Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 41 Der Gemetndevote. Betlase zur --Allgemeinen Leitung de§ Judentums SerUn, S. Oktober 1919 Hannover, Leipzig und Posen. Das Zusammenarbeiten mit den Provlnzarbeitsämtern war zum Teil ein sehr reges. Hauptsächlich korrrspondrn?kn und Nachrichten. Dnitschlslid. ■&&&• Berlin, 6. Oktober. Das Jüdische Arbeitsa m t <E. V.), Monbijouplatz 1, berichtet über seine Tätigkeit: Das Jüdi'sch-e Arbeitsamt ist aus der „Berussfürforgestelle für jüdische Soldaten", die Mitte Dezember 1918 gegründet wurde, -hervorgeganigen. Im Anfang beschränkte sich die Tätigkeit dieser Stelle auf die Beratung und Unterstützung der zürückgekehrten jüdischen Kriegsteilnehmer. Turch Persönliche Bemühungen bei den früheren Arbeitgebern der irriegsteilnehmer konnte in den ersten Monaten der Demobilmachung :n vielen Fällen ermöglicht werden, daß erwerbslose Kriegsteiilnehmer ihre alten Stellen wieder erlangten. Wo eine Wiedereinstellung weder durch Persönliche Fürsprache noch auf Grund der Verordnung der Reichsregierung über die Wiedereinstellung! während der Demobilmachung erreicht werden konnte, wurden angemessene Entschädigungen der Kriegsteilnehmer erzielt und unentgeltlicher Rechtsbeistand geleistet. Die „Berufsfürforgestelle" wurde 'irn Januar zum „Jüdischen Arbeitsamt" erweitert. Neue Ausgaben traten hinzu. Durch das 'verbot der Beschäftigung Auswärtiger wurden Tausende von Ostiuden, die während des Krieges Zwangsweise zur Arbeitsaufnahme in deutschen Kriegsbetrieben aus dem besetzten Gebiet nach dem Innern Deutschlands gebracht worden waren, erwerbslos. Hierzu kamen wertere Tausende von ostjüdischen Flüchtlingen, die wegen der Pogrome aus Polen nach den deutschen Großstädten, hauptsächlich nach Berlin, flüchteten. Da das Jüdische Arbeitsamt ihnen wegen e uwegenstehender gesetzlicher Bestimmungen nur in Ausna'hmefällen Arbeit im Handwerk oder in der Industrie verschaffen konnte, veriuchte es, sie wenigstens teilweise m der -deutschen Landwirtschaft nuterzubringen. Wir erkannten die großen Schwierigkeiten, die sich sowohl auf. seiten der christlichen Arbeitgeber als auch aus seiten >\xr ostjüdischen Arbeitnehmer dem entgegenstellen mutzten. Wir gingen deshalb mit der größten Vorsicht zu Werke, besuchten zunächst die Arbeitsstellen auf dem Lande und sicherten' durch persönliche Verhandlungen mit den Arbeitgebern einigermaßen erträgliche LohnilU'd Unterkunftsbedingungen. Die ersten tastenden Versuche hatten Erfolg. Ter größte Teil der ostjüdischen Arbeiter, ganz unbekannt mit der neuen Beschäftigung, blieb auf dem Lande und lebte sich in die ihm völlig fremde Umgebung und Arbeit mit der dem Ostjuden eigenen Anpassungsfähigkeit überraschend schnell ein. Viele zogen 'vgar ihre Freunde und Bekannten aufs Land. Es ist klar, daß nur ein Teil der Ostjuden für die schwere l andwirtschaftliche Arbeit in .trage kommt. Einen großen Teil mußten wir als körperlich untauglicl) zurückweisen; auch diesen stehen wir dauernd mit Rat und Tat vir Seite und bemühen uns, ihnen anderweitige Arbeit zu verschaffen oder ihnen in ihrer bedrängten sozialen, politischen und m irtschastlichen. Lage beizustehen. — Die Lehr st e l l e n v e r m i t t - - u n c\ erstreckte sich in der Hauptsache auf junge deutsche Juden und Jüdinnen und stand im Zeichen der BerussUmschichtung. Durch die Demobilmachung ist eine völlige Verschiebung der Berussaussichten eingetreten und die jüdische Jugend wendet sich in steigendem Maße von den freien und kaufmännischen Berufen ab und den landwirtichastlichen Berufen zu. Die Zahl der Jungen und Mädchen, welche 'ich später in Palästina oder in Deutschland in der Landwirtschaft und im Gartenbau betätigen wollen, ist sehr groß. Wir haben auf süddeutschen Lehr- und Bauerngütern bisher über 300 Eleven und Elevinnen untergebracht und sind fortgesetzt weiter bemüht, neue stellen für die große Zahl der weiteren Bewerber ausfindig zu inachen. Die jungen Leute arbeiten sich mit -außerordentlicher Hingabe, großem Ernst und großem Fleiß in die neue Beschäftigung ein, und die bisherigen Erfolge sind vielversprechend. Unsere nächste Aufgabe für die Zukunft wird es sein, zusammen mit den großen indischen Wohlfahrtsorganifationen in Deutschland ein jüdisches ^ehrgut zu errichten, um die Ausbildung von jüdischen Landwirten