Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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462 überhaupt eine Rolle. Die englisch-amerikanische Volkspsychologie ist anders als die deutsche. Vielleicht lernen wir aus fremden Vorzügen und eigenen Fehlern. Ueberall halben sich Spannungen in langen Bewegungsreihen gesammelt; ehre Summierung steigert sich zu einer Truckhöhe, wie Marx sagt, die sich gewaltsam einen Ausweg suchte Wir haben Entbehrungen erlitten, so daß der Massenwahnsinn sich auch als Erschöpsungspsychose darstellen läßt. Der Erfolg unserer Arbeit war uns versagt. Nichts führt aber schneller zur Erschöpfung als ein Arbeiten dH ne Erfolg. Nun äußert sich diese Erschöpsungspsychose in mannigfaltigen Formen. Auch hier keine Gesetzmäßigkeit, und nur mühevoll können wir den Erscheinungen folgen und vorläufig lediglich die Tatsachen seststellen. Me Erscheinungen zeigen sich unter anderem in einem Sinken der Moral, in Rücksichtslosigkeit, in Verwahrlosung, in der zunehmenden Verflachung des sittlichen Lebens, einer Moral insanity des Volkes. Die heutige Psychologie der Straße grenzt stark an das Krankhafte und Wahnwitzige! Auch die Psychose des normalen und des Durchschnittsmenschen wird in Mitleidenschaft gezogen. Mit Recht spricht Marx von einer „Pathologie der Revolution". Ich habe ihre charakteristischen Züge hervorgehoben, ohne zu übertreiben. Das Thema wäre einer eingehenden Behandlung wert, und wir stellen fest, daß man von einer Kriegspsychologie und Kriegspathologie aus geistigem Gebiet reden darf. Die Geschichte lehrt und Lombroso hat das besonders bezeugt, daß es meist degenerative Naturen, halb oder ganz Verrückte sind, welche eine schlechte Suggestivwirkung aus die Masse ausüben. Die Masse läßt sich leicht hypnotisieren, meist zum Schlechten. Vieles läßt sich nur unter dem Bilde eines Lontagium psychicum deuten. Auch der Utopismus eines Zukunststaates ist nicht frei vom Wahnwitz, auch hier spielt, wie die Geschichte des Utopismus zeigt, die Suggestion eine Rolle. Etwas Phantastisches, Krankhaftes haftet allen den Jdealstaatenplänen an von Plato bis Bellamy. Die getäuschte und belogene Menge, um ihr Gaukelspiel gebracht, reagiert aus die geschwundene Hoffnung und verflucht die Fata Morgana, der sie zujnbckte! Sv bewegt sich der Massenwahn in den wunderlichsten Formen, die vom Grotesken zum Krankhaften sich steigern: ein Spiegelbild der Zeit, in der wir leben. Ueber die Heilmittel gegen den Massenwahnsinn, der natürlich seine Ursachen und Bedingungen hat, will ich mich hier nicht verbreiten. An seinem Vorhandensein ist kein Zweifel, und man übertreibt nicht, wenn man chn an seiner Wurzel faßt und seinen offenkundigen Erscheinungen nachgeht, die bedingt sind durch die Führer der Massen, glänzende Redner oder geschickte Demagogen oder hervorragende Feldherren und Staatslenker, bedingt auch durch die Stimmung, das Milieu, als einem unerklärbaren Etwas. Im Massenwahnsinn zeigt sich jene Riesengewalt unberechenbarer Art, die einzudämmen schwer ist und die zu verhüten es Vorbereitungen bedarf, die uns fehlen. Möge es den Lenkern der Völker gegeben sein, die Massen zu erhabenen Zielen und edlen Ausgaben zu bringen, damit der Massenwahnwitz gebrochen wird. Das Ursrlitilchr Lrhrrrimrrnhrjm in Ler1M''LjchtrrkrMr-Mrlt. Von Fanny Cvhn-Neßler. it lebhafter Freude begrüße ich die von der Leitung dieses Blattes eingerichtete Revue über jüdische Wvhlfahrtsanstalten. Wie lieblich klingt dem Ohr das Wort: „Wohlfahrt" — gegenüber der Disharmonie, welche jetzt in unserem