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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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464 Land zu verzeichnen, eher ist über eine allzu starke Geistigkeit Klage geführt worden. Zu den Hindernissen der Gleichberechtigung gehörte die den Juden aufgezwungene Einseitigkeit des Berufs!!eben s. Mit starker Energie warfen sie sich, sobald es ihnen gestattet war, auf das Handwerk und die Landwirtschaft; es schien zeitweilig, als sollten sie des Problems Herr werden, obwohl ihnen nicht, wie den Bauern, Grund und Boden zugeteilt wurde, obwohl die Ungunst der Gesetze mancher Staaten und die Abneigung der Meister gegen jüdische Lehrlinge ihnen den Zugang zum Handwerk außerordentlich erschwerte. In der Folgezeit, die das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte zum Grundsatz erhob, ließ sich eine Berufswahl nicht vorschreiben. Es stand nicht zu erwarten, daß in einer Epoche der Landflucht gerade die Juden, die seit Jahrhunderten in den Städten siedelten, aufs Land ziehen, daß, als bei fortschreitender Industrialisierung das Handwerk seinen goldenen Boden zu verlieren drohte, eine ihm fernstehende Bevölkerung es in Blassen erlernen würde. Schon lange im Handel und im Geldgeschäft heimisch, haben die Juden sich an der ausblühenden kapitalistischen Wirtschaft rege beteiligt, sich in der Industrie, im Großhandel, im Bankgeschäft betätigt. ES wird allgemein anerkannt, das; sie wichtige Funktionen im Wirtschaftsleben ausgefüllt, ganze Industrien geschaffen, Geschäftszweige organisiert, sich als Pioniere neuer Handelswege bewährt haben. - In de» Ländern der jüdischen Massensiedlungen sind sie noch heute Träger des -Handwerks. In Ostgalizien stellen sie 82% Prozent aller Handwerker und Industriearbeiter überhaupt, darunter die Arbeiter für die Naphthagruben; in Rumänien ist ihr Anteil am Handwerk 4'Axnai größer, als der Bevölkernngsziffer entspräche; in Rußland ist ein Drittel aller Juden in Handwerk und Gewerbe beschäftigt. Bei ihrer Auswanderung nach England und Amerika haben die Ostjüden große Industrien dorthin übertragen. In Galizien beschäftigt sich auch ein Sechstel aller Juden mit Landwirtschaft, die Baron-Hirsch-Kolonien in Argentinien und die Kolonien in Südrußland wie in Palästina haben die Befähigung des Stammes zum Ackerbau bewiesen. In schreiendem Widerspruch zum gesellschaftlichen Ansehen stand die bürgerliche Lage der jüdischen Oberschicht in Berlin, Wien oder.Paris. Sie hatte nicht mehr die Kraft zum Martyrium, teilte nicht mehr die träumerische Hoffnung aus eine' jenseitige Erlösung, war vielmehr von dem recht realen Verlangen nach irdischein Wohlergehen erfüllt, war im Individualismus der Aufklärung groß geworden und kannte keine Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Schuld an allen Leiden gab sie dem Judentum, das Land ihrer Sehnsucht war die christliche Welt, die traurige Wirklichkeit das jüdische Leben. Sv wurde „jüdisch" ihr gleichbedeutend mit aller Niedrigkeit, das ganze Streben ging auf Befreiung von diesem Schimpf, ans Erlangung „christlicher Rechte". Keine Regierung wollte die Juden als Sondergemeinschaft, als Staat im Staate dulden: die Aufhebung der „jüdischen Nationalität" wurde von Staats wegen gefordert, ihre Sprengung auch von den Juden angestrebt. Was „die jüdische Nationalität" verkörperte. talmndischc Lehren, rabbinische Gerichtsbarkeit und Polizeibefugnis der Gemeindeleiter, geriet in Verruf -und Haß. Die Gebildeten sahen in der jüdischen Religion nur inhaltlose Zeremonien lind unschöne Formen, hielten sich einseitig an Mendelssohns Lehre, daß das Judentum .geoffenbartes Gesetz" sei -- und das Gesetz war ihnen eine Last —, übersahen aber das Wort des Philosophen von dem „unergründlichen Schatz von Vernunft-Wahrheiten und Religionslehren, die mit dem Gesetz so innig verbunden sind". Die ihrer Gemeinschaft hätten eine Zierde, Führer zur religiösen Erneuerung werden