lind Gartenbauern in noch größerem Umfange bei dem großen Andrang von Bewerbern in die Wege leiten zu können. Zweigstellen des Jüdischen Arbeitsamtes entstanden bisher in Hamburg, Dresden, konnten wir einer großen Anzahl von Handwerkern, meist ostjüdischen, gute Stellungen in der Provinz verschaffen. Besonders häufig haben wir Tischler, Schneider, Schuhmacher, Kürschner, Goldarbeiter und Uhrenarbeiter unterbringen können. — Die jüdischen Wohlfährtsorganisationen und die deutschen Behörden brachten unserer Arbeit völliges Verständnis entgegen und unterstützten uns in jeder Weise. Gegenüber dem Verein für Arbeitsnachweis, gegründet von den Logen U. O.' B. B., haben wir unser Tätigkeitsgebiet in der Weise abgegrenzt, daß der Verein für Arbeitsnachweis irc erster Linie den kaufmännischen und gewerblichen Stellennachweis für deutsche Inden ausübt, während wir die Vermittlung von Arbeit für Ostjuden und die Unterbringung von Inden in der Landwirtschaft durchführen. Neue, schwierige Aufgaben treten gerade in den letzten Tagendurch Aufhebung der Internierungslager und Entlassung der Kriegsgefangenen an uns heran. Wir erwarten von dem a >l t b e w ä h r t € ai" i ü *b i \ d) e n O p fersinn , daß uns d u r ch g r o ß z ü g l g e Z u w e i s u ll g erheblicher Geldmittel die W e i t e r f ü h r u ü g n n s e r e r Arbeiten ermöglicht wird. Ar b e i t s v e r - m i t t l u n g i st nur auf drei t e r G r u n d l a g e m i t ausgedehnter Propaganda unter A n wen d ung großer Kosten erfolgr e i ch m ö g l r ch. A n S ch w i e r i g k e i t e n der G eIdbes ch a f f u n g darf diese a u ß e r o r d e n tl i ch wichtige Arbeit jedoch unter keinen U m st ä n d e n scheitern. Beitragszuweisungen werden an den Vorstand des Jüdischen Arbeitsamtes, Berlin kl 24, Monbijouplatz 1, Postscheckkonto Dr. Liepman-n (Jüdisches Arbeitsamt) Berlin 55454 erbeten.' W. K. Berlin, 6. Oktober. Am 23. v. M. fand iu Weißensee' die Beerdigung des Oberkantors D. Stabi n ski statt. Der Verstorbene, der zirka zwei Jahrzehnte bei der Jüdischen Gemeinde tätig war, übte noch wenige Tage vor seinem Tode seine amtlichen Funktionen aus und hatte sich ahnungslos für das schwere Werk au den hohen Feiertagen gerüstet, als ihn der Tod nach kurzer, aber schwerer Krankheit überraschte. Einen Tag vor Erew Rösch haschana wurde er' unter sehr zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen. Die' Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Petuchowski. In sichtlich bewegter Stimmung hob der Redner die Vorzüge des Vorbeters 'wie des Menschen und Familienvaters Stabinski hervor. Ter Verstorbene sei ein echter Schlliach Zibbur gewesen und habe sein hohes Amt als Vorbeter mit Würde -a-ufgefaßt. Er war einer, der das alte Chasonus vorzüglich bemeisterte und auf seine Zuhörer nicht mit äußeren Mitteln zu wirken suchte, sondern mit seinem aus tiefster Seele dringenden, von inniger Religiösität beseelten Vortrage andächtige Stimmung Hervorrufen konnte. Im Namen der Kantoren der Jüdischen Gemeinde und im Aufträge der ,,Hilfskasse" ehrte Oberkantor Kali scher den DahingegangeEn durch warme Worteder Anerkennung und des Abschiedes. Zum Schluß trug O'berkantor Sacher das El mole rachamim stimmungsvoll vor, worauf der Sarg unter den Klängen des Synagogenchores von der' Rykestraße zu Grabe getragen wurde. jfr ft Berlin, 6. Oktober. Eine Frällenwahlversammlung, die sich mit den bevor stehenden Neuwahlen zur Repräsentanten- Versammlung beschäftigte, fand im Logenha-use in der Kleiststraß-e statt. Frau Lina Wagner-Tauber eröfsnete die Versammlung mit der Mahnung, mit demselben Eifer wie die Rechte auch Pflichten und Arbeitsmöglichkeiten für die Frauen in der Gemeindeverwaltung zu fordern. Rechtsanwalt Dr. Klee wies auf den hohen Prozentsatz hin, den die jüdischen Frauen zu den Führerinnen der allgemeinen Frauenbewegung stellen, unb gab dem Bedauern Ausdruck, daß die meisten dieser Frauen den Grundsatz, „Barmherzigkeit beginnt zu Haufe", verleugnen. Die jüdische Frau muß endlich erkennen, daß ihr wichtigstes Arbeitsgebiet im Judentum liege. Die Teilnahmlosigkeit der jüdischen Frauen im Strebenum ihr Wahlrecht hat den Kampf um das Recht der jüdischen Frau in der jüdischen. Gemeinde sehr -erschwert,, da die Gegner des. Frguenwcchlrechts -das mangelnde Interesse der Frauen stets als triftigen