öffentlichen Leben dominiert. Die Heilige Schläft gebietet, daß jeder von seinem Vermögen ein Zehntel den Armen gebe. Dies Gebot wird noch heutigentags, selbst von Neologen. — heilig gehalten. M a a s s e r geben ist eine Schuld, die jeder abträgt, der über irdische Güter verfügt. Denn: „Z'daka tazil mimaweth", Wohltun verscheucht den Tod. Mancher gibt mehr als ein Zehntel. Der Arme spart sich's vom Muüde ab; Z'daka gehört mit zu den notwendigen Ausgaben. So ist denn das ganze religiöse Empfinden nicht nur, sondern auch das tägliche Leben daraus eingestellt. Man muß Helsen, überall, wo es not tut. — Die Zahl der von Juden gegründeten und unterhaltenen Wohlfahrtsanstalten ist beträchtlich. Jüdische Mitbürger können sich nicht genug tun in Werken der Liebe zum Nächsten. Ihre Freigebigkeit erstreckt sich, in noch fast höherem Maße, auch aus Veranstaltungen von nichtjüdischer Hand. Sie streuen ihre Gaben verschwenderisch aus. Jede Nummer der Tagespresse gibt hiervon Kunde. Allzu groß war die Not — der jüdischen Lehrerinnen! Als im Jahre 1898 einer jüdischen Lehrerin wegen ihrer Konfession die Anstellung an einer städtischen Schule verweigert wurde, faßten beherzte und sozial denkende Mitglieder der Berliner Gemeinde den Gedanken von Fräulein Paulkne Münchhausen, der Begründung eines „Lehrerinnenheims" für jüdische Lehrerinnen, auf und schritten zur Tat. Der verstorbene Vorsitzende der Berliner Aerztekammer, Geh. Sanitätsrat Dr. Moritz Wiesenthal, Dr. Salo Adler (leider auch verstorben) (Frankfurt«. M.), der Direktor des Philanthropins, Alphons Iacobsohn in Leipzig, der gleichfalls und leider so früh verstorbene edle Mäzen, welcher die ganze Einrichtung an Teppichen, Decken usw. für das Heim stiftete, Frau Fanny Reichenheim, jetzt noch als Seniorin dem Vorstande angehörend, sowie eine größere Anzahl von anderen wohltätigen Berliner Männern, und Frauen traten mit größeren Geldbeiträgen dem Unternehmen bei. Es konsolidierte sich. Am 31. Oktober 1899 wurde das Heim in Steglitz in zwei gemieteten Etagen mit 6 Insassinnen, aus dem Reich und Berlin eröffnet. )tach zwei Jahren bezog das Heim seinen Neubau in Lichterselde; 't>a§ Kapital hatte der nun verstorbene Rentier Max W y g o d z i n sk i hierzu gestiftet. Am 17. März wurde'der Bau in eindrucksvoller Feier eingeweiht. Die Insassinnen hatten sich aus zehn vermehrt. Das Unternehmen wuchs rapid, dank dem fürsorglichen Streben seines Vorstandes. In Dr. Wiesenthal besaß das Heim einen ebenso vornehm denkenden wie tatkräftig eingreifenden Vorsitzenden. Inzwischen war die Zahl der Bewohnerinnen aus 25 angewachsen und die schön eingerichtete Villa konnte keine neuen Bewohnerinnen mehr aufnehmen. Doch die Zahl der Einlaßheischenden mehrte sich andauernd. Da beschloß der Verein, ein zweites Haus anzukaufen. Das Nebenhaus, bis jetzt noch vermietet, soll später ausgebaut und weiteren 25 Damen zur Verfügung gestellt werden. Mithin werden in Zukunft 50 alleinstehende bedürftige Lehrerinnen in diesem schönen Asyl, das in der reizenden Gartenstadt Lichterselde, dicht am Bahnhof, in günstigster Lage sich befindet, ihren Lebensabend zubringen dürfen. Ich bitte, mich auf einem Rundgange durch die Räume des Hauses begleiten zu wollen. Im Hochparterre liegen acht Wohnzimmer, der große, vornehm wirkende Speisescml und 'daneben das freundlich ausgestattete Bureau. Eine bequeme Holztreppe führt in den ersten Stock. Hier sind zehn Räume bewohnt. Das zweite Stockwerk enthält acht Wohnrüume, Böden und Waschküche. Im Souterrain befinden sich die große, Helle Küche mit Mar-