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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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459 bauen, nur im Handel und Geldverkehr konnte er schwer bedrückt den Lebensunterhalt für sich und die Seinen erwerben. Diese jahrhundertelange einseitige Entwicklung feilschender Verschmitztheit und jeden! Vorteil erspähenden Handelns — wir waren es doch die dem jüdischen Geiste diese Form aufzwangen. Wenn der Jude nicht verhungern wollte, nur so konnte er sein Leben fristen-, alle anderen Wege hatten doch wir ihm versperrt. Heute sehen wir, wo immer Juden in der zweiten -und dritten Generation aus diesen Formen' wirtschaftlichen Lebens und sozialer Bedrücktheit sich befreiten, eine Höherentwicklung, nicht nur -des geistigen Lebens, sondern der ganzen Art, sich im Leben durchzusetzen. Natürlich nur bei -den EntwickLungs-- fähigen. Mer liegt das bei uns germanischen Deutschen anders? Ist der seistgefressene germanische Schieber oder Kriegsgewinnler eine so viel sympathischere Erscheinung als der jüdische? Ist der Bauer, wie ihn Fritz Reuter schildert, mit seinem besitzlosen, kaltherzigen „all mtln" wirklich ein so überlegener Edelmensch? Und wie beim Bauern, haben wir es bei allen Berufsständen — nicht Berufsstland und Rasse unterscheiden gerecht die Menschen, zwischen Anständigen und Unanständigen läuft die Scheidegrenze unter den Menschen. Sollte sie laufen bei voller Erhaltung eines gesunden Gefühls nationaler und rassenmäßiger Unterschiede. Daß in dieser Hinsicht wir etwas von den Juden lernen könnten-, gibt ja auch der schärfste Judenhasser zu. Daß. umgekehrt die Juden in dieser Richtung manchmal etwas zuviel tun, -ist zwar menschlich begreiflich und psychologisch erklärlich, schadet aber einer gerechten Würdigung unserer eigentlichen deutschen Juden. Denn die Juden des Ostens sind, mag man die Gründe für ihre Entwicklung menschlich noch fo sehr würdigen, keine so sympathische Erscheinung, daß eine Identifizierung und Sol-idari!- tätserkläryng mit ihnen unseren alteingesessenen, längst höher entwickelten Juden nicht schaden müßte. Was aus dem Osten zu uns e-i'Nwandert, kann -demgemäß nicht unserer freudigen Aufnahme gewiß sein und wird -auch unseren deutschen Juden manch Unbehagen erwecken. Hier auf eine möglichste Zurückhaltung hinzuwirken, bis uach ein. Zwei Generationen eine gewisse Amalgamierung mit unserem Wesen und unserer Kultur stattgefunden hat, läge im eigensten Interesse der deutschen Ju-den und wäre eine dankbare Aufgabe für den Bund zum Schutze deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Was heute besonders nachwirkt und herhalten muß, die Judenfrage bei uns zu verschärfen, -ist die Behauptung von dem Unterschlupf, den viele Juden in den Kriegsgesellschaften gefunden haben. Auch hier liegen die Dinge in- -der Entwicklung der Juden begründet. Wir haben sie auf den Handel und Geldverkehr gedrängt; -es war deshalb natürlich, daß sie auf diesen Gebieten ihren Intellekt ganz einseitig und besonders stark entwickelten, die meisten Erfahrungensammelten, und daß so deshalbverhältnismäßig mehr Juden auf diesen wichtigen Gebieten unserer Volkswirtschaft über die Erfahrung verfügten, die man gerade für den Aufbau und das Wirken der Kriegswirtschaften benötigte. Gewiß, der starke Familiensinn, der die Juden auszeichnet, und das Solidaritätsgefühl, das außerdem jahrhundertelange Verfolgung ihnen anerzogen, haben dannwohl auch manchen in die Krieg-sgesellschaften nachgezogen. Aber da wurde doch Remedur geschaffen. Den ganz besonderen Anstoß m>ancher Kreise -erregt es nun heute, daß in der Preußischen Regierungmanche Juden sitzen. Wir leben in einem demokratischen Staate. Es ist der Menge des deutschen Volkes -unbenommen, sich Führer zu wählen jüdischer und nichtjüdischer. Abstammung. Wenn unsere schläfrige deutsche Art in der Tat durch die Regsamkeit der Juden auch in der Politik aufgerüttelt. würde, so wirkte sie als ein recht segensreicher Sauerteig. Daß die Juden in der sozialdemokratischen Partei und bei den Linkssozialisten und Kommunisten so oft die Führer gestellt haben, ist das verwunderlich her der Behandlung, die von vielen Seiten- -den Juden, vor allem allerdings den Ostjuden, zuteil geworden war? Wir können als eine der ältesten deutschen Zeitungen keinen Philofern iti-smus wollen, wir wollen ein gesundes Selbstgefühl