Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229431--75230-3287726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
461 . In der französisch-britischen Shrienfrage ist, wie. wir ausgeführt Haben, das jüdische'Palästina nur durch eine' Meinungsverschiedenheit. bezüglich seiner. Grenzen beteiligt,' eine' Meinungsverschiedenheit, die leicht ausgeglichen werden kann. Wir nehmen an, daß Frankreich, wenn es .sich bezügliche der Nordgrenze von Palästina hartnäckig zeigt, eine solche Haltung nur infolge..seines durchaus berechtigten Wunsches einnimmt,, daß die. ganze.Palästinafrage Zusammen und nicht stückweise geordnet werde. Wenn Frankreichs Widerstand eine solche zusämmenfassende Lösung beschleunigt, so sind die Zionisten und düs jüdische Volk ihm dafür dankbar. Es muß allerdings vorausgesetzt werden, daß im Laufe irgendwelcher Verhandlungen zwischen Großbritannien und Frankreich die Rechte des. jüdischen .Palästinas, und. nicht nur seine territorialen, sondern auch seine sozialen und politischen Rechte^ erörtert und geschützt werden. Die natürliche Folge der Beilegung des strittigen Punktes zwischen England und Frankreich sollte auch eine endgültige Entscheidung bezüglich der Grenzen des jüdischen Palästinas und bezüglich des ganzen Apparates, durch den das jüdische Palästina verwirklicht werden muß, mit sich bringen. In diesem Sinne sind die Besprechungen, die jetzt in Deauville und Paris stattfinden, schicksalsvoll auch für.das jüdische Palästina." Der Artikel.betont die. große Verantwortung, die in der gegenwärtigen Stunde bei diesen Verhandlungen. in Paris auf Lloyd George ruht, und fährt fort: „Das jüdische Volk erwartet von ihm jetzt in'dieser kritischen Stunde, daß er vollende, was er begonnen und bisher vollbracht hat. Es blickt' zu ihm mit dem festen Vertrauen, dah er, was er als notwendig erkannt hat, mik Energie und staatsmännischer Kunst auch durchsetzen werde. Glücklicherweise ist es vollständig klar, was bezüglich des jüdischen Palästinas notwendig ist. Zunächst ist ein. integrales Palästina notwendig, d. h. ein Palästina, das alle diejenigen ökonomischen Elemente umfaßt, die von vitalem Interesse für sein ökonomisches Leben sind. Auf diese Weise sind die Grenzen Palästinas leicht bestimmt: Im Norden'bis.zu den Quellen der Flüsse, durch die das neue Palästina leben muß; im Osten ist die natürliche Grenze Palästinas — die historische Grenze, die Grenze der jüdischen Siedelung — i>te Wüste, wobei die nötigen Arrangements getroffen werden müssen, um die Rechte des Verkehrs entlang der Hödschasbahn zu sichern. Die Südgrenze muß so weit ausgedehnt werden, daß sie die Grenzgebiete des anbaufähigen Bodens umfaßt und Palästina einen. Ausgang zum Roten Meere gibt, was seinen Handel nach Ost und West sichern.wird. In eine Erörterung der Details der inneren.Organisatiyn in Palästina, die für die Entwicklung des jüdischen Palästinas notwendig ist, brauchen wir im Augenblick nicht einzugehen. Diese Dinge sind schon wiederholt in den Spälten unserer Zeitung behandelt worden. Der Grundsatz gilt auch hier wie anderswo: daß wer das Ende will, auch die Mittel wollen muß. Diese Mittel, die für die Entwicklung des. jüdischen Palästinas unerläßlich sind, find vorhanden und sie enthalten keine Ungerechtigkeit.gegenüber den nichtjüdischen Elementen im Lande." Msllenwshnlmn. . Bvri, Gerrerakbbera'rzt a. D. Dr. Neumann. . n einer Gesellschaft ernster Männer wurde neulich die V Frage von tiefer Bedeutung erörtert, ob nicht eine Zeit komme, wo die Zahl derjenigen nicht ausreicht, die für eine andere Zahl Jrveniwärter zu sein habe. Soweit'braucht man nicht zu gehen, aber was wir heute von Masseninstinkten. Massengefühlen, Massengeist, Massenbefriedigung, Massenbedürfnis sehen, ldas grenzt doch auf dem Wege der Masfenleidenschast und des Massenrausches an Massenwahnsinn, und namhafte Psychiater, wie Bechteren, Gaupp, Marx u. a., haben sich mit dieser Frage beschäftigt. Semon spricht von Engrammen, d. ch. gewissen Eindrücken im Gedächtnis, die sich wiederholen, wenn eine ähnliche Situation sich zeigt; die Sunzme. solcher Engramme ist die Mneme. So