Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 hak, um Menschen oder Gedanken zu fischen, nach Philosophenart. Diese Neigung für Ntalerei als Nebenbeschäftigung teilt Spinoza mit mehreren geistig hochbegabten Männern. So waren Dante und Kopernikus ausübende Maler. Ein Selbstbildnis des letzteren befand sich seinerzeit im Besitz Tycho de Brahes. Dante schildert sich in der „Vita nuova", wie er, an der Stäffelei sitzend, seine Beatrice zum ersten Male erblickte. Wir sehen also, daß es kein Zufall ist. Laß Rembrandt und Spinoza parallele Wege gehen, denn Geist und Phantasie stehen sich eben sehr nahe. Auch in Ausübung ihres Berufes find sich diese beiden Männer seelenverwandt. Beide sind Ketzer, beide aber auch Glroßmeister in ihrem Fache. Das Unheimliche, Dämonische, das man in den Schriften Spinozas hat finden wollen, findet man auch in einigen Rembrandtschen Bildern. Dem dämonischen Charakter der Malerei R-embrandts entspricht ein quietistischer Zug in Spinozas Philosophie. Rembrandt entwickelt aus einem alles beherrschenden „hellen Schein" seine gedämpften Farbe nharmonien und Spinoza stellt an die Spitze seiner Lehre den gewissermaßen einsam leuchtenden Begriff der alles durchdringenden „Substanz", aus dem er den „ruhigen Glanz" seines Systems entwickelt. Und wenn Spinoza von seiner Philosophie sagt: „Das Licht erleuchtet zugleich sich selbst und die Finsternis", so trifft dies technisch und geistig auf Rembrandt zu. Spinoza, als ein rechter Denker, betrachtet die Dinge sub specie aeternitatis, d. h. „losgelöst von allen persönlichen und vorübergehenden Einflüssen", während Rembrandt im Gegensatz zu ihm, als rechter Künstler, die Dinge stets sub specie effectus, d. h. „nach Eingebung seiner augenblicklichen wirklichen persönlichen Stimmung", betrachtet. Spinoza als Orientale ist dogmatisch, Rembrandt als Germane ganz individuell; dieser ist durchseelt vom Gefühl, jener bleibt stets kühl. Sein Ausspruch, man solle die Welt nicht belachen und beweinen, sondern begreifen, ist bekannt. Spinoza lehrt die Weisheit des Uebermenschlichen, Rembrandt die des Alltäglichen. Insofern liegt uns wohl Rembrandt näher als jener. Beide Männer entsprechen einander, doch nur so wie „zwei sich in der Form deckende und zugleich dem Wesen nach einander abgekehrte Halbkugeln" und ähneln damit anderen bahnbrechenden geistvollen Männern. Währen- Luther und Kopernikus, entgegen der Tradition, den Schwerpunkt des sittlichen und irdischen Daseins in den Menschen und die Erde selbst verlegten, so verlegten Rembrandt und Spinoza, ebenfalls entgegen der Tradition, den Schwerpunkt der künstlerischen und weltlichen Anschauung in das Individuum und die Welt selbst. Und obwohl beide genannten Männerpaare dieselbe Tat vollbrachten, kannten sie sich untereinander nicht. Was nun abev Spinoza und Rembrandt geistig einander so nahe führte, war der ehrliche, unerschrockene, ruhige, tiefe Charakter, der in den Niederlanden, aus dem sie beide stammten, wenn auch Spinoza nur als Adoptivsohn des Landes, heimisch war, „Derber und bewegter der eine, stiller und gefaßter der andere, gehen sie beide gerade auf das Ziel zu; durch kühne Pinselführung sucht der eine, durch vorsichtige Denkmethode der andere der Wahrheit näher zu kommen." Trotz dieser geistigen Verwandtschaft sind sich Rembrandt und Spinoza stets fremd geblieben. Man hat sich nun gefragt, ob es nicht etwa recht nützlich; sein würde, wenn im künftigen deutschen Geistesleben die; Kunst etwas nach Rembrandtscher Art philosophierte und die; Philosophie gleich Spinoza etwas Kunstinteresse zeigen würde,; denn es sei nicht das erstemal, daß fernliegende und ein- ander scheinbar entgegengesetzte Gebiete sich gegenseitig befruchtet hätten. Brüder- und Freundespaare gibt es im deutschen Geistesleben so manche, und wie schön hat Rietschel in seinem Doppelstandbild „Schiller und Goethe" solche Freundschaft dargestellt. „Dichter und Denker, welche hier beide ineinander übergehen, halten einen gemeinsamen Ruhmeskranz." So umspannt Rembrandt und Spinoza, in denen Dichter und Denker noch weiter voneinander auseinander gehen als bei jenen beiden Dichterfürsten, ein gemeinsamer Ruhmeskranz, nämlich die niederländische Freiheit. Beide entstammen ja 'dem „freien, weiten, selbst denkenden undselbst handelnden Geist" der Mederlande. ’f.uun; Und wie einst bildende Kunst und Philosophie--sich auf griechischem Boden so innig einten, so sollten sie sich auch-in diesen beiden Männern auf deutschem Boden verschwistert zeigen. Smjamins LirdksÄÄ. <14.Forts.) Roman von Samuel Meisels. B ara-Lea und ich sitzen öfter in diesem Zimm-er und sprechen von dir," schrieb, er ihm. „Zuweilen machen wir uns lustig über dich, der du, fromm und gläubig, auf einen leisen Wink des Hügel-Rabbi heimgeeilt bist. Trotzdem glaubt Sara-Lea nicht, daß aus dir noch mal ein richtiger Chassid wird. Ich teile ganz ihre Ansicht." Solche schalkhaft stichelnden Bemerkungen erfüllten Benjamin mit Entzücken und er las sie wieder und immer wieder. Nur der Inhalt zweier Briefe stimmte ihn nachdenklich Da war ein Brief von Sara-Lea, worin sie ihn bat, ihr nicht mehr an die übliche Adresse, sondern unter der Ehisfrc „S-L 17 poste restante" zu schreiben. Irgendeinen Grund für diese plötzliche Maßnahme gab sie nicht an. War am Ende doch einer seiner Briese in falsche Hände geraten? — Der zweite Brief war von Jossel Schlüte und enthielt unter anderem die Mitteilung, daß seit der Heimreise Benjamins der rothaarige Awrum sich enger an Jossel angeschlossen habe und sehr oft dessen Vaterhaus besuche. Irgendein Zusammenhang — das fühlte Benjamin - mußte zwischen diesen beiden Briefen vorhanden sein«, sind wieder war, wie so oft, wenn Benjamin 'betrübliche Zusammenhänge witterte, der rothaarige Awrum das vermaledeite Bindeglied, das die betrüblichen Zusammenhänge schuf. Sicher war es mehr als kluge Vorsicht, wenn sich Sara- Lea die Briefe unter Chiffre und postlagernd erbat! Sicher steckte die Spürnase des Rothaarigen dahinter! Ein leiser Schauer überlief Benjamin bei dem Gedanken, daß Awrum von dem Briefwechsel mit Sara-Lea Kenntnis erlangt habe» könnte. Es war doch zu gräßlich: diese stachelige Klette war einfach nicht lvszuwerden! O dieser Awrum! — wie eine FeuersLule ging er hinter ihm einher und verdunkelte seinen Weg! Wie ein Verhängnis schlich er ihm überallhin nach, und selbst in sein stilles Heimatsdovf verfolgte er ihn! r Benjamin! erinnerte sich, wie er einst mit Jossel Schlüte unter Gräbern wandelte, wie Jossel und er mitten im Gespräch durch ein Geräusch aufgeschreckt wurden, das zwischen den Gräbern >hervorkam, wie sie dann einen Mann gewahrten, der, ans schmalem Rasen hingestreckt, den Kopf an einen Denkstein gelehnt, ein Büch in der Hand hielt und ziemlich laut darin las, und wie der Mann, als sie näherkamen, das Buch heim-