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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-08 · Heft 41 (8.10.1919) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 41 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 feit, Bescheidenheit predigt d ie Bachweide und zeigt den Weg zu Abhärtung und Entbehrung, ohne die nun einmal keine hochgemute Lebensführung möglich ist. Nicht zu viel erwarten von anderen, viel verlangen von sich: das ist die Losung, die hier misgegeben wird. „Hast du im Tal ein sicheres Haus.. So wolle nicht zu hoch hinaus!" Lerne dich bescheiden in allem, was äußere Schätze ausmachen. Raste aber nicht, wo es gilt, innerlich vorwärts zu lammen: „Bergiß, o Menschenseele, nicht, daß du Flügel hast!" Dir Woche. B e r l i it, C>. Oktober 1919. as deutsche Judentum hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. In der Nacht zum 29. September ist Professor Tr. Oo n t t m a n n , Rabbiner der Breslauer Synagogengemeinde, im Alter von 74 Jahren gestorben. Schon seit Jahren krankte er an einem Magenleiden, das sich durch die schlechte Ernährung der Kriegszeit verschlimmerte. Es trat in den letzten Tagen eine Herzschwäche hinzu, von der sich der Kranke nicht mehr erholte. Sein Tod kam vollkommen unerwartet. Professor Tr. 0) u ttma n n , geboren in Beuthen am 22. April 1845, erhielt seine theologische Ausbildung am Breslauer Jüdisch- Theologischen Seminar, seine philosophische an der Breslauer Universität. Auf Grund seiner von der philosophischen Fakultät preisgekrönten Schrift über die Beziehungen Spinozas zu Eartesius wurde er 1868 zum i)r. pinl. promoviert. 1870 vollendete er seine Studien als Rabbiner, Prediger und Religionslehrer. Zuerst war er zwei Jahre Vertreter des Breslauer Rabbiners Tr. Ioäl, dann 22 Jahre Landesrabbiner in Hildesheim und seit 1892 Rabbiner der Breslauer Synagogengemeinde. Juden jetzt lebenden Generationen galt er als einer der gelehrtesten Rabbiner des Deutschen Reiches. Seine wissenschaftlichen Untersuchungen erstreckten sich ganz besonders auf das Verhältnis der jüdisch-mittelalterlichen zur scholastischen Philosophie. Seine Bücher über Abraham Jbn David, Saadja, Ibn Gabirol und Maimonides sind von grundlegender und bleibender Bedeutung für die Wissenschaft des Judentums. Er ist ieit Jahrzehnten der Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gewesen. Alle großen Verbände der deutschen Juden rechneten es sich zur Auszeichnung an, ihn als Mitglied in ihrzem Vorstände wirken zu sehen. Eine eingehende Würdigung der Lebensarbeit des Entschlafenen folgt in der nächsten Nummer. * Es ist erfreulich, zu sehen, daß sieh nunmehr auch die evangelische Geistlichkeit immer mehr darauf zu besinnen anfängt, daß der landauf, landab nicht nur von gewissenlosen politischen Agitatoren, sondern auch von manchem streitbaren Tiener der Kirche gepredigte Judenhaß mit der von dem Stifter der christlichen Religion so nachdrücklich verkündeten Menschen- und Nächstenliebe doch in gar zu grellem Widerspruch steht. Leider steht heut in weiten Kreisen der Bevölkerung der Nächstenhaß höher im Kurse als die Nächstenliebe. Tie Verbreitung eines der bekannten ekelhaften Flugblätter aus der Werkstätte des „Deutschen Schutz- und Trutzbundes" hat dem evangelisch-resormierten Pfarrer Fr. Jde in Kl.-Almerode b. Witzenhausen Veranlassung gegeben, in einer Zuschrift an das „Kasseler Tageblatt" (9. September) als „evangelischer Ehrist und demokratischer Staatsbürger" einige besonders hetzerische und lügnerische Behauptungen dieses Flugblattes niedriger zu hängen. Er beschließt seine Betrachtungen mit dem mannhaften Bekenntnis: „Wir sind der Meinung, daß wir Ehristen, die wir in unserem Volke gegenwärtig die Mehrzahl ausmachen, den Andersgläubigen dasjenige willig zugestehen muffen, was im entgegengesetzten Falle wir als Minderheit von ihnen ohne Zweifel fordern würden, nämlich gleiches Recht für alle. Das ist demokratisch und ist