können, sielen von ihr ab, überließen sie ihrem Schicksal. Es war ein Unglück für das Judentum, daß die tiefe Erschütterung seines religiösen Lebens von der Aufklärung ausging, die nur das eiye Heilmittel des Rationalismus und keinen Sinn für das Religiöse befaß. Im Herzen der gckbikdeten Juden entstand eine Leere, die sich haltlos und jeder romantischen Regung zugänglich machte. Mit der weltlichen Bildung hatten sich auch weltliche Schäden unter ihnen -verbreitet, „äußere Politur und üppiger Luxus", die das ethische Pathos des Getto verdrängten, die alte Herzinnigkeit jerftßr'en. Mindestens ein Zehntel aller Berliner Juden, darunter M endelssohns Tochter, nahm die Taufe; wer, wie David Friedländer, zu aufrecht war, ein unwahres Bekenntnis abzulegen, suchte, um seinen Kindern den Wog frei zu .machen, Anschluß an ein „dogmenloses Christentum", ohne freilich Entgegenkommen zu finden. Länger als 100 Iahre dauert d er Kampf um ein e einheitliche W elta ns cha uu ng für d a s emanzipierte und kultivierte Judentum. Bereits Moses Mendelssohn hatte in der jüdischen Religion „menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider ihren Glanz zu sehr verdunkeln". Aber nach seinem Tode fand sich niemand, der einen Ausgleich mit dem Zeitbewußtsein herbeiführte; den Aufgeklärten fehlte jede. Würdigung der jüdischen Lehre, die Rabbinen waren Charaktere von anerkannter sittlicher Hoheit, aber ohne Verständnis für'die Zeit und Umwelt, ängstlich ans Herkommen angeklammert. Zwei Probleme beschäftigten die Geister, der Wahrheitsgehalt der verbreiteten jüdischen Religionsanschauungen und die Verbindlichkeit des Zeremonialgesetzes. An das Pariser Sanhedrin traten Forderungen einer umfassenden Reform heran,, hinter den Kulissen platzten die Gegensätze schroff aufeinander,' aber es geschah nichts zur Abhilfe. Israel Jacobsohn (1768 bis 1828), Präsident des Konsistoriums in Kassel, ein von Eitelkeit nicht freier, aber der Sache seines Glaubens von ganzem Herzen ergebener Mann, unternahm den ersten Versuch, den Gottesdienst dem Geschmack der Zeit anzupassen. Durch ihn wurde die deutsche Predigt eingebürgert, die dann auch die Anhänger der Ueberlieferung beibehielten: er hat ferner deutsche Gesänge und Orgelbegleitung eingeführt, die bis heute das Schibbolet der Parteien bilden. Radikqler als erdachte David Friedländer, der aus der Tatsache der Emanzipation die Notwendigkeit der „Herstellung voller nationaler und religiöser Einheit", daher auch einer Preisgabe der jüdischen Messiaslehre und der hebräischen Gebetsprache fylgerte, aber mit seiner Forderung nicht durchdrang. Aller Eifer konzentrierte sich auf einen „neuzeitlich geregelten Gottesdienst", dem in Hamburg (1818) die erste Pflanzstätte erstand. Gegen den neuen „Tempel" und sein von der Ueberlieferung abweichendes Gebetbuch schleuderte eine Reihe namhafter Rabbiner den Bannstrahl. Sie stellten sich in rührender Naivität auf den Boden des Herkommens, obwohl gerade das zur Erörterung stand, ob, nachdem im gesamten Leben die Autorität durch das Selbstbestimmungsrecht verdrängt war, allein in der Religion ein überliefertes Gesetz Verbindlichkeit beanspruchen durfte. Die Orthodoxie alten Schlages hatte durch ihre Weltfremdheit ihre Daseinsberechtigung verwirkt. Die Bewegung von 1819 legte die Frage nahe, ob von jüdischer Seite genug geschehen war, um im Zusammenleben mit den Andersgläubigen deren Ach tri ng zu erringen, ob der ästhetische Aufputz der Synagoge die notwendige innere Aufrüttelung des ganzen Menschen herbeizuführen vermochte, ob die hergebrachte Auffassung vom Judentum der fortgeschrittenen Bildung standhielt. Der „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" in Berlin stellte'sich zur Aufgabe; den jüdischen Unterricht zu fördern, die Berufswahl zu beeinflussen, den fernen gesellschaftlichen. Ton auszubilden und die „Vermittelung des historischen Judentums mit dem.modernen

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