige Festsetzung all dieser Bestimmungen nicht mehr allzu lange auf sich warten läßt, so daß bald an die Wahl der Landeskirchenversammlung gegangen werden kann, welche ihrerseits wieder die bisherige Kirchenv-erfassung der Zeit und den Wünschen der Beteiligten entsprechend tunlichst bald ändern möge. LkuM-SrÜerrkick. z. Wien, 3. Oktober. Am 25. v. M. fanden in der Volkshalle des Rathauses und vor dem Rathause Versammlungen statt, d'e vom Deutschen Volksrat einberufen waren und die Ausweisung der aus Ostgaliziew stammenden Fremden verlangten. In der Voltshalle sprach zunächst der Obmann des Deutschen Volksrates. K lekler, der die Behauptung zurückwies, die Versammlung habe monarchistische Tendenzen. Auch sei nicht beabsichtigt, eine Pogromstimmung gegen die Juden einzuleiten. Die Verhandlungen mit der Entente wegen der Kohken- und Nahrungsmittel-schwierigfeiten. sagte der Redner, zwingen uns zur Zurückhaltung, zumal die Entente erklärte, sie würde, wenn es hier zu Unruhen komme, keine Lebensmittel senden. ' Aber aufgeschoben ist nicht ausgehoben, und wir werden uns am 5. Oktober wieder hier versammeln. Abgeordneter Tr. U r s i n n verwahrte sich desgleichen dagegen, daß die Versammlung einen Monarchistenputsch einleiten solle. In Deutschland habe er gesehen, daß sich dort ein großer Umschwung vorbereite. Man hat dort den Kommunismus und Sozialismus schon satt und sagt, daß, wenn bei einer Volksabstimmung die gesamte Nation auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes die Monarchie verlangt, diese auch wieder erstehen wird. Der Redner führte weiter aus, es müsse ein Unterschied zwischen jenen Juden gemacht werden, die vor dem Kriege hier waren, und jenen, die später eingewandert sind. Sodann wurde eine von dem Obmann des Rerchsverbandes deutscher Postler,. Pogatschn i g g, beantragte Entschließung angenommen, welche die sofortige Durchführung der Verordnung der Landesregierung vorn 9. September und die Abschiebung der Fremden, die nicht das deuitschösterveichische Staatsbürgerrecht besitzen, bis längstens 5. Oktober verlangte. Nach der Versammlung formierten sich die Teilnehmer zu einem Zuge und wollten in der Richtung gegen die Votivkirche ziehen. Die Reichsra-tsstvaße und die Rathausstraße waren aber von der Polizei abgesperrt. Zuerst vermochten die Versammlungsteilnehmer, unter die sich, nachdem die abendliche Dunkelheit angebrochen war, auch zweifelhafte Elemente gemischt hatten, unter Pfuirufen und Rufen, wie: „Nieder mit der Judengarde!", „Judenwache!" usw., den Kordon zu durchbrechen. Besonneren Elementen und dem Zureden der Wacheoffizrere gelang es, die Demonstranten von Ausschreitungen abzuhalten, und schreiend und lärmend wälzte sich darauf die Menge zur Landesgerichtsstraße. Dort gelang es deutschnationalen Studenten, eine teilweise Ordnung in den Zug zu bringen. Nationale Lieder singend, zogen die Demonstranten an

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