zugleich,, nach unserer Ueberzeugung, auch christlich. Kein einziger von uns denkt .daran, den Juden ein Vorrecht oder eine Vorherrschaft einzuräumen; aber das Versprechen geben wir -allerdings^ wenn, jemals versucht werden sollte, unsere jüdischen Mitbürger politisch und gesellschaftlich unter andere herabzlldrücken und ihnen auch nur ein Joch voll ihrer Gleichberechtigung im Staate zu rauben, dann sind wir entschlossen, sie sehr kräftig und sehr gründlich dagegen in Schutz zu nehmen, und wenn man uns daraufhin eine „Judenschutztruppe" nennen will, so sehen wir das als einen Ehrennamen an." . Die antisemitischen Hetzapostel können'übrigens aus diesem Bekenntnis eines evangelischen Geistlichen ersehen, daß ihre Spekulationen zuweilen trügen, daß ihre hetzerische Tätigkeit das Gegenteil hervorruft von dem, was sie beabsichtigten. Herr Pfarrer Jde gesteht nämlich ein, daß die antisemitischen Flugblätter allerdings eine gewisse Wirkung aus ihn ausgeübt haben: „Die Wirkung besteht darin, daß ich in diesen Tagen dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" beigetreten bin. Mögen recht viele, auch wenn sie politisch zum Teil auf anderem Boden stehen, es hierin ebenso machen. In diesem Sinne wünsche ich den antisemitischen Flugblättern einen guten und gesegneten Erfolg." Diesem Wunsche können wir uns nur aus vollem Herzen anschließen. * Unter der Ueberschrift „Zur Judenfrage" bringt die „Mag'deburgische Zeitung" in der Ausgabe vom 18. September folgenden sachlichen und nach mancher Hinsicht beachtenswerten Artikel: Ein Wort der Besinnung. Unser deutsches Volk ist seelisch krank —- wie könnte es anders sein nach den ungeheuren Leistungen, den furchtbaren Leiden- und der entsetzlichen Enttäuschung! Und es scheint: keine seelische Er-; trantung soll ihm erspart bleiben, auch die Judenfrage soll sich, dazu entwickeln. Leute, die ein Interesse daran haben könnten, die innerdeutschen Verhältnisse nicht.zur Ruhe kommen zu lassen, möchten aus politischer Desperadoerwägung die Judenfrage dazu benutzen. Eine Zeitung, die ihrer Verantwortung vor der Geschichte ihres Volkes sich bewußt ist, wird zu rechter Zeit in ifyrcm Wirkungsbereich auch dieser Bewegung ihre Aufmerksamkeit widmen müssen. Wie steht es mit der Judenfrage, was hat zu ihrer.Perschärsnng geführt? Vorweg wird man sich mit jedem verständigen Juden darüber einig sein, daß zwischen Juden und Nichtjuden allgemein ein deutlich fühlbarer Artunterschied nicht nur der äußeren Erscheinung besteht. Wer nach Gerechtigkeit strebt, wird diese Feststellung an die Spitze jeder Erörterung der Judenfrage stellen müssen. Und wird betonen müssen, daß das Gefühl und' Bewußtsein dieses Artunterschiedes, unbewacht, leicht zu einem. Gegensatzgefühl, zum Gefühl des Rassengegensatzes sich steigern kann. Diese psychologische Tatsache wird zu leicht von denen übersehen, die nur mit dem Verstände an die Frage herautreten. Neben dieser Andersart empfinden, viele des Juden besonders ausgebildeten Erwerbssinn störend und als Gefahr. Wenn uns Nichtjuden. die wir uns der Kürze halber als Arier und Germanen bezeichnen, das störend auffällt, sv hat das seinen Grund wohl in zwei Umstünden: in der im geschichtlichen Entwicklungsgang des deutschen Volkes anders ausgebildeten germanischen Psyche, die ursprünglich und allgemein betrachtet den-Besitz gegenüber, nennen wir es: eine ritterlich gleichgültigere Haltung hatte, und zweitens in dem Umstande, daß in einer Zeit kapitalistischer Aufwärtsentwicklung ohnegleichen der germanische Deutsche von seinem jüdischen Staatßgenossen vielfach sich im wirtschaftlichen Wettbewerb überflügelt sah Nun aber erfordert die Gerechtigkeit doch, festzustellen, daß ja gerade wir germanischen Deutschen die Juden unseres Reiches auf die einseitige Entwicklung des Erwerbstriebes hingebrängt haben. Jahrhundertelang durfte der Jude kein Handwerk treiben,- nicht Acker

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