Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229431--75237-3287733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-468 Allmählich dämmerte in ihm die Erkenntnis, daß alle Behaglichkeit eines Ortes, aller Reiz irgendeines bewohnten Fleckens- Erde immer nur m einem kleinen Winkel, in einem winzigen Kreis zu suchen ist; dieser Kreis, «dieser Winkel ist es, der einem eine ganze Stadt lieb und wert macht; dieser Winkel, dieser Kreis ist das Lichtzentrum, woraus Glanz' und Schimmer nach allen Richtungen im weiten Umkreis sich verbreiten. In der kurzen Spanne Zeit, die zwischen der Hin- und Rückreise lag, war dem jungen Benjamin das Lichtzentrum verrammelt, der winzige Kreis umzäunt, der kleine Winkel unzugänglich gemacht worden. Haus und Häuschen waren vor ihm geschlossen. Wäre ihm das Haus offen geblieben, er hätte auf das Häuschen leichten Herzens verzichtet. So aber band er den einen Verlust an den anderen — und um hMe trauerte sein verwundetes, leicht verwundbares Herz! * Kurze Zeit nach seiner Ankunft erfuhr Benjamin von dem Vorfall in der Betstube. Onkel Chajim gab jhm hierüber einen ausführlichen Bericht: einen Bericht, der einerseits in der Ausmalung aller Einzelheiten viel Gewissenhaftigkeit an den Tag legte, anderseits aber die durchgängige Objeltivität insofern vermissen ließ, als er nicht ganz tendenzfrei war. Im Gegenteil, in dem Berichte wurde bald dieses, bald jenes Detail mit unverkennbarer Absichtlichkeit breitgetreten; so manches Wort hatte darin seine tiefere Bedeutung, so manche Wendung ihre scharfspitzige Note. Auf die versteckte taktische Vorbereitung sollte aber auch der offene Angriff folgen. Onkel Ehajim begann« nämlich, nach dem er den Hergang in der Betstube eingehend geschildert hatte, den jungen Benjamin ordentlich ins Gebet zu nehmen »nd ihm die Ungehörigkeit seines Tuns darzulegen. Onkel Ehajim war eben im Begriffe, das schwerste Geschütz gegen« Benjamin auffahren zu lassen, als Tante Mir! dazwischenkam »nd dieses Vorhaben vereitelte. Sie werde es «rme zulassen, sagte sie, daß man ein fremdes „Kind" ärgere und ihm Moralpredigten halte, und Benjamin möge nur alles auf die leichte Achsel nehmen, denn sicher sei die Sache nicht so schlimm gewesen, wie böse Menschen meinen, und sie kenne schon« die Ehässidim, diese Narren, die aus jedem Floh einen Bären machten. Tante Mirl erwies sich als äußerst geschickte Verteidigerin und es gelang ihr, Onkel Chajims geplanten Angriff abzrlwehren und das Feuer des schweren Geschützes im Keime zu ersticken. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. -ui Diene in a n 11 , Rabbiner Dr. M a x : „Judentum und Christentum". Zweite Auslage. Frankfurt a. M., 1919, I. Kauffmann. 80 Seiten. Preis 2,50 Mark und 10 Prozent Teuerungszuschlag. i Mit großer Freude begrüßen nur die Zweite Auflage des Dienemannschen Buches, das der Verlag i«n würdiger Ausstattung herausgebracht hat. Es fommt einem unleugbaren Bedürfnis entgegen, das in den Zeitereignissen und in der Zeitstimmung begründet ist. Rach dem Fall der letzten politischen Schranken zwingt uns die gewaltige «antisemitiche Welle immer aufs neue, «uns nach den ausgezeichneten Überlieferungen der jüdischen Geisteswissenschaften mit der Umwelt, insbesondere mit ihren religiösen Bekenntnisformen, auseinanderzusetzen. Ueberaus wohltuend berührt es, daß jede Angrissstendenz sorgfältig vermieden und das umfangreiche Material mit weiser Dedachtsamkeit ausgewählt wird. So «gelingt es. in einem vergleichsweise schmalen Bändchen den weitschichtigen Stofs zusammenzudrängen und in ausgezeichmnT, übersichtlicher Lrdnung die Gedankenkreise «und -Richtlinien zu führen, die für die Kenntnis beider Religionen und ihrer Unterschiedslehren maßgebend sind. Die Diktion ist von diesem Streben nach anregender Belehrung getragen, die Darstellung gräbt in die Diese und weiß . gerade durch den Vergleich, mit den Lehren des -Christentums den Reichtum und die Fülle der jüdischen Religion aufs glücklichste Herauszuarbeiten. Das Buch sei darum allen« Kreisen angelegentlichst zu eingehendem. Studium empfohlen, besonders' aber unseren jüdischen Studierenden, die daraus reichen Gewinn für die Würdigung des Judentums schöpfen werden. Möge das Büchlein in seinem schmucken Gewände sich zu den alten neue Freunde werben und zeugen für Wahrheit, Ehre und Ruhm des Judentums. Dr. Behre n s (Göttingen). ' * — A rtur B r a u s e w e 11 e r : Das wahre Glück und manches andere. Verlag Georg Westermann, Braunschweig. Zweite Auslage. Der als Verfasser wertvoller Romane längst rühmlichst bekannte Danziger christliche Seelsorger erweist sich in dem «vor uns liegenden ernsten, tiefen und w«armherzigen Buche mit einer Reihe von Abhandlungen und Betrachtungen, denen einige poetische Gaben wie mehrere ansprechende kleine Skizzen und Erzählungen angefügt sind, als ein wahrer Tröster denkender Leser und Leserinnen ohne Unterschied des Bekenntnisses. Wir gestatten uns daher, an dieser Stelle «auf das treffliche Werk, das ein Erbauungsbuch bester. Güte in dieser schweren Gegenwart bedeutet, hinzuweisen. Ebenso anregend als fesselnd, Geist und Gemüt erhebend, weiß der geschätzte Geistliche uns über die Pflichten gegen uns selbst wie gegen die Gesamtheit und das Vaterland zu belehren, wie nicht minder über die ernsten Forderungen der schweren Gegenwart ' und unseren Blick darüber hinaus auf den höheren Sinn des Lebens, die ewigen Fragen .zu lenken.. .lieber das „Recht auf Freude" und das „Glück", über „Gedanken und Tat", /Mut, Demut und Anspruslostgkeit", „Würde und Wille", „Aberglauben", „Träume und Ahnungen", „Kraft", „Geschenke, die eine Seele haben", das „Meer' und die Ewigkeit", von „Weiterleben.und Wiedersehen", „Ein weises «Herz", „Die Erziehung der Jugend", „Die Aufgaben der deutschen Frauen unserer Tage", über „ausleuchtende -und wandernde Sterne" begegnen uns die Gedanken eineshohen philosophischen Geistes, eines tiefen Welt- und Menschenkenners, die wir mit sich stets steigerndem Interesse in.uns aufnehmen. Wahrhaft erschütternd wirkt „J accuseV Tagebuch des in französischer Gesangenschrst verstorbenen Bruders des Verfassers. «Ganz besonders, freundlich wird es jüdische Leser und Leserinnen «anmuten, wiederholt Stellen aus dem Alten Testament angeführt zu flnden. So nennt der Verfasser große Menschen Moses und Elias: Luther, Schiller und Goethe problematische, aber auch religiöse Naturen, denn der große Mensch ist dies stets." „So gib mir nun Weisheit und Erkenntnis, daß ich vor diesem Volke «aus und ein gehe", mit dieser Bitte Salomos beginnt der Artikel „Kraft", und er schließt: „Ein weises Herz, das das Leben erkennen und den Tod verstehen lehrt, das wirkt, svl-ange es Tag ist und fürchtet die Nacht nicht; ein Herz voller. Gottesfurcht und Siegesglauben ist die Gabe, die wir Deutschen mit. Salomo für diese furchtbare schw«ere Zeit erstehen wollen." Und ich «möchte hinzusügen, auch wir Juden!' Und an anderer Stelle heißt es: „Macht eure Kinder hart für das Leben, lehrt sie Gott lieben, ihr Vaterland und die Natur! Mehr könnt ihr nicht tun, damit «aber tut ihr alles, macht sie stark und rei.n zugleich für große irab für schwere Zeit." Auch dies möchten wir voll und ganz unterschreiben! In dem Aufsatz „Gott unser Feind" führt er uns das Ringen Jakobs vor Augen; Gott will erkämpft sein! Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und Menschen- «gekämpft und bist obgelegen."' In „Träume und Ahnungen" heißt es: „Zu Abimelech, zu Abraham, Joseph, Pharao, Salomo, Daniel und Nebucadnezar kam Gott i«m Traume." Hiob wird zitiert, -und, beim Prediger Salomo steht: „Denn wo viel Sorge ist, kommen Träume", und ein andermal: „Wo viele Träume sind-, da ist.-Eitelkeit und viele Worte." Wir müssen uns'-leider versagen, näher auf den reichen Inhalt dieses Trostbuches einzugehen, und scheiden davon mit. dem dankbaren Gefühl/daß ein.großer Und gütiger Mensch, ein echter Priester, zu einer großen Gemeinde Andächtiger spricht und den Weg zu zagenden und trauernden Herzen findet, indem er Hoffnungen und Mut' belebt. B r e s l ci u , September 1919. R egina N e i ß e r.