unserer germanischen Art, aber wir wollen dieses Gefühl nicht übersteigert haben zu dem übermütigen und hochmütigen H-errengesühl, das den jüdischen Mitbürger als ein im Grunde minderwertiges Geschöpf ansieht und behandeln zu dürfen glaubt. Wir wollen Gerechtigkeit, die den Juden aus seiner Geschichte begreift, die den anständigen deutschen Juden von dem -unanständigen scheidet, wir wollen jene wahre Frömmigkeit, die begreift, daß die jüdische Art uns zur Weiterentwicklung mH Aufrüttelung aller Kräfte unserer Art gesandt wurde. Deshalb haben wir auch unseren jüdischen Mitbürgern die Spalten unseres Blattes stets offengehalten zur Abwehr allzu gehässiger und verallgemeinernder Angriffe auf die Juden und werden sie ihnen weiter offen halten. Daran machen uns anonyme und offene Schmähungen nicht -irre — auch nicht daS mit bewußter, geschäftsfchädigender Absicht verbreitete Gerücht, Rudolf Mosse, der Verlag des „Berliner Tageblatts", habe die „M-agdeburgische Zeitung" gekauft. Noch hat sich keiner der Ehrenmänner fassen lassen, so daß wir ihn wegen der Verbreitung dieser offenen, zu Konkurrenzzwecken verbreiteten Lüge hätten belangen können. Vielleicht findet einer von ihnen eines. Tages den Mut, den ja die klebe rgermanen so gern als ihr besonderes Erbgut in Anspruch nehmen. Alle diese Angriffe und Verleumdungen können uns nicht bewegen, schweigend zu dulden, was wir eines großen., innerlich freien und deshalb gerechten Volkes für unwürdig halten. In unserer engeren Heimat aber, in dem Verbreitungsgebiet der „Magdeburgischen Zeitung", haben wi>r besonders eine alteingesessene, im allgenreinen hoch anständige Judenschaft, mit der wir bisher in Frieden -nebeneinander gelebt haben. Wir sind überzeugt, daß an dem ruhigen, nüchternen Wirklichkeitssinn unserer Mitbürger jeder Versuch einer Judenhetze scheitern wird. ' * Die preußische Regierung über die galizischen und polnischen Einwanderer. In der Sitzung der Preußischen- Landesversammlung am 3. d. M. stand -unter den Kleinen Anfragen zur Beratung auch eine Anfrage des- Abgeordneten M a tschkewitz (Deutschnational) über Tausende galizischer und polnischer Juden, die dem deutschen Volke Brot und Wohnungsrnöglichkeiten nähmen-. Dazu gab die Regierung folgende, auf der Linken mit -großem Beifall aufgenommene Erklärung ab: Die Befürchtungen über Steigerung der Wohnungsnot - und des Ernähvungsmangels in Deutschland durch die Einwanderer sind übertrieben. Lästige Auswanderer können nach den bestehenden Bestimmungen allerdings abgeschoben werden. Bon dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, wenn es sich um Flüchtlinge handelt, die der zwangsweis-en Einstellung in die polnische Armee entgehen wollen, empfiehlt sich nicht, so lange im Osten der Friedenszustand nicht tatsächlich wieder hergestellt ist. Flüchtlinge nach Polen, wo Judenpogrome eine ständige Gefahr sind, abzuschieben, verbiete s i ch a u s Gründen der Menschlichkeit. (Lebhafte Zustimmung links.) Verbrecher wird die Regierung rücksichtslos über die Grenze zurückschaffen. Dabei wird selbstverständlich nicht nach konfessionellen Rücksichten verfahren. (Lebhafte Zustimmung links.) D- Die antisemitische Wühlarbeit in Wien. Wien, 29. September. Wie die „Reichspost" von unterrichteter Seite erfährt, kann eine für den 5. Oktober angefetzte Kundgebung vor dem Rathause für die endliche Ausweisung der ausländischen Juden nicht erlaubt werden, weil die Ententevertreter gegeu die Abhaltung der Versammlung Stellung nahmen und für die -autzerpoli tische Lage der Republik im Falle -des Stattfindens der Kundgebung unangenehme Folgen erwachsen könnten. * Der Antisemitismus in Ungarn. Wien, 30. September. Die Blätter melden aus Wiener-Neustadt: Als gestern nachmittag ein Zug aus Oedenburg im ungarischen Kurort Sauerbrunn ankam, wurden die jüdischen Passagiere, -etwa dreißig an der'Zahl, von Soldaten, die unter dem Kommando Szekler Offiziere einen Kordon bildeten, beim Verlassen des Zuges bei der Legitimierung und beim Ausgange mit Ohrfeigen, Fußtritten und Stößen mit -den Gewehrkolben traktiert. Auch Leute, die nur für Juden gehalten wurden, und De utschösterreicher wurden mißhandelt. /M; * Die Pogrome in der Ukraine. * Der Präsident des Jüdischen Hilfskomitees in der Ukraine, Advokat -Go Idstein, erstattete auf'den Plenarsitzungen des „Komitees

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