haben auch die Massen.ihre Mneme, ihr Masseugedächtnis. Die Kriege und die Revolution von früher haben uns solche-Engramme hinterlassen, die zur Mneme. wurden. Was wir heute-sehen, war schon früher da als Massenpsychose und Massensuggestion, die auf der Grenze des Krankhaften steht. Auch die edle Begeisterung vom „Gott will es" der Kreuzzüge bis zur Erhebung August 1914 kann suggestiv entstehen. Aber viele solcher Suggestionen haben eine üble Wirkung und zeigen sich gleichsam wie psychische Epidemien. Auch hier werden wir an frühere Zeiten erinnert. Wir denken an die Wolfswut, an die Tanzpsychosen des Mittelalters, an die Flagellanten, an die Sekte der Skopzen und Maljovanniten, an den Tarant'smus. Es ist ein induziertes Irresein und tritt 'heute als Terrorismus, Tumultuarismus und Demonstratismus auf. Das ist Massenwahnsinn. Charakteristisch ist, daß alle Logik und Ueberlegung ansgeschaltet ist, daß es keine Gesetze gibt, nach denen es geht. Es ist schon nachgewiesen, daß eine Reihe der Demagogen und Volksverführer, wie wir sie gesehen haben, verkommene, entgleiste Subjekte sind, Deklassierte, aus der Bahn geworfene, geisteskranke Verbrecher. Sie wirken auf die Masse und infizieren sie. Ost ist es ein Wort, eine Geste, ein Schrei, ein Zeichen, und die Masse folgt blindlings. Die Masse, der Pöbel, der Mob ist unberechenbar. Ueberredung, Beispiel und Suggestion wirken. Dafür gibt es in alter und neuer Zeit Beispiele. Der blinde Nachahmungstrieb erstickt die Persönlichkeit. Auch religiöse Ideen können der Massenpsychose zugrunde liegen. Hier ist der Massemvahnsinu mystischer und mythologischer Natur. Die krankhaften Masseiiidven schließen das Selbstdenken aus. Das beste Beispiel ist die Panik in Krieg und Frieden, z. B. bei einem Theaterbrand. Die Massenpsychose'' -iff charakterisiert durch den Stimmungswechsel. Das war schon früher so. Ans das Kreuzige folgt das Hosianna oder umgekehrt. Planlos und gesetzlos'erzeugt Krieg und die aus ihm geborene Revolution eine Asfektspannung, die ans die Dauer Unerträglich und unmöglich ist. Sie entladet sich explosionsartig. Die Revolution kürzt die Evolution ab. Im Gegensatz dazu wird die Masse oft apathisch. Sie erscheint wie gelähmt. 'Gegenwärtig erleben wir eine Lähmung der bürgerlichen Blassen, während die Arbeiter oben sind. Das kann sich auch wieder uinkehre». Erregung und Lähmung wechseln wie eine Art zirkuläre» Irreseins, eine zyklische Form der Psychose der Blasse. Blassenwahnsinn ist die durch die Miesmacher induzierte Form der Angstneurofe vor Bolschewismus, Terror, Hungersnot, Staatsbankrott.- Wir' finden Analogien aus früherer Zeit, jedes Kulturalter hat feine Erscheinungen. Das Geheimnis der Psychose der Massen, der die Hemmungen fehlen, ist üner- - gründlich. Einem Vulkan gleich dringt die Eruption an' die Oberfläche. Kemmerich gibt Hier interessante Beispiele ans alter und neuerer Zeit. Zum Massenwahnsinn gehört auch die Gerüchtsneurose, wie sie W. Stekel schildert. Der größte Unsinn wird verbreitet. Wir haben es hier besonders dann beobachtet, wenn keine Zeitungen erschienen. Da feiert der Mafsenwahnsinn Triumphe. Veranlasser sind' die Flaumacher. Das Schlechte wird stets mehr geglaubt als das Gute. Die Angstneurotiker machen Schule. Das Streikfieber, die Verschwendungsneurose nach dem Satz: Hinter uns die Sintflut, die -SpieLwut, der Kinotauwel rechnen zu den Massenpsychosen. Die Macht der Suggestion äußert sich in psychopatischen Epidemien. Fanatismen aller Art finden NächahmeriDie geistigen Konvulsionen der Masse zeigen sich in mannigfachen Fvvmen.s Massenillpsionenfnnd Massenhalluzinationen find an der Tagesordnung. Massenversammlungen zeigen'sich. oft. von e i ner Idee >beseelt und von den gleichen Gefühlen in Wallung versetzt. Das brauchen nicht stets krankhafte Geifühle zu sein. .Aber die gewissenlosen'Führer appellieren an die niedrHsten Instinkte der Massen. Ist die krankhafte Idee reif geworden, so wirkt sie wie ein mächtiger Impuls, wie eine elektrische Ladung.- Charakteristisch für den Massenwahnsinn ist auch seine Sprunghaftigkeit. Sie spielt in der Völkerpsychologie