Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Gruno öie (£>f t> id>l>ereckt:ouna oenutzen. 2>e tragen, welche die jüdische Gemeinde beivegen, sind Teilsragen des jüdischen Problems in der ganzen Welt. Unter lebhaftem Beifall der Versammlung konnte der Redner mitteilen, daß die größte Wahrscheinlichkeit besteht, daß die Regierung dem Anträge des Neuen jüdischen Gemeinde Vereins entsprechend den Kriegsteilnehmern das Wahlrecht gewähren wird. Auch das Frauenwahlrecht wird erreicht werden, wenn die jüdischen Frauen es-einmütig fordern. Mit der Einführung des F r a u e n w a h l r e ch t s allein ist für die Frauen die Gleichberechtigung, in der Gemeinde noch keineswegs durchgesührt. Da die meisten Frauen in ihrer Eigenschaft als Ehefrauen oder Töchter keine Steuern zahlen, müssen sie darauf bestehen, daß der § 41 des Judengesetzes, der das Wahlrecht von der Steuerleistung abhängig macht, endlich aufgehoben wird. Für die bevorstehenden Wahlen erwächst den Frauen die Pflicht, für diejenigen Kandidaten einzutreten, die für das Frauenstimmrecht und die Abschaffung des Wahlrechts kämpfen. Die Pflichten der jüdischen Frau in der Gemeinde erläuterte Frau Siddy Wronsky, die ein umfassendes Programm für die sozialpolitische Arbeit der Gemeinde entwiekelte; sie verlangte intensive Mitarbeit.der Frau auf allen Arbeitsgebieten der Gemeinde. Insbesondere forderte sie weiblichen Einfluß in den Erziehungs- und Wohlfahrtskommissionen und verwies auch aus die Bedeutung der Frau für die Erhaltung und Belebung religiöser Formen. Unter lebhaftem Beifall wurde die gutbesuchte Versammlung geschlossen. 22 Berlin, 6. Oktober. Der Jüdische Schulverein plant für Ende Oktober d. I. die Errichtung eines hebräischen Sprachieminars i:: Berlin. An ihm sollen hebräische Sprachlehrer und -lehrerinnen für die Unterrichtstätigkeit im Galuth ausgebildet werden. An systematisch geschulten Lehrern der hebräischen Sprache herrscht ein so katastrophaler Mangel, daß dieser Beruf nicht nur aus Gründen jüdisch-völkischer Notwendigkeit sich empfiehlt, sondern auch, weil er eine gesicherte Stellung und dankbare Arbeit verspricht. Daneben kommt das Seminar für solche in Betracht, die ihren Beruf (als Lehrer für allgemeine Fächer, als Beamte nsw.) für Palästina hebraisteren wollen. Der Unterrichtsplan umfaßt Bibel, Neuhebräisch, Grammatik, Ausbildung im mündlichen und schriftlichen Gebrauch der' Sprache. Die Unterrichtssprache ist im ersten Semester teilweise, später ausschließlich Hebräisch. Aufnahmebedingung ist mindestens die Fähigkeit, eine einfache Bibelstelle verstehen zu können. Sehr erwünscht ist auch die Anmeldung weiter Fortgeschrittener, da gegebenenfalls für diese sofort eine höhere Stufe errichtet werden soll. 10 Wochenstunden Unterricht, monatliches Schulgeld 15 Mark. Die Ausbildung dauert 2 bis 2% Jahre. Der Besuch der Anstalt läßt sich mit dem Universitätsstudium und mit anderer beruflicher Beschäftigung verbinden. Umgehende Anmeldung an das Hebräische Sekretariat, W 15, Sächsische Straße 8, erbeten, mit Angabe der Vorkenntnisse und der gewünschten Unterrichtszeit. Unverbindliche Beratung beim Sekretariat, bei Dr. Schwabe, Südende, Potsdamer Straße 23 (Steglitz 90), und bei Dr. Smoira, Berlin UV, Württembergische Straße 26 (Uhland 6012). M. F. Tilstt, 3. Oktober. An den hohen Festtagen war unsere wegen Renovierung eine Zeitlang geschlossen gewesene große Synagoge ebenso wie der angrenzende Betsaal! wieder vollständig gefüllt. Bor dem Kriege, als der gesamte Holzhandel aus den russischen Wäldern, die jetzt zürn großen Teile abgeholzt sind, seine Makler bis tief aus Wolhynien in den Sommermonaten zur Uebermachung der Holzflößerei auf dem Memel-Njemen nach Tilsit sandte, gab es neben der Kreissynagoge in Tilsit auch eine Art Chassidimschul' — aber nur zu den hohen Festtagen, und von ihrem Unternehmer entsinne ich mich, in meiner Knabenzeit das Wort gehört zu haben: „Rußland wird noch zerstückt werden in Bröckelech." . . . Heute, nennt man diese „Bröckelech" — Randstaaten, und wenn der sonst bescheiden in Tilsit feinem Maklergeschäft lebende Unternehmer der „polnischen Schul" (wie wir als Kinder sie nannten) mit mir über eine der jetzt breiten eisernen Memelbrücken gehen würde, so würde er mit mir sicher darüber staunen, was für „Bröckelech" der Vertrag von Versailles auf dem vor der Abtretung an die Entente stehenden jenseitigen Memelufer bereits einzurühren beginnt. 