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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 movherd, die Kellerwirtschaftsräu-me; auch Mädchenzimmer. Ein schattiger Garten, große Veranden am Hause bieten den Bewohnerinnen angenehmen Aufenthalt. Der Garten des Nebenhauses gehört mit zur Benutzung derselben. Das Lehrerinnenheim in Lichterselde hat keine Rivalin in Deutschland, auch nicht im Auslände. Opulent ausgestattet, den Bewohnerinnen, die nur eine Einzahlung zu leisten haben, "vollständige Pension, ärztliche Behandlung u. a. bietend, stehtes einzig da in dieser Einrichtung, auch gegenüber nichtjüdischen Anstalten. Diese großzügige Lebenshaltung erfordert anderseits auch bedeutende Mittel zur Änterhaltung des Instituts. Eine ganz besonders schwere Zeit erlebte das Heim während der Kriegsjahre. Die Einnahmen vermehrten sich nicht, wohl aber die Ausgaben! Das „Durchhalten" erforderte bedeutende Opfer seitens der Mitglieder. Entkräftung, Krankheiten machten die Erhaltung des Heims zu einem schwer lösbaren Problem. Die schwere Zeit ist wohl überstanden! allein, neue Ausgaben harren der Vollendung in der auch gegenwärtig nach sehr kritischen Zeit. Der jüdische Geist deS Wohltuns wird sich auch fürder bewähren. Dieser Glaube beeinflußt die Handlungen des Vorstandes und Kuratoriums. Eine Anstalt, so einzigartig wie das Lehrerinnenheim, wird, im Hinblick auf kommende bessere Tage, auch die gegenwärtige Periode überdauern. Der Verein Israelitisches Lehrerrnnenheim besitzt zurzeit zehn Ortsgruppen in den Städten Stettin Leipzig , P o s e n, L i s s a, Lieg- Das Israelitische Lehrennnenheim in Berlin Lichterfelde-west. nitz, Magdebur g, Königsberg i. Pr., Glah i. Hirschberg i. Schl. -chl.. Kulturelle und religiöse lkämpkr ) mit dem Umschwung in der äußeren Lage der Juden steht ein ernstes Streben-, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, Annäherung an die Umgebung zu suchen, in Wechselbeziehung. ■ Die Führung in dieser Kulturbewegung, einer der schwierigsten, von denen die Weltgeschichte berichtet, hatte Deutschland. Schon Lessings „Nathan" stand vor dem Problem: „So ganz -Stockjude sein zu wollen —. geht schon nicht. — Und ganz und gar nicht Jude, geht nicht minder." Wo lag die richtige Mitte? Moses Mendelssohn empfahl den Juden,-in der Kultur ihrer Umgebung ' *) Aus der „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates"-von Pros. Dr. Elbogen, die demnächst in der Teubnerschen Sammlung „AuS Natur und Geisteswelt" (Bd. 748) -erscheint, bringen wir mit Genehmigung -des Vevlags. dendritten AMnitt aus dem letzten Kapitel. aufzugehen — er hatte die Aufklärung mit ihrem reinen Humanitätsideal vor Augen. Ohne Unterlaß mahnte er, das jüdische Erziehungs- und Bildungswescn zu verbessern; seine Verehrer errichteten Institute, die unter der Devise „für Bildung und Humanität" für die Erziehung von Knaben und Mädchen wirkten. Mendelssohns Ueb-ersetzung des Pentateuchs und der Psalmen machte den Glaubensgenossen vielgelesene biblische Bücher in guter deutscher Wiedergabe zugänglich; sein hebräischer Kommentar förderte die einfache, sinngemäße Auffassung der Bibel, das Verständnis für ihre klassische Sprache und Schönheit. Freilich verhängten angesehene Rabbiner den Bann über die Bibelübersetzung, doch in Deutschland verklangen solche Stimmen des Fanatismus im allgemeinen Beifall. Mendelssohns Bibel wurde ihren Verketzerern zum Trotz ein Bildung s m i t t e l e r st e n R a ng e s, wurde offen lind geheim von der Jugend gelesen und erwies sich als K r a f t g u e l l e für den g e i st i g e n F v r t - s ch ritt; ganze Geschlechter verdanken ihr die erste Annäherung an die europäische Kultur. An Gymnasien und anderen öffentlichen Schulen fanden Juden mit der Zeit ebenfalls vereinzelt Aufnahme. Nach ihrer Einbürgerung unterlagen sie dem -allgemeinen Schul- ,zwang, ihre Unterrichtsanstalten der Staatsanssicht: dem Besuche höherer Lehranstalten und Universitäten stand kein Hindernis mehr im Wege. Das gab eine U m w ü l z u n g i m g e s a m - t e n j ü d i s ch e n B i l d u n g 8 - w e i e n: die rabbinischen Lehrhänser in Deutschland gingen in kurzer Zeit ein, das Talmndstildium schien dem Aussterben nahe. Hingegen nahm die allgemeine Bildung der Juden überraschend schnell zu. So entartet das Talmudstudium war. cs hatte doch den Zusammenhang mit einer uralten Kultur a»frechterhalten, die Regsamkeit und Schulung des Geistes geavahrt; unter dem Einfluß der hochentwickelten deutschen Kultur verjüngte sich der jüdische Geist, regte er seine Schwingen wiederum zu hohem Fluge. In Berlin und Wien wurden jüdische „Salons" Mittelpunkte der -geistigen Aristokratie. Schillers und Goethes Dichterruhm, Kants Philosophie haben in den Berliner Juden ihre begeisterten Verkünder und Interpreten gefunden. Schon ein Menschenalter nach Mendelssohn zeigte die -Struktur des jüdischen Berlin eine völlig veränderte Gestalt; geistiges Streben erfüllte die Juden, obwohl von Staats wegen ihre Bildung zwar gefordert, aber nicht gefördert, ihr Zutritt zu den akademischen Berufen, mit Ausnahme des ärztlichen, erschwert wurde. „Alle Zweige der Wissenschaft werden mit dem größten Erfolge kultiviert, es gibt fast kein Gebiet der Kunst, wo sie nicht Meisterwerke liefern", dieses Zeugnis legte 1847 der preußische Kultusminister für sie ab, und ähnlich lautete die Anerkennung aller berufenen Beurteiler. Einen Rückgang der Intelligenz, des Bildungseifers und der kulturellen Leistungen der Juden hatte bisher kein

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