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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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Wißen" heröeizuführen. Der Verein scheiterte, aber trotz seiisttz 'schmählichen Mißerfolges datiert von ihm das Ende dxr schwankenden Uebergangsperiode; in diesen Kreisen fiel zum erstmmäl wieder der Ausdruck „historisches Judentum", entstand die Anregung, das Judentum im Geiste der kritischen Wissenschaft zu bearbeiten, zu zeigen, welche Bedeutung für die Gesamtkultur die gegenseitige Durchdringung von Judentum und Wissenschaft gewinnen könnte. Leopold Zunz gebührt das Verdienst, die Erforschung 'des Judentums ihrer Einseitigkeit, ihrem weltfremden Dogmatismus entzogen, sie der Gesamtheit der Wissenschaften eingereiht zu haben; „Mann der Rede und der Tat, hat er geschaffen und gewirkt, wo andere träumten und mutlos hinsanken". Aber, was Zunz erwartet hatte, erfüllte sich nicht: der politische Rückschlag (nach 1819) lastete schwer auf den Juden: die W i s se n s ch a s t d e s Judentums blieb Sondergut der Fachmänner, schuf keine Institutionen, gewann erst spät Einfluß aus die Lebensanschauung der Menge. Deren geistiges Niveau und Interesse hielt sich zunächst recht niedrig, in stumpfer Trägheit schleppte sie eine gedankenlose zeremonielle Frömmigkeit weiter, ohne Wärme und Gemütstiefe damit zu verbinden. (Schluß folgt.) Nrmbrsndts Verhältnis zum Judentum und su Spinors. Zur Erinnerung an des KünstlersTodestag (8. Oktober 1669). Bon Eugen Peterson (Stuttgart). lles Vornehme äst aus der Wirklichkeit und dem Schoße des Volkes geboren. Es ist eine gedämpfte und fast lautlose, aber dadurch um so wirksamere Vornehmheit. Sie ist nicht von prunkender und glänzender Art; sie strahlt von außen nach innen, nicht von innen nach außen; sie blendet nicht, sie beruhigt. Und gerade hierin ist Rembrandts Kunst echt niederländisch, echt deutsch, echt nordisch; sie läßt die südlich glühende Natur und Kunsteffekte vermissen, die sogenannte erotische Farbenpracht, die. doch nur exotische Farbenarmut ist. Die tropische Sonne vergröbert, sie läßt die Natur in schreienderen, aber ebendarum unfeineren Tönen roden. Dieser Art Kunst fehlt die Vornehmheit. Ein grau in grau gemaltes und sein abgetöntes Bild ist künstlerisch von stärkerer Wirkung als das flimmernde Mosaik. Hierin ähnelt Rembrandts Kunst der griechischen, denn die altgriechische Malerei befolgt ein ganz ähnliches Prinzip. Solch fein abgetönte Bilder sind gewissermaßen der Abglanz geistiger. Vornehmheit, wie sie Rembvandt eigen war. Er war ein Künstler von ausgesprochen vornehmer Gesinnung. Diese hat er auch dem jüdischen Volk gegenüber bekundet und hiermit so recht die Befähigung bewiesen, den Blick in die Höhe und. in die Nähe zu richten. Täglich hatte, er ja Gelegenheit, mjit Israeliten zu verkehren, denn er wohnte in der Judenbreitstraße zu Amsterdam. Und wenn man diese Neigung Rembrandts zum jüdischen Volk als Sonderheit deuten will, so ist dem entgegenvchalten, daß die Keime solch künstlerischer und geistiger Besonderheiten oft näher' liegen, als man meint. So liegt in diesem Fall der Keim der etwaigen Sonderheit Rembrandts in dem Umstand, daß der echte und altgläubige äude stets etwas Vornehmes an sich hat. Er gehört zu jener uralten sittlichen .und geistigen Aristokratie, weshalb Lord Beaconssield die- Juden für den ältesten Adel des Volkes erklärte. Rembrandts Juden waren echte Juden, die nichts anderes sein wollten als Juden. Sie besaßen Charakter. Und nichts ist schlimmer als Gharakterlosigkeit. Sie ist die Sünde gegen den Geist des Individualismus und nicht zu verzeihen. Verzichtet