'Die Ungewißheit über ihr zukünftiges Schicksal bedrückt auch die Stimmung unserer hiesigen Glaubensgenossen, die ja seit alters her die geborenen Vermittler des Grenzhandels sind. .Haben die Inden doch dem jetzt als Randstaat sich einrichtenden Litauen (dem das zaristische Rußland nur Bücher in russischer Schrift gestatten wollte) feit Jahrzehnten seine ganze Literatur aus Tilsit und Memel herübergeschafft, wo litauische Bücher in 'lateinischer Schrift hergestellt wurden. Die Verfasser dieser nationallitauischen Schriften mußten vielfach aus Rußland nach Amerika flüchten; in Plymouth in Pennsylvanien gründeten sie die Zeitschrift „Wienybe Lietuwainka" (Vereinigung der Litauer), während in Tilsit selbst die „Außra" (Morgenröte), die jetzt in Litauen sich ankündigende neue Zeit vorbereitete, die hoffentlich auch den Juden bald feste, geordnete Existenzverhältnisse bringen wird. Tilsit selbst befindet sich in aufsteigender Linie; trotz aller Kriegsnöte gedenkt man, im Oktober festlich das 6 0jährige Bestehen der „Bürgerhalle" zu feiern, in dessen Sälen auch jüdische Vereine stets ein gastliches Heim gefunden haben. Da mehrere unserer Glaubensgenossen dem jetzt neugewählten Vorstand.der „Bürgerhalbe" angehören, so dürfte diese in ihrer Art vielleicht einzige Stätte edler, bürgerlicher Geselligkeit in ihrer Festschrift auch derjenigen längst dlahingeschiedenen Glaubensgenossen gedenken, die wie Rabbiner Salomon Friedeberg, Rabbiner Dr. Ehrlich, Kaufmann Louis Rosenberg, H e r r s che l u. a. in uneigennütziger Weise jahrzehntelang dem Wohle dieses für wahre Toleranz an der Ostgrenze wirkenden Vereins ihre Kraft gewidmet haben. W. Posen, 3. Oktober. Kürzlich ist hier nach einem einleitenden Vortrag des Herrn Oberkantors L i l i e n t h a l ein Gemeindebeamtenverein begründet worden. In der Gründungsversammlung ist folgende Resolution zur Annahme gelangt: 1. Die Beamter und Angestellten der Synagogengemeinde wollen als vollwertige Gemeindemitglieder angesehen und behandelt werden; demgemäß erwarten sie: a) daß allen Gemeindebeamten uneingeschränktes Wahlrecht zuteil wird, b) daß zu Beratungen und Verhandlungen über Beamtensragen fortan ein Vertrauensmann der Beamtenschaft hinzugezogen wird. 2. Die versammelten Beamten und Angestellten der Shnagogeugemeinde und der hiesigen jüdischen Kultus- und Wohlfahrtseinrichtungen erklären eine den wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung tragende Neuordnung der Besoldung mit Gültigkeit schon für das lausende Rechnungsjahr, desgleichen eine Ordnung sämtlicher Dertragsverhältnisse für dringend notwendig. 3. Der begründete Verein der Beamten und Vertragsangestellten der Synagogengemeinde Posen beauftragt seinen Arbeitsausschuß, im Sinne der zu 1 und 2 genannten Grundsätze bei den in Betracht kommenden Dienststellen vorstellig zu werden und der nächsten Vollversammlung über den Erfolg seiner Bemühungen zu berichten. Die Resolution wurde aus Grund des Referats einstimmig gefaßt. — Breslau, 3. Oktober. Die Neue Synagoge trug am vergangenen Mittwoch nachmittag ernsten Trauerschmuck. Schwarz umflort brach das düster abgedämpfte Licht der elektrischen Flammen über die versammelte Gemeinde; still harrte sie der Trauerfeier, die ihrem allverehrten Rabbiner Professor Dr. Guttmann galt. Ihm zu Ehren waren viele seiner Amtsgenossen aus der Fremde herbeigeeilt. An der Spitze der Trauerversammlung standen Vorstand und Repräsentanten der hiesigen Gemeinde und Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden: Vor der Kanzel aber war der Sarg des Verewigten aufgebährt. Orgeltöne füllten den Raum, und nachdem ein ernstes Lied verklungen war, betrat Rabbiner Dr. Sänger die Kanzel und hielt in herzenswarmen Worten seinem Lehrer und Meister die Gedenkrede. Lied und Orgelklang beschlossen die Feier. Ein unabsehbares Trauergefolge geleitete den Sarg nach dem Friedhof an der Lohestraße. In der Leichenhalle harrte wiederum eine große Menge, an ihrer Spitze der ehrwürdige Rabbiner Dr. Rosenthal, der seinem Amtsgenossen und Freunde treue Worte des Gedenkens widmete. Ihm folgten Dr. Paul Schottländer als Vertreter des Vorstandes und Professor Dr. Wohlan er, der die letzten Grüße der'Repräsentantenversammlung überbrachte. Und dann reihte sich Rede an Rede. So sprachen auch unter anderen Rabbiner Dr. Kopfstein im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes, Dr. Horowitz für das hiesige Jüdisch-theologische Seminar, Professor Dr. K a l i s ch e r (Berlin) für den D. I. G. B. und den Verband der Deutschen Juden und Professor Dr. Elbogen für die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Dann wurde der Sarg zu Grabe getragen, wo Justizrat G n m p e r t als Vizepräsident der Lessing-Loge dem geschiedenen Bruder Abschiedsworte darbrachte. Unter den Strahlen der untergehenden Sonne rollten die Schollen