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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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46? sich ins Gras versteckte und seinen Rockzipfel darüber warf. Dieser Mann war kein anderer als der. rothaarige Awrum. Schon damals empfand Benjamin einen leisen Schreck, als ihm das feiste rotweihe Gesicht in selbstherrlicher Ruhe entgegenlachte. „Awrnm ist ein Kletterer; wo der noch hinaufklettern wird, weiß kein Mensch", hatte ihm damals Jossel gesagt. Diese Worte gellten ihm heute wieder in den Ohren. Seltsam, dieser Rothaarige, er lernte, bereitete sich fürs Leben vor und tat dies über Gräbern! Lag da vielleicht eine grausige Symbolik darin? Ja, dieser Awrum — immer tauchte er wie eine Gewitterwolke auf, um den blauen Himmel über Benjamin zu verdüstern. Wie hatte sich alles im Dorfe zum Guten und Schönen gewendet: die Langeweile war verflogen, die Fuvcht nach der Debatte in «der Dorfschenke hatte sich als grundlos erwiesen. Der Vater ließ ihn die Freiheit -der Zeit und des Ortes ungestört genießen, die Mutter umgab ihn mit ihrer Liebe; er schrieb und empfing Briese, die ihn in eine festtägliche Stimmung versetzten — und nun klang wieder der Name Awrum an sein Ohr . . . nun war er wieder da, der Störenfried . . . wie ein böser Traum kam er und scheuchte Lust und Freud, Friedensstimmung und Seelenruh!- Benjamin sehnte sich nach der Stadt zurück ... Er grübelte gerade darüber nach, wie er es am besten einrichten könnte, unter Geheimhaltung seiner wahren Beweggründe seine Rückkehr zu beschleunigen, als der Vater hereinkam und ihm mitteilte, daß er einen Brief von Onkel Ehajim erhalten habe. „Er schreibt mir", sagte er, „daß es'für dich und deine Zukunft von großem Vorteil wäre, wenn du ein Jahr oder zwei eine ungarische Jeschibah besuchen würdest." Im ersten Augenblick war Benjamin gang bestürzt von dieser Mitteilung. Jählings durchzuckte ihn der Gedanke, es sei eine Verschwörung wider ihn im Gange: ein Komplott, bei dem auch Onkel Ehajim, freiwillig -oder unfreiwillige seine Hand mit im Spiele habe. Sein Herz begdnin mächtiglich zu pochen. Er sah den Vater an und las in seinen Augen die Zustimmung zu Onkel Chajims Anregung Die Furcht, irgendwo weit im UngarlaNde, fern von der Stadt seiner Sehnsucht, fern — vor allen Dingen — von Sara-Lea leben zu müssen, gab ihm den Mut, «der „Idee" Onkel Chajims zu opponieren. „Ich weiß wirklich nicht, wie Onkel Ehajim auf solche absonderliche Idee kommen kann?" „Warum findest du sie absonderlich?" „Weil ich mir nicht den geringsten Vorteil davon verspreche. Warum sollte ich denn, ohne zwingenden Grund, in die Fremde gehen, unter fremden Menschen leben, bei fremden Leuten wohnen?" „Der Grund wäre der, daß du dort lernst." „Ach, Vater, in Ungarn g-ibt's keine andere Lehre als anderswo, die Thora ist überall dieselbe, und man lernt anderswo ebensogut und ebensoviel, wenn man nur den rechten Willen dazu hat." Unerwartet erwuchs Benjamin ein Mitkämpfer für seine gerechte Sache — in seiner Mutter. Auch sie fand die Idee Onkel Chajims absonderlich, ja, sie bezeichnete sie sogar als „ausgefallene" Idee. Denn es wäre doch die reinste Torheit, meinte sie, ein „Kind" in die Fremde zu schicken, wo es doch in der Stadt bei Onkel Ehajim so gut habe und sich dort so heimisch, fühle, als sei es bei den Eltern zu Hause. Im übrigen wiederholte sie wörtlich alles, was Benjamin -gesagt hatte, nur unterstrich sie jede Wendung und legte in jedes Wort ihre.Mutterliebe hinein, so daß es Überzeugender klang : und auf Saul Glück feine Wirkung nicht verfehlte. Saut Glück ließ sich von seiner Frau um so eher überzeugen, als er selbst -den Rat Chajims nur für den — allerdings „praktisch" klugen — Gedanken eines vorsorglichen Onkels hielt. Von den Vorgängen, die «das Schreiben verursachten, hatte er keine Ahnung. Den Vorfall in der Betstube hatte Onkel Ehajim in seinem Briefe mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt. Der Brief unterschied sich überhaupt nicht von allen anderen Briefen, die Ehajim an Saul zu richten Pflegte; nur zum Schluß fügte Onkel Ehajim, wie en passant, hinzu: „Da fällt mir gerade ein, «daß es vielleicht von Vorteil wäre, wenn Benjamin «aus ein Jahr oder zwei aus eine ungarische Jeschibah käme." Daß der Brief diesen friedlichen Wortlaut hatte — das war wieder daS Werk der guten Tante Mirl. „Du darfst es mir nicht wagen," hatte Tante Mirl -gesagt, „ja, -hörst du, Ehajim, du «darfst es mir nicht wagen, von «dem Vorfall in der Betstube an Saul zu schreiben und unserem Benjamin Unannehmlichkeiten zu bereiten; ich kmne die Chassidim, diese Narren, die aus jeder Mücke -einen Elefanten machen." Und Onkel Ehajim kritzelte daraufhin seinen „Einsall" aufs Papier, weil er anders zu schreiben nicht wagen durste .... Der Brief blieb irckes nicht ohne Erfolg: Benjamin wurde nicht nach Ungarn, dafür aber zurück in das Haus des klugen Onkel und der guten Tante befördert. Siebentes Kapitel. Die große Einsamkeit kam über Benjamin« und er konnte sich nicht -dreinfinden. Er litt schwer an dieser Einsamkeit; er kam sich «vyr wie ein Mann in -der Wüste, von allen Menschenkindern verlassen. Es war «doch eigentümlich: er wollte nicht in die Fremde gehen, um nicht unter fremden Menschen leben, bei fremden Leuten wohnen zu müssen. Und jetzt? War er hier, in der Stadt -seiner «Sehnsucht, nicht in der Fremde? Lebte er hier nicht unter fremden Menschen? Wohnte er nicht bei fremden Leuten? Wie war ihm doch alles so fremd geworden -in der kurzen Spanne Zeit, die zwischen der Hin- und Rückreise lag! Das Aussehen der Stadt und ihrer Bewohner war völlig verändert. Selbst Onkel und Tante hatten eine andere Physiognomie bekommen, sie -erschienen jetzt Benjamin laß und albern wie alle -die, die trägen Herzens sind', fad und läppi-gweich, wie alle die, in deren Umkreis die Langeweile ihre grauen Netze spinnt; er empfand- Onkel Chajims Wohlwollen wie eine Plage, fühlte Mrls Güte wie eine persönliche Belästigung und beides zusammen — dieses Wohlwollen und diese Güte — als das Uebel einer Tugend, die einem -das Leben erleichtern will und es ihm unerträglich macht.' Das Gefühl der Vereinsamung kam -über Benjamin und verschob sein Verhältnis zu «den Menschen und den Dingen, die ihn umgaben-. Er zog sich in sich selbst zurück und glaubte sich von den anderenverlassen; er floh ihre Nähe und wähnte, daß die anderen -sich von ihm fern -hielten; er wich ihnen am Wege aus und bildete sich ein, er wäre von allen gemieden. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er allein es war, der sich verändert hatte, daß er es tpar, -dessen Wesen, scheu und unsicher geworden, «die eigenen Veränderungen aus seine Umgebung projizierte. Einer inneren Depression nachgebend, hatte er seinen Schapparat auf die Ferne eingestellt, und er sah jetzt Menschen und Dinge anders, als er sie zu sehen gewohnt war. Das Stadtbild hatte sich ihm verschoben-, verkleinert, verdüstert; er ging durch die Gassen nnd.langweilte sich. Häuser und Bauten erschienen ihm einförmig, das geschäftige Treiben auf der Straße dünkte Hm eine närrische wilde Jagd, das lebendige Gewoge vor den Verkaufsbuden ein Lärm um nichts. Er schritt den Kai entlang, und — die Menschen hatten alle lange Gesichter und waren gar wunderlich anzuschauen.

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