man auf eigene Individualität, so ist dies nur berechtigt, wenn es zugunsten einer höheren und wahrhaft sicheren Auffassung geschieht, wie dies bei Spinoza sowie der christlichen und indischen Askese der Fall ist. Rembrandt liebte die aristokratischen Juden, die sogenannten plebejischen Juden dagegen stießen ihn ab. Und wenn die aristokratischen Juden auch hier und da etwas Fremdartiges für ihn hatten, sie zogen ihn an als verwandte Geister. Er sah in ihnen Glanz und Elend, Licht und Schatten vereint, also eilte echt Rembrandtsche -Mischung. Kein Wunder, daß sie diesem Künstler gefielen. Was ihm an ihnen nicht gefiel, wußte er durch den Hauch seines Geistes zu adeln. Die geistige Vornehmheit Rembrandts zeigt sich auch in dem tiefproblematischen, ja philosophischen Zug, der seiner Kunst anhastet. Man könnte ihn den philosophischsten aller Künstler nennen, nicht etwa, weil er abstrakte Philosophie getrieben hätte, nein deshalb, weil er mehr Menschenkenntnis und echte Weltweisheit entwickelt hat als mancher andere Maler. Bezeichnend für seine Beziehungen zu der innersten Tiefe der deutschen Volksseele ist es, daß er lange vor Goethe die Gestalt des Faust aus der Volkssage in -das Gebiet der Kunst eingeführt hat. Die deutschen Philosophen könnten viel von ihm lernen. „Wir Philosophen sind die Wissenden; durch unsere Schriften haben wir den Menschen Gesetze gegeben und sie belehrt, das Leben frei und vernunftgemäß einzurichten", sagt L. B. Alberti mit Stolz. So hat es auch Rembrandt getan, nur nicht in Worten, sondern. durch Farben. Goethe hat über Rembvandt als Denker geschrieben- „Dieser vielseitige Künstler ist tatsächlich ein Philosoph, er ist Philosoph vorzüglich darin und -dadurch, daß er vielseitig ist; er steht mithin in offenem Gegensatz zu dem spezialistischen und deshalb notwendig unphilosophischen Geistesleben der Gegenwart", indem man bemerken kann, daß vielen Gebildeten der Blick in -die Weite fehlt; diesen Blick in die Weist finden wir bei Rembrandt. Ihm ist der Blick auf das Ganze eigen. Alltägliche Gegenstände und Ereignisse weift er ins Wunderbare, wunderbare Ereignisse ins Alltägliche zu verklären; diese wie jene setzt er in direkte Beziehung zur Welt, zum Menschen, zum Herzen. (Vgl. zu dieser Betrachtung auch das treffliche Buch: „Rembrandt als Erzieher" aus dem Verlage von L. E. Hirschfeld in Leipzig.) Zenitale Weltanschauung aber ist philosophische Weltanschauung. Bei Rembrandt jedoch ist dies umgekehrt, und hier berührt er sich mit seinem großen Zeitgenossen, Landes¬ und Stadtgenossen Spinoza. In diesem verdichtet sich das uraristokratische Judentum, das Rombrandt künstlerisch so oft bevorzugt hat, zur reinen Persönlichkeit. Scheinbar scheinen sich beide Männer fremd einander gegenüberzustehen und doch sind sie geistig nah verwandt. Ein Adliger neigt sich hier vor dem anderen. Beide pflegten nicht nur die innere, sondern auch die äußere Vornehmheit. Rembvandt besaß besondere Vorliebe sür prächtige Ausgestaltung seiner Gemälde wie seiner Häuslichkeit, Spinoza liebte rat äußeren Verkehr ein besonders feines und gesittetes Benehmen; auch hielt er trotz außerordentlich bescheidener Lebensweise gleichwie Luther, Dürer, Rembrandt, Goethe, Dhorwaldsen auf schöne Kleider. Besonders aber gleichen sich beide Männer aus geistigem Gebiet. Spinoza hat sich neben seinen 'philosophischen Studien auch mit Malerei beschäftigt; seine Porträts sind sehr gerühmt worden. In seinem Nachlaß fand sich ein Skizzenbuch, das leider jetzt nicht mehr vorhanden ist, in das Spinoza sich selbst als einen Fischer mit dem Netz auf